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Der Megacampus von NTT DATA: Eine neue Ära für Rechenzentren in Europa?

Ein strahlend sonnendurchfluteter Blick über ein weitläufiges, modernes Rechenzentrum mit eleganten Glasfassaden und begrünten Dachflächen, eingebettet in eine sanfte Rheinhessische Landschaft, die digitale Innovation und nachhaltige Zukunft in harmonischer Verbindung vereint.

Rund 482 Megawatt IT-Leistung auf 106 Hektar – was NTT DATA in der kleinen rheinhessischen Gemeinde Nierstein plant, sprengt bisherige Dimensionen. Der kürzliche Beschluss des Bebauungsplans könnte nicht nur den Startschuss für Europas größten Rechenzentrums-Campus geben, sondern markiert womöglich den Beginn einer neuen Ära für digitale Infrastruktur auf dem Kontinent.

Aufbruch am Rhein: Der Bebauungsplan steht

Im Oktober 2024 wurde der Bebauungsplan zur Realisierung des „Digital Parks Nierstein“ durch den Stadtrat beschlossen. Der japanische Technologiekonzern NTT DATA will in unmittelbarer Nähe zu Frankfurt auf einem Gelände von über 100 Hektar einen der leistungsstärksten Rechenzentrumsstandorte Europas entwickeln. Herzstück des Projekts ist die geplante IT-Leistung: Mit 482 Megawatt (MW) soll der Campus zur Gigawattklasse der europäischen Hyperscaler aufschließen – zum Vergleich: Der gesamte Energieverbrauch Luxemburgs betrug 2022 rund 2,3 Terawattstunden.

Für Rheinland-Pfalz bedeutet das Projekt einen Investitionsimpuls in Milliardenhöhe. Die Landesregierung unterstützt das Vorhaben und unterstreicht dessen Bedeutung für die digitale Souveränität Deutschlands und den Standort Europa.

Ein Projekt der Superlative

NTT DATA zählt zu den weltweit größten Anbietern von Rechenzentrumsdienstleistungen und IT-Infrastruktur. Unter dem Dach der NTT Group betreibt das Unternehmen global über 20 Hyperscale-Campusse. Der „Digital Park Nierstein“ wäre das bislang ambitionierteste Rechenzentrumsprojekt in Mitteleuropa.

Nach Angaben von NTT DATA ist eine Etablierung des Standorts als Multi-Tenant-Campus mit mehreren Milliarden Euro Investitionsvolumen vorgesehen. Der Campus soll großen Cloud- und Hyperscale-Providern wie AWS, Microsoft oder Google ebenso Platz bieten wie europäischen Anbietern und Unternehmen aus der Industrie.

Die geplante IT-Leistung von 482 MW verteilt sich auf mehrere modulare Rechenzentren, deren Bau ab 2026 schrittweise erfolgen soll. Die vollständige Betriebsaufnahme wird für Anfang der 2030er Jahre erwartet.

Energiehunger und Versorgungssicherheit als Schlüsselherausforderung

Mit großen Rechenzentrumsbauten geht immer auch eine zentrale Frage einher: Woher kommt der Strom? Für ein Projekt dieser Größenordnung sind robuste Energieversorgungskonzepte essenziell. Laut der Bundesnetzagentur wird der Strombedarf der deutschen Rechenzentren bis 2030 auf 40 bis 60 Terawattstunden pro Jahr ansteigen – das entspricht etwa 10 % des gesamten aktuellen Stromverbrauchs in Deutschland (Quelle: Bundesnetzagentur, Rechenzentrums-Monitoring 2024).

In Nierstein setzt NTT DATA daher auf eine mehrgleisige Strategie. Geplant ist unter anderem der Aufbau eines dedizierten Umspannwerks mit Anbindung an das 380-kV-Höchstspannungsnetz. Ergänzend sind vor Ort Photovoltaikanlagen mit Speichersystemen sowie Power Purchase Agreements (PPAs) mit Anbietern regenerativer Energie in Prüfung.

Aktuell verhandelt NTT auch mit dem Übertragungsnetzbetreiber TransnetBW sowie dem benachbarten Regionalversorger EWR zur langfristigen Energieeinspeisung. Zur Reduktion der CO₂-Emissionen kündigte das Unternehmen an, den Rechenzentrumsbetrieb zu 100 % aus erneuerbaren Energien speisen zu wollen – ein ehrgeiziges Ziel, das technologische Innovationen in der Kühlung und Abwärmenutzung erfordert.

Kritik, Transparenz und regionale Auswirkungen

Während Bund und Land das Projekt begrüßen, regt sich in der Region Kritik. Anwohnerinitiativen und Umweltgruppen äußern Bedenken hinsichtlich Flächenversieglung, Eingriff in das Landschaftsbild und der Trinkwasserversorgung. Zudem wird über mögliche steuerliche Privilegien und die tatsächliche Schaffung lokaler Arbeitsplätze diskutiert.

NTT begegnet dieser Kritik mit Dialogplattformen, Informationsabenden sowie Umweltgutachten. Man betont, dass der Großteil des Geländes mit Grün- und Kompensationsflächen gestaltet werde und mit der Baustruktur ein Campus mit maximaler Flächeneffizienz im Vergleich zu herkömmlichen Gewerbegebieten entstehe.

Langfristig soll der Standort laut Planungen rund 1.200 direkte und indirekte Arbeitsplätze in Bau, Betrieb, Sicherheit und Wartung schaffen. Zudem könnte sich die Ansiedlung von IT-Dienstleistern, Forschungszentren und Netzwerkinfrastruktur positiv auf das regionale Ökosystem auswirken – wie Beispiele aus Frankfurt oder Dublin zeigen.

Einordnung im europäischen Rechenzentrumsmarkt

Europa erlebt derzeit einen Boom bei der Errichtung großskaliger Rechenzentrumsinfrastruktur. Der Markt für Colocation und Hyperscale-Campusse wächst laut Structure Research jährlich um etwa 17 % (Stand 2024). Vor allem die Nachfrage nach Rechenleistung für KI-Anwendungen, Cloud-Hosting und Streaming treibt das Wachstum voran.

Allein Frankfurt – Europas größter Rechenzentrumsstandort – verzeichnete bis Mitte 2024 eine installierte IT-Leistung von ca. 400 MW, so CBRE (Quelle: CBRE Data Centre MarketView Q2/2024). Das geplante NTT-Projekt würde diese Kapazität auf einen Schlag um mehr als 100 % erweitern – mit entsprechendem Einfluss auf den Markt, die Infrastruktur und die Energieverteilung.

Im Vergleich: Der neue Campus „YUL01“ von Microsoft in Quebec, Kanada, bietet derzeit rund 300 MW IT-Kapazität. Der Nierstein-Campus wäre in dieser Größenordnung international vergleichbar – aber einzigartig in Zentraleuropa.

Digitalisierung braucht Standortpolitik

Der Megacampus in Nierstein ist mehr als ein kommerzielles Vorhaben. Er ist Teil einer strategischen Debatte über die infrastrukturelle Basis der Digitalisierung in Deutschland. Denn resiliente, skalierbare und nachhaltige Rechenzentrums-Infrastruktur ist die Voraussetzung für innovative KI-Anwendungen, Industrie 4.0 und digitale Gesundheitslösungen.

Die Bundesregierung hat dies mit dem Rechenzentrumsstrategiepapier 2023 festgehalten und Mindeststandards für Energieeffizienz, Abwärmenutzung und Nachhaltigkeit formuliert. NTT DATA hat sich verpflichtet, diese Standards zu erfüllen und strebt eine Zertifizierung nach ISO/IEC 30134 sowie dem EU Code of Conduct for Data Centres an.

Empfehlungen für Unternehmen und Behörden

  • Frühzeitig strategische Flächenpolitik betreiben: Kommunen sollten aktiv Potenziale für digitale Infrastruktur erschließen und mit planungsrechtlicher Klarheit Investoren gewinnen.
  • Infrastruktur ganzheitlich denken: Rechenzentren benötigen Strom, Glasfaser, Kühlung, Logistik und Sicherheit. Eine integrierte Entwicklungsplanung ist entscheidend.
  • Nachhaltigkeit als Wettbewerbsvorteil nutzen: Durch grüne Energie, effiziente Kühlung und Abwärmeintegration verbessern Rechenzentren nicht nur die Umweltbilanz, sondern auch die Standortakzeptanz.

Fazit: Infrastruktur für die Zukunft

Der Digital Park Nierstein ist ein Statement – für die Vision eines starken digitalen Europas mit eigener Hyperscale-Infrastruktur. Doch der Erfolg des Projekts wird nicht nur an Megawattzahlen gemessen. Ausschlaggebend ist die Qualität seiner Einbettung: in regionale Infrastruktur, gesellschaftlichen Dialog und strategische Energiepolitik.

Wenn NTT DATA gelingt, was das Konzept verspricht, könnte Nierstein zu einem der wichtigsten digitalen Knotenpunkte Europas avancieren. Für Kommunen, Unternehmen und Politik besteht jetzt die Chance, durch proaktive Gestaltung Teil dieser Entwicklung zu werden.

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