Während sich der Westen noch über regulatorische Fragen und ethische Rahmen beim Einsatz künstlicher Intelligenz beugt, haben chinesische Tech-Giganten wie ByteDance und DeepSeek längst Nägel mit Köpfen gemacht. Mit gewaltigen Datensätzen, staatlicher Rückendeckung und einer aggressiven Innovationspolitik drängen sie weltweit nach vorn. Dieser Artikel beleuchtet Chinas KI-Eiltempo am Beispiel zweier Schlüsselakteure – und was das für das globale Gleichgewicht bedeutet.
ByteDance: Von TikTok zur KI-Supermacht
ByteDance, bekannt als Mutterkonzern hinter der viralen Video-Plattform TikTok, ist weit mehr als nur ein Social-Media-Imperium. In den letzten Jahren hat das Unternehmen systematisch seine KI-Kompetenzen ausgebaut. Der Algorithmus, der TikTok antreibt – berüchtigt für seine Effizienz in der Nutzerbindung – basiert auf einem der weltweit fortschrittlichsten Empfehlungsmodelle, das bereits 2016 auf Deep Learning umgestellt wurde.
Heute betreibt ByteDance mit seiner Forschungsabteilung „ByteDance AI Lab“ hochskalierte Projekte im Bereich Natural Language Processing (NLP), Computer Vision und multimodale Modelle. Besonders auffällig: Anfang 2024 stellte das Unternehmen sein generatives Sprachmodell Doubao (豆包, engl. „Tofu bun“) vor – eine Antwort auf OpenAIs GPT-Modelle. Doubao unterstützt über 30 Sprachen, kann Texte, Bilder und Videos analysieren und erzeugen und ist bereits fest in Produkte von Toutiao bis TikTok integriert.
ByteDance legt seinen Fokus klar auf anwendungsnahe KI. Anders als westliche Konzerne, die häufig Forschung und Produktentwicklung trennen, verfolgt der chinesische Konzern eine „Product-First“-Strategie: Forschung dient direkt kommerziellen Plattformen.
DeepSeek: Chinas Antwort auf OpenAI?
Ein Name, der seit 2024 in der chinesischen KI-Szene immer häufiger fällt, ist DeepSeek. Die Forschungsorganisation mit Verbindungen zu prominenten Technologiekonzernen wie Baidu und Alibaba wurde ursprünglich als Open-Source-Spin-off gegründet. Doch spätestens seit der Veröffentlichung von DeepSeek-V2 im Herbst 2024 ist klar, dass das Unternehmen größere Ambitionen hat.
DeepSeek-V2 basiert auf einem Transformer-Modell mit 236 Milliarden Parametern und wurde auf Basis eines 8-Billionen-Token-Datensatzes trainiert. Laut offizieller Aussagen unterstützt es mehrsprachige Anwendungsszenarien, komplexes Reasoning und Agenten-ähnliche Verhaltensabläufe. In internen Benchmarks schnitt DeepSeek-V2 besser ab als GPT-4 bei bestimmten chinesischen Universitätsprüfungen und Erkennungsaufgaben.
Zugleich verfolgt DeepSeek ein open-science first-Paradigma. Der Code, Gewichte und Trainingsdaten vieler Modelle stehen frei zur Verfügung – ein Schritt, der globales Echo erzeugte. Laut Analysten des Institute for Human-Centered AI an der Stanford University könnte dies dazu führen, dass China künftig auch auf Entwicklerseite an Einfluss gewinnt. Sowohl Entwickler wie Startups könnten vermehrt auf frei verfügbare chinesische Modelle zurückgreifen, statt durch die API-Monetarisierung westlicher Anbieter gebunden zu sein.
Statistische Kraft: China holt technisch rasant auf
Laut dem AI Index Report 2025 der Stanford University hat China 2024 weltweit die meisten wissenschaftlichen Publikationen im KI-Bereich hervorgebracht – rund 43,4 % aller KI-Veröffentlichungen gingen auf chinesische Autoren zurück (Stanford HAI, 2025). Noch signifikanter: Über 50 % der am häufigsten zitierten Paper stammen ebenfalls aus chinesischen Forschungseinrichtungen.
Finanziell investieren chinesische Unternehmen massiv. Laut einer Analyse von CB Insights summierten sich die KI-Investitionen in China im Jahr 2024 auf über 18 Milliarden US-Dollar, mit ByteDance, Tencent und Alibaba als Hauptakteuren. Zum Vergleich: Die gesamten europäischen KI-Investitionen lagen bei rund 7 Milliarden US-Dollar.
Hinzu kommen staatliche Förderinitiativen: Seit der Verabschiedung des „New Generation AI Development Plan“ im Jahr 2017 verfolgt die chinesische Regierung eine gezielte KI-Strategie mit ambitionierten Zielen bis 2030. Das Ziel ist klar formuliert: China soll bis dahin global führend in KI sein – rhetorisch, technologisch wie wirtschaftlich.
Implikationen für den globalen KI-Wettbewerb
Was bedeutet der Aufstieg von ByteDance und DeepSeek für den internationalen KI-Markt? Zunächst verstärkt sich der technologische Wettbewerb. Während OpenAI, Google DeepMind und Meta AI ihre Dominanz vor allem durch Closed-Model-Strategien sichern, setzt China zunehmend auf Open-Model-Ansätze mit massiver Daten- und Rechenkraft im Rücken.
Ein zweiter Aspekt ist geopolitisch: Die technologische Souveränität in Schlüsseltechnologien wie KI wird zunehmend als strategische Ressource verstanden. Dass China durch eigene Halbleiterprogramme (z. B. SMIC, HuaHong) und KI-Chips wie dem Ascend 910 (Huawei) auch im Hardwarebereich Fortschritte macht, alarmiert westliche Regierungsstellen.
Drittens verändert sich der Talentstrom. Viele chinesische KI-Forscher, die früher ins Ausland gingen, kehren seit einigen Jahren wieder zurück – nicht zuletzt, weil Spitzenprojekte und Top-Gehälter nun auch in China möglich sind. Der chinesische Talentmarkt für KI ist laut McKinsey Tech Talent Index 2024 der am schnellsten wachsende der Welt.
Chancen und Risiken für westliche Unternehmen
Für Unternehmen und Institutionen bietet der Aufstieg Chinas zweierlei: Zum einen droht die technologische Abhängigkeit, zum anderen eröffnet sich die Möglichkeit zur Kooperation und zum Technologietransfer – vorausgesetzt, geopolitische Spannungen lassen dies zu. ByteDance etwa kooperiert mit europäischen Forschungseinrichtungen bei Multilingual-Modellen; DeepSeek bietet freie Modelle, die sich auch in westlichen KI-Stacks integrieren lassen.
Allerdings bestehen Risiken: Zunehmende Sicherheitsbedenken gegenüber chinesischer Software, ungleiche Datenschutz- und Urheberschutz-Standards sowie regulatorische Einschränkungen erschweren den offenen Austausch. Viele CTOs westlicher Unternehmen stehen vor einem Dilemma – nutzen sie chinesische Open-Source-KI oder vertrauen sie auf teurere, proprietäre Modelle aus USA oder Europa?
Handlungsempfehlungen für Strategen und Entscheider
- Open-Source-Modelle beobachten und evaluieren: DeepSeeks offene Architektur kann insbesondere für Forschung, Prototyping oder Sprachanwendungen mit asiatischem Bezug wertvoll sein.
- Technologische Souveränität absichern: Unternehmen mit hohem KI-Einsatz sollten duale Abhängigkeiten reduzieren und eigene Modelle zumindest auf Anwendungsebene selbst kontrollieren können.
- Globale Talentströme aktiv steuern: Der wachsende KI-Markt Chinas macht es attraktiver für Experten. Unternehmen sollten in internationale Netzwerke, Fortbildungssysteme und Standortattraktivität investieren.
Fazit: Eine neue multipolare KI-Welt entsteht
ByteDance und DeepSeek stehen exemplarisch für Chinas rapide technologische Entwicklung im Bereich der künstlichen Intelligenz. Ihre Innovationsdynamik, ihr offeneres Lizenzmodell (im Vergleich zu Closed-AI im Westen) und die politische Rückendeckung machen sie zu echten Schwergewichten im globalen KI-Arena.
Die kommenden Jahre werden zeigen, ob China durch diese Vorreiter Wellen schlagen – oder Standards setzen kann. In jedem Fall ist klar: Die Ära westlicher KI-Monopole neigt sich dem Ende zu. Stattdessen entsteht eine multipolare KI-Welt, in der neue Akteure neue Spielregeln schreiben.
Wie bewerten Sie die Rolle Chinas in der globalen KI-Landschaft? Welche Erfahrungen haben Sie mit chinesischen KI-Modellen gemacht? Teilen Sie Ihre Perspektiven in den Kommentaren oder unserer Community.



