Digitale Souveränität ist längst zur Schlüsselressource für moderne Staaten geworden. Wer Kontrolle über seine digitalen Infrastrukturen, Datenströme und Technologien hat, stärkt nicht nur seine Wirtschaft, sondern auch seine sicherheitspolitische Unabhängigkeit. Doch wie weit ist Deutschland im Vergleich zu Vorreitern wie Frankreich, Estland oder China? Und was lässt sich aus internationalen Strategien ableiten?
Digitale Souveränität: Ein strategisches Ziel mit geopolitischem Gewicht
Digitale Souveränität beschreibt die Fähigkeit eines Staates oder einer Organisation, digitale Technologien selbstbestimmt und unabhängig zu betreiben, sensible Daten zu schützen und kritische Infrastruktur eigenständig zu kontrollieren. In Zeiten wachsender geopolitischer Spannungen und vermehrter Abhängigkeiten von US-amerikanischen oder chinesischen Tech-Giganten gewinnt dieses Ziel an Brisanz.
Im europäischen Kontext steht besonders die Unabhängigkeit von dominanten Cloud-Plattformen wie Amazon Web Services (AWS), Google Cloud oder Microsoft Azure im Zentrum der Debatte. Laut einer aktuellen Analyse des Branchenverbands Bitkom liegt der Marktanteil dieser Anbieter in Europa bei über 70 % im IaaS-Segment (Infrastructure as a Service) (Quelle: Bitkom Cloud-Monitor 2024). Damit sind viele europäische Unternehmen und staatliche Institutionen einem latenten Risiko durch extraterritoriale Zugriffsgesetze wie den US CLOUD Act ausgesetzt.
Frankreichs Weg: Staatliche Cloud „Numérique“ und GAIA-X-Kernakteur
Frankreich verfolgt seit Jahren eine aktive Strategie zur Stärkung der digitalen Souveränität. Mit der „Cloud de confiance“ (Cloud des Vertrauens) wurde ein staatlich zertifiziertes Label eingeführt, das Cloud-Anbieter unter strengen französischen und EU-rechtlichen Rahmenbedingungen zulässt. Anbieter wie OVHcloud und Scaleway erfüllen diese Kriterien und werden zunehmend in öffentlichen Ausschreibungen berücksichtigt.
Frankreich ist darüber hinaus eine treibende Kraft hinter dem europäischen Infrastrukturprojekt GAIA-X. Ziel ist es, eine europäische Dateninfrastruktur zu etablieren, die interoperabel, transparent und souverän funktioniert. Auch wenn GAIA-X bislang vielfach als zentrales Konzept kritisiert wurde, liefert es wichtige Impulse für mehr europäische Kontrolle über Cloud-Architekturen und Datenräume.
Estland als Vorbild für digitale Resilienz und Autonomie
Estland gilt seit Jahren als digitales Vorzeigeland. Mit seiner dezentralen E-Government-Architektur, umfassenden eID-Infrastruktur und einer konsequenten Datenhoheit hat der baltische Staat Standards gesetzt. Mehr als 99 % aller staatlichen Dienstleistungen sind digital verfügbar, bei gleichzeitig niedrigem Risiko für Datenmissbrauch (Quelle: Estonian Government Digital Governance Report, 2023).
Ein zentrales Element der estnischen Strategie ist die sogenannte X-Road-Plattform – eine sichere und standardisierte Daten-Integrationsschicht, über die Ministerien, Behörden und Unternehmen interoperabel kommunizieren können, ohne zentrale Daten zu hosten. Diese Dezentralisierung erhöht die Cybersicherheit und verringert die Abhängigkeit von externen Anbietern drastisch.
Zusätzlich hat Estland mit dem Estonian Data Embassy-Konzept ein innovatives Backup-Modell eingeführt: Die wichtigsten staatlichen Daten werden in hochsicheren Servern bei Nato-Partnern wie Luxemburg hinterlegt – eine digitale Notfallarchitektur gegen physische oder cyberkriegerische Attacken.
China: Digitale Autarkie durch Tech-Souveränität auf Steroiden
China verfolgt einen rigideren, techno-nationalistischen Ansatz. Mit dem Ziel, bis 2030 in sämtlichen Schlüsseltechnologien – von Halbleitern über KI bis zu 5G – autark zu sein, investiert die Volksrepublik in gigantischem Umfang in nationale Infrastrukturen. Laut einer Studie der OECD aus dem Jahr 2024 flossen zwischen 2015 und 2023 über 480 Milliarden US-Dollar an staatlichen Fördermitteln in Technologie-Förderprogramme.
Zentrale Säulen der Souveränitätsstrategie sind:
- Entwicklung eines eigenen Betriebssystems (Kylin OS) für Regierungsnetzwerke
- Bau nationaler Public-Cloud-Dienste wie Alibaba Cloud, Tencent Cloud
- Staatlich kontrolliertes Social Scoring und Datenregime, das volle Kontrolle über die digitale Wirtschaft garantiert
Die Abkopplung vom globalen Technologiefluss („Decoupling“) ist nicht ohne Risiken, ermöglicht China jedoch eine umfassende, wenn auch durch Freiheitseinbußen erkaufte, digitale Selbstbestimmung.
Ansätze für Deutschland: Zwischen europäischer Integration und nationalem Nachholbedarf
Deutschland hat sich das Ziel gesetzt, digitale Souveränität zum Leitmotiv seiner Digitalpolitik zu machen – mit gemischtem Erfolg. Zwar engagiert sich die Bundesregierung in wichtigen Initiativen wie GAIA-X oder IPCEI-Projekten (Important Projects of Common European Interest), doch die praktische Umsetzung stockt oft.
Ein Beispiel: Das Bundesinnenministerium kündigte 2021 die Initiative „Souveräne IT für die Bundesverwaltung“ an – mit dem Ziel, Open-Source-basierte Arbeitsplätze und Cloud-Services zu etablieren. Doch laut einem Bericht des Bundesrechnungshofs von 2024 fehlt es an strategischer Steuerung, koordinierter Beschaffung und technischen Standards. Die Nutzung von Microsoft-Produkten bleibt nach wie vor flächendeckend.
Dennoch gibt es Leuchtturm-Projekte, etwa der Aufbau der OpenCoDE-Plattform für behördenübergreifende Open-Source-Nutzung oder der Bundescloud-Pilot, der unter der Regie der BWI (IT-Dienstleister der Bundeswehr) läuft.
Handlungsempfehlungen: Was Deutschland von anderen Ländern lernen kann
- Strategische Zielbilder entwickeln: Deutschland braucht einen über Ressorts hinweg verbindlichen Fahrplan für digitale Souveränität – mit Zeitachsen, KPIs und Zuständigkeiten.
- Investitionen in nationale Infrastrukturen verstärken: Wie Estland und Frankreich gezeigt haben, ist eine sichere Identitäts- und Dateninfrastruktur essenziell. Der Bund sollte in diese Basistechnologien langfristig investieren.
- Open Source stärken: Durch konsequente Förderung quelloffener Software kann Deutschland technologische Abhängigkeiten reduzieren und die Code-Transparenz stärken – ein zentrales Element der Souveränität.
Europäische Lösungen priorisieren – aber mit beherztem nationalem Einsatz
Deutschland sollte sich verstärkt in europäischen Projekten wie GAIA-X, European Cloud Federation oder EU-Data-Spaces engagieren. Gleichzeitig müssen parallel nationale Architekturstandards, Public Code-Vorgaben und interministerielle Steuerungsmechanismen aufgebaut werden.
Ein Blick über die Grenzen zeigt: Digitale Souveränität ist kein Nice-to-have, sondern ein Gebot sicherer, innovationsfreundlicher und demokratischer Digitalisierung. Länder, die handlungsfähig bleiben wollen – geopolitisch wie technologisch – müssen bereit sein, politische Prioritäten neu zu justieren und strategisch zu investieren.
Der nächste Schritt liegt bei Entscheider:innen in Politik, Wirtschaft und Verwaltung. Welche Strategie verfolgt Ihr Unternehmen oder Ihre Institution zur Wahrung digitaler Souveränität? Diskutieren Sie mit uns in den Kommentaren, und teilen Sie Projekte oder Erfahrungen – gemeinsam gestalten wir ein souveränes digitales Europa.