Immer häufiger erhalten Amazon-Kunden plötzlich Pakete mit Waren, die sie nie bestellt haben. Was harmlos oder kurios wirken mag, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Teil einer perfiden Manipulationsstrategie: dem sogenannten Brushing-Betrug. Wie funktioniert diese Masche, wer profitiert – und wie können sich Verbraucher schützen?
Was versteht man unter Brushing auf Amazon?
Beim sogenannten Brushing handelt es sich um eine betrügerische Taktik im E-Commerce, bei der Händler gefälschte Bestellungen auslösen, um positive Produktbewertungen zu generieren. Die Sendungen werden dabei an reale Adressen verschickt, meistens ohne Wissen oder Einverständnis der Empfänger. Ziel ist es, einen vermeintlich verifizierten Kauf vorzutäuschen, um glaubhafte Rezensionen zu posten – entweder durch Fake-Accounts des Verkäufers selbst oder mithilfe externer Dienstleister.
Diese Methode ist nicht neu, gewinnt aber durch den zunehmenden Wettbewerb auf Marktplätzen wie Amazon wieder an Bedeutung. Da Bewertungen nach wie vor einen entscheidenden Einfluss auf die Kaufentscheidung haben, sind sie für Händler bares Geld wert. Das Brushing ermöglicht es, die Sichtbarkeit eines Produkts algorithmisch zu steigern, indem es fälschlich als beliebt gilt.
Wie läuft ein typischer Brushing-Betrug ab?
Das Vorgehen ist meist in wenigen Schritten organisiert:
- Ein Händler erstellt oder beauftragt eine fingierte Bestellung mit realer Adresse.
- Die Ware – oft günstige oder wertlose Artikel – wird an die Adresse geschickt.
- Nach Zustellung wird eine positive Bewertung hinterlassen, oft mit dem Hinweis „verifizierter Kauf“.
- Das Bewertungsprofil des Produkts verbessert sich künstlich.
Der Empfänger der Ware bleibt oft ratlos zurück. Zwar entstehen ihm keine direkten Kosten, jedoch ist der Missbrauch persönlicher Daten – insbesondere der Anschrift – ein erhebliches Datenschutzproblem. Viele Betroffene machen sich Sorgen über Identitätsdiebstahl oder Datenlecks, denn ein Kauf wurde nie getätigt und dennoch kennt der Händler die Adresse.
Warum Händler auf Brushing setzen
Amazon listet Produkte auf Basis eines komplexen Algorithmus, bei dem unter anderem auch Anzahl und Qualität der Rezensionen eine wichtige Rolle spielen. Eine höhere Bewertung verbessert die Sichtbarkeit, erhöht die Klickrate und steigert letztlich den Umsatz. In einem überfüllten Marktplatz mit zehntausenden vergleichbaren Produkten kann eine 4,8-Sterne-Bewertung statt 4,0 entscheidend sein – psychologisch wie algorithmisch.
Experten vom Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland (bevh) warnen, dass solche Praktiken nicht nur unlauter sind, sondern auch zu einer verzerrten Marktwahrnehmung führen. Verbraucher werden bei ihrer Entscheidung massiv beeinflusst – zumindest glauben laut einer Statista-Umfrage von 2024 rund 65 % der Käufer, dass Bewertungen ein „entscheidendes Kriterium“ bei der Produktauswahl darstellen.
Ein weiterer Grund für Händler: Die Einstiegskosten für Brushing sind gering. Günstige Wegwerfartikel, Massenversand durch Fulfillment-Strukturen und Dienstleister aus Fernost ermöglichen ein skalierbares System mit vergleichsweise hoher Wirkung. Dass dies gegen die Amazon-Richtlinien verstößt, stört viele unseriöse Händler kaum, denn die Aufdeckungsrate ist bislang gering.
Wie häufig kommt Brushing tatsächlich vor?
Genaue Zahlen sind schwer zu ermitteln, da viele Betroffene den Versand ignorieren oder die Verbindung zu betrügerischen Bewertungen nicht erkennen. Laut einer Studie von Which? News (UK, 2023) gaben jedoch rund 17 % der Teilnehmer an, im Jahr mindestens einmal ein unerwartetes Amazon-Paket erhalten zu haben, das sie nicht bestellt hatten. In den USA schloss sich das Better Business Bureau (BBB) dieser Einschätzung an und sprach 2024 von einem „alarmierenden Anstieg“ an gemeldeten Fällen, mit geschätzten 34.000 Brushing-Opfern pro Monat.
Auffallend: Auch Unternehmen oder Institutionen gerieten zunehmend ins Visier des Brushings, um sogenannten „Social Proof“ und Authentizität zu suggerieren. Testberichte.de berichtete 2024 über manipulierte Rezensionen im IT-Segment zu SSDs, Gaming-Zubehör und Smartphone-Hüllen mit identischen Textbausteinen und auffällig hoher Sterne-Bewertung.
Risiken und rechtliche Grauzonen
Obwohl Empfänger der Waren zunächst keine finanziellen Nachteile erleiden, gibt es mehrere bedenkliche Aspekte:
- Missbrauch personenbezogener Daten: Wie kam der Händler an Ihre Adresse?
- Gefahr eines Identitätsmissbrauchs: Brushing kann ein Vorbote für betrügerische Kontoeröffnung oder Kreditbeantragung sein.
- Verwechslungsgefahr bei Versand: Einige Pakete enthalten Tracking-Nummern echter Bestellungen mit manipulierten Kundendaten.
Rechtlich bewegen sich viele dieser Vorgänge in einer Grauzone. Der Versand unbestellter Ware ist nach deutschem Recht grundsätzlich zulässig, solange keine Zahlungsaufforderung erfolgt (§ 241a BGB). Doch problematisch wird es, wenn die verwendeten Absenderadressen aus geleakten Datenbanken stammen – in diesem Fall handelt es sich um klaren Datenschutzverstoß gemäß DSGVO.
Amazon geht in seinen Richtlinien strikt gegen Bewertungsmanipulationen vor und hat in der Vergangenheit bereits tausende Verkäuferkonten wegen Brushing geschlossen. Dennoch bleibt es ein Katz-und-Maus-Spiel, da sich viele Täter in internationalen Grauzonen und unter falscher Identität bewegen.
Was Amazon-Kunden tun können
Wenn Sie ein Paket erhalten, das Sie nicht bestellt haben, sollten Sie keineswegs einfach zur Tagesordnung übergehen. Folgende Maßnahmen sind empfehlenswert:
- Amazon informieren: Melden Sie den Vorfall über das Kontaktformular oder telefonisch dem Amazon-Kundenservice. Notieren Sie Versanddetails und Trackingnummer.
- Keine Rücksendepflicht: Sie sind laut Rechtsprechung nicht verpflichtet, unbestellte Ware aufzubewahren oder zurückzuschicken. Bewahren Sie das Produkt als Beweismittel auf.
- Identitätsmissbrauch prüfen: Kontrollieren Sie Ihre Kontoauszüge, Bestellhistorien sowie Kreditkartenbelastungen. Bei Verdachtsfällen kontaktieren Sie Ihre Bank und melden Sie die Vorfälle der Polizei.
- Passwörter ändern: Ändern Sie Passwörter bei Amazon sowie bei E-Mail-Konten, falls Sie Anzeichen für Datendiebstahl vermuten.
Der Verbraucherzentrale Bundesverband empfiehlt außerdem, bei wiederholten Brushing-Vorfällen eine Datenschutzanfrage gemäß Art. 15 DSGVO an Amazon zu stellen, um den Ursprung der Datenverwendung zu klären.
Langfristige Auswirkungen auf den Onlinehandel
Brushing hat Mid- und Longterm weitreichende Folgen – nicht nur für Amazon, sondern für das gesamte E-Commerce-Ökosystem. Die Glaubwürdigkeit von Rezensionen leidet spürbar, was letztlich das Vertrauen der Verbraucher in digitale Marktplätze untergräbt. Bereits 2023 ergab eine Eurostat-Umfrage, dass 42 % der Nutzer Onlinebewertungen „nicht mehr trauen“, insbesondere bei anonymen Händlern mit vielen 5-Sterne-Kommentaren innerhalb kürzester Zeit.
Auch regulatorisch rückt das Thema in den Fokus. Die EU-Kommission prüft im Rahmen der geplanten Digital Services Regulation (DSA) Möglichkeiten, Plattformen stärker zur Kontrolle von Fake-Bewertungen zu verpflichten. Branchenvertreter fordern KI-basierte Detektionssysteme, automatisierte Sentimentanalysen gegen Bewertungscluster sowie härtere Sanktionen für Wiederholungstäter.
Fazit: Wachsam bleiben und Missbrauch melden
Brushing mag auf den ersten Blick harmlos erscheinen – doch die dahinterliegende Manipulationsstrategie ist hoch problematisch für Datenschutz, Markttransparenz und Verbrauchervertrauen. Deshalb gilt: Wer Ware ohne Bestellung erhält, sollte dies nicht unter den Teppich kehren, sondern aktiv prüfen und melden.
Damit digitale Marktplätze auch in Zukunft fair, transparent und sicher bleiben, ist es entscheidend, dass Nutzer Bewusstsein entwickeln, Plattformen Verantwortung übernehmen und Aufsichtsbehörden regulatorisch nachsteuern. Sie haben bereits Erfahrungen mit Brushing gemacht? Teilen Sie Ihre Erlebnisse und Tipps mit unserer Community – und helfen Sie anderen, sich besser zu schützen.