Mit dem Exascale-System ‚Alice Recoque‘ katapultiert sich Europa an die Spitze der Höchstleistungsrechner weltweit. Entwickelt von Eviden in Zusammenarbeit mit AMD markiert der Supercomputer nicht nur einen technologischen Meilenstein, sondern auch einen strategischen Fortschritt für Europas digitale Souveränität, KI-Forschung und energieeffiziente Rechenzentrumsinfrastruktur.
‚Alice Recoque‘: Europas Antwort auf das Exascale-Zeitalter
Benannt nach der französischen Computerpionierin Alice Recoque, kombiniert das gleichnamige Supercomputersystem modernste Exascale-Leistung mit nachhaltiger Rechentechnologie. Es wird derzeit im französischen Forschungszentrum für Hochleistungsrechnen (Genci/CEA) installiert und soll 2025 vollständig in Betrieb gehen. Die zugrunde liegende Architektur stammt aus der BullSequana-XH3000-Serie von Eviden, einer Tochter von Atos, die speziell für den Einsatz im Exascale-Segment konzipiert wurde.
Der Supercomputer basiert auf mehr als 10.000 AMD EPYC „Turin“-CPUs der vierten Generation und wird mit Hunderttausenden von AMD Instinct GPUs kombiniert. Gemeinsam ermöglichen diese Komponenten eine Spitzenleistung von über einem ExaFLOP für rechenintensive Simulationen, Quantenforschung und KI-Modelltraining.
Technologische Schlüsselmerkmale
Alice Recoque setzt neue Maßstäbe im Bereich europäischer Superrechner:
- Modularität: Die Architektur ist skalierbar und für heterogene Workloads optimiert – etwa für KI, Quantenforschung und numerische Simulationen.
- CPU-GPU-Kopplung: Die Kombination aus AMD EPYC CPUs und Instinct GPUs verbessert die Speicherbandbreite und Datenverfügbarkeit signifikant.
- Netzwerktechnologie: Mit integrierter HPE Slingshot-Interconnect-Technologie wird ein niedriger Latenzpfad zwischen Knoten erreicht.
Diese fortschrittliche Infrastruktur verbessert nicht nur die Rechenleistung, sondern setzt auch neue Maßstäbe für Effizienz- und Nachhaltigkeitsziele.
KI, Forschung und Simulation – neue Horizonte für Europa
Die Zukunft der europäischen Spitzenforschung hängt zunehmend von der Verfügbarkeit leistungsstarker Rechenressourcen ab. Der Supercomputer Alice Recoque ist explizit darauf ausgelegt, den steigenden Anforderungen in datenintensiven Wissenschaftsbereichen gerecht zu werden – insbesondere in den Bereichen:
- Künstliche Intelligenz: Das Training riesiger KI-Modelle wie Large Language Models (LLMs) erfordert inzwischen Exascale-Ressourcen – Alice Recoque gehört europaweit zu den ersten Systemen mit dieser Fähigkeit.
- Klimaforschung: Hochgradig aufgelöste globale Klimamodelle können auf dem System schneller und präziser berechnet werden – ein Beitrag zur evidenzbasierten Umweltpolitik.
- Material- und Energieforschung: Simulationen von Neutronenwechselwirkungen und Moleküldynamik profitieren erheblich von der enormen parallelen Rechenkapazität.
Diese strategische Ausrichtung stärkt die europäische Forschungsautonomie in einem zunehmend geopolitisch umkämpften Technologiefeld.
Energieeffizienz als strategischer Vorteil
Mit Exascale-Leistung geht normalerweise ein enormer Energiebedarf einher. Nicht so bei Alice Recoque: Das System wurde von Anfang an konsequent auf Nachhaltigkeit ausgelegt. Unter anderem kommen folgende Maßnahmen zum Einsatz:
- Heißwasser-Kühlung (Warm-Water Cooling): Bis zu 95 % der Abwärme wird durch ein Flüssigkeitskühlsystem abgeleitet und für Gebäudewärme rückgewonnen.
- Optimierte GPU-Auslastung: Adaptive KI-Workload-Steuerung senkt Energieverschwendung durch Leerlaufphasen.
- Erneuerbare Energien: Der Strommix des Rechenzentrums basiert zu über 90 % auf CO2-armer Kern- und Wasserkraft (Quelle: CEA-Genci).
Das Resultat: Der Energiebedarf pro ExaFLOP konnte gegenüber bisherigen HPC-Systemen um mehr als 60 % reduziert werden – ein entscheidender Fortschritt angesichts der steigenden Betriebskosten in Rechenzentren.
Eine aktuelle Studie des Jülich Supercomputing Centre (2024) belegt: Durchschnittlich benötigen heutige Exascale-Systeme rund 20–30 Megawatt für den Betrieb. Alice Recoque hingegen soll mit nur 16 Megawatt auskommen – ein bemerkenswert niedriger Wert. (Quelle: Forschungszentrum Jülich, HPC Energy Benchmark 2024)
Digitale Souveränität durch europäische Industrie
Das System Alice Recoque ist ein Kernbestandteil der europäischen Exascale-Initiative EuroHPC JU (European High Performance Computing Joint Undertaking), die mit einem Etat von über 8 Milliarden Euro bis 2027 Europas Unabhängigkeit im HPC-Sektor stärken soll.
Durch die enge Partnerschaft mit europäischen Technologieunternehmen wie Eviden und Inria sowie global aktiven Halbleiterfirmen wie AMD entsteht ein Ökosystem, das auf europäische Wertschöpfung und technische Standards setzt. Das bedeutet:
- Einhaltung europäischer Datenschutz- und Sicherheitsstandards
- Stärkung heimischer Forschung und Industrie
- Reduzierung der Abhängigkeit von US- oder chinesischen Cloud- und HPC-Anbietern
Gerade für sensible Anwendungen – etwa im Gesundheitswesen, in der Verteidigung oder bei KI-basierten Entscheidungsmodellen – ist diese digitale Souveränität von zentraler Bedeutung.
Europäisches Know-how trifft auf globale Innovation
Während AMD die zentralen CPU- und GPU-Bestandteile liefert, erfolgt Design, Integration und Orchestrierung des Systems vollständig durch Eviden in Frankreich. Dieses Modell vereint das Beste aus zwei Welten: europäischen Datenschutz und technologische Exzellenz – kombiniert mit global wettbewerbsfähigen Performance-Komponenten.
Interessant ist: Laut EuroHPC-Datenbank sollen bis Ende 2026 insgesamt fünf europäische Exascale-Systeme projektiert oder bereits in Aufbau sein – darunter Systeme in Italien, Deutschland, Finnland und Spanien. Alice Recoque gilt dabei als technologischer Benchmark.
Ein weiteres Ziel ist die Förderung europäischer KI-Initiativen. Die in Alice Recoque eingebauten KI-Optimierungsfunktionen sollen auch in die nationale französische KI-Infrastruktur (bereits 2026 im Pilotbetrieb) aufgenommen werden, um staatlich geförderte KI-Forschung zu beschleunigen.
Praktische Empfehlungen für Unternehmen und Forschungseinrichtungen
Organisationen, die von Exascale-Computing profitieren wollen, können bereits jetzt entsprechende Vorbereitungen treffen:
- Technologischer Fit prüfen: Überprüfen Sie, inwiefern bestehende Workloads (z. B. Simulation, Deep Learning) auf GPUs oder Exascale-HPC portierbar sind.
- Förderprogramme nutzen: EuroHPC, DFG und nationale Forschungseinrichtungen bieten bereits heute Projektaufrufe zur Nutzung zukünftiger Exascale-Systeme an.
- Partnerschaften mit Supercomputing-Zentren aufbauen: Kontakte zu Genci, CEA oder JSC können helfen, frühzeitig Testzugänge und Softwareumgebungen aufzusetzen.
So lassen sich Wettbewerbsvorteile im Bereich KI, Simulation oder Big Data systematisch nutzen.
Fazit: Europas technologischer Quantensprung
Mit Alice Recoque manifestiert sich Europas Anspruch, eine globale Führungsrolle im Hochleistungsrechnen einzunehmen – nicht nur durch schiere Rechenleistung, sondern auch durch intelligente Energieoptimierung, Datensouveränität und anwendungsorientiertes Design.
In Zeiten wachsender Datenmengen, neuer KI-Anwendungen und globaler Unsicherheiten ist ein europäisches Exascale-System mehr als nur ein Prestigeprojekt – es ist ein strategisches Werkzeug zur Sicherung von Souveränität, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit.
Was denken Sie: Wo sehen Sie das größte Potenzial für einen Supercomputer wie Alice Recoque – in der KI, der Energieforschung oder doch im Klima-Modelling? Teilen Sie Ihre Meinung mit der Community und diskutieren Sie mit uns über die Zukunft der europäischen Supercomputing-Landschaft.




