Die rasante Entwicklung Künstlicher Intelligenz verändert nicht nur Branchenprozesse – sie prägt zunehmend die Grundstruktur unserer Gesellschaft. Digitalminister Karsten Wildberger spricht im Interview über die Chancen, Risiken und die tiefgreifende gesellschaftliche Transformation, die Künstliche Intelligenz mit sich bringt.
Künstliche Intelligenz als zivilisatorischer Bruchpunkt
Für Karsten Wildberger, Bundesminister für Digitales und Transformation, steht fest: Künstliche Intelligenz (KI) ist mehr als ein technologischer Fortschritt. In seiner Vision markiert sie einen Umbruch vergleichbar mit der industriellen Revolution – in manchen Aspekten sogar darüber hinausgehend. „KI verändert nicht nur Werkzeuge, sondern unsere Vorstellung von Arbeit, Verantwortung und Kreativität selbst“, so Wildberger im Gespräch mit unserem Magazin.
Er zieht dabei Parallelen zur Einführung der Dampfmaschine und der Elektrizität – doch im Unterschied zu diesen Entwicklungen wirke KI viel umfassender, da sie erstmals intellektuelle Tätigkeiten automatisiert. „Was einst Menschen vorbehalten war, passiert jetzt in Rechenzentren mit skalierbarer Mathematik. Das ist historisch beispiellos.“
Gesellschaftlicher Wandel: Bildung, Arbeit, Ethik
Ein zentrales Thema im Gespräch: die Auswirkungen der KI-Transformation auf die Gesellschaft. Wildberger beschreibt drei Schlüsselbereiche, in denen sich die Veränderungen besonders deutlich abzeichnen – und wo politische Steuerung unabdingbar sei.
1. Bildung neu denken: „Wir müssen weg von reinem Faktenwissen und hin zu Kompetenzen in kritischem Denken, Problemlösung und Medienmündigkeit“, so der Minister. Neben digitaler Grundbildung müsse künftig auch KI-Kompetenz Bestandteil schulischer Curricula sein.
2. Arbeitsmarkt im Umbruch: Eine gemeinsame Studie von McKinsey & Company und dem Weltwirtschaftsforum prognostiziert, dass bis 2030 weltweit 400 bis 800 Millionen Arbeitskräfte durch Automatisierung ersetzt werden könnten – aber auch Millionen neue Jobs entstehen. „Unsere Aufgabe ist es, den Strukturwandel sozial abzusichern und Weiterbildung neu zu denken“, betont Wildberger.
3. Ethik und Vertrauen: Die Relevanz von vertrauenswürdiger KI ist spätestens seit den Debatten rund um generative Systeme wie ChatGPT oder GitHub Copilot auch in der Politik angekommen. Wildberger plädiert für eine „verankerbare KI-Ethik“, die nicht nur reguliert, sondern auch Aufklärung betreibt.
Laut Eurobarometer (2024) vertrauen nur 23% der EU-Bürger KI-Systemen uneingeschränkt. Ein klarer Handlungsauftrag für Politik, Wirtschaft und Wissenschaft.
„Wir brauchen eine gesamtgesellschaftliche Kraftanstrengung, um KI als Werkzeug demokratischer und menschlicher Entwicklung zu verstehen – nicht als technokratische Blackbox“, so Wildberger.
Zwischen Regulierung und Innovationsförderung
Seit Inkrafttreten des EU AI Act im Mai 2025 steht auch Deutschland vor der Aufgabe, ein abgestimmtes Rahmenwerk für vertrauenswürdige KI zu schaffen. Minister Wildberger betont, dass Regulierung hier kein Innovationshemmnis sein dürfe, sondern als „klares Spielfeld“ funktioniere. „Es geht nicht darum, Innovation zu verhindern, sondern sie zu lenken.“
Deutschland fördert derzeit über 400 KI-Forschungsprojekte (Stand: Oktober 2025) durch das Programm KI made in Germany 2030. Gleichzeitig plant das Ministerium den Aufbau eines KI-Zertifizierungssystems für anwendungsnahe Tools in kritischen Bereichen wie Gesundheit, Justiz und Bildung.
Wildberger verweist auf die wichtige Rolle von Start-ups in diesem Ökosystem. Deutschland zählte 2024 über 400 KI-Start-ups – rund 150 mehr als noch zwei Jahre zuvor (Quelle: appliedAI Index). Besonders innovative Lösungen entstehen dabei im Bereich Sprachverarbeitung, Robotik und datengetriebener Gesundheitsversorgung.
Persönliche Erfahrungen mit KI
Auf die Frage, wie er selbst KI nutzt, antwortet Wildberger überraschend konkret: „Im Ministerium arbeiten wir testweise mit KI-gestützten Zusammenfassungsdiensten und Entscheidungsvorlagen. In meinem persönlichen Arbeitsalltag nutze ich Sprachmodelle zur Erstrecherche oder Diskussion von Argumentationslinien – mit der nötigen Distanz natürlich.“
Selbst bei der täglichen Posteingangsbearbeitung helfen mittlerweile intelligente Filter, Prioritäten zu setzen. Doch Wildberger ist sich auch der Limitierungen bewusst: „Keine KI ersetzt gesunden Menschenverstand – oder politische Verantwortung.“
Industrielle Umwälzung: Sektor für Sektor unter der Lupe
Die wirtschaftlichen Auswirkungen von KI lassen sich besonders in bestimmten Branchen quantifizieren. Laut einer Studie von PwC (2024) könnte die globale Wirtschaftsleistung durch KI bis 2030 um 15,7 Billionen US-Dollar steigen. Davon entfallen allein 6,6 Billionen auf erhöhte Produktivität.
Für Deutschland sieht das Bundeswirtschaftsministerium folgende Sektoren als Schlüsselfelder für KI-Anwendungen (Bericht 2025):
- Gesundheit: KI-gestützte Diagnosesysteme wie DeepMind’s AlphaFold revolutionieren Grundlagenforschung und Patientenversorgung.
- Industrie 4.0: Predictive Maintenance und adaptive Qualitätskontrolle steigern Effizienz in der Fertigung maßgeblich.
- Mobilität: Durch KI werden autonome Transportsysteme sowie intelligente Verkehrssteuerungen realisierbar.
- Energie: Optimierung von Stromnetzen und Verbrauchsprognosen durch maschinelles Lernen bieten Milliardenpotenzial.
Der Mittelstand tut sich allerdings oft schwer mit der Umsetzung. Minister Wildberger kündigt daher eine „KI-Transferoffensive“ an – mit regionalen Kompetenzzentren, geförderten Innovationspartnerschaften und vereinfachtem Zugang zu KI-Cloud-Infrastruktur für kleine Betriebe.
Handlungsempfehlungen für Unternehmen und Politik
- Strategisch investieren: Unternehmen sollten gezielt in KI-Pilotprojekte investieren und interne Kompetenzen aufbauen, um neue Geschäftsmodelle frühzeitig zu testen.
- Ethik und Transparenz verankern: Auch kleine Unternehmen sollten Risikoprüfungen und Monitoring-Systeme implementieren – und Kunden gegenüber transparent bleiben.
- Bildungsprogramme erweitern: Politik und Wirtschaft sind gefordert, flächendeckende Weiterbildungsangebote bereitzustellen – von Microcredentials bis KI-Führerscheinen.
Auf dem Scheitelpunkt der Geschichte
Abschließend stellt Wildberger klar, was für ihn auf dem Spiel steht: „Künstliche Intelligenz wird uns als Gesellschaft definieren – nicht weil sie allmächtig ist, sondern weil wir entscheiden, wie wir sie verwenden.“
Die KI-Revolution sei weder Schicksal noch Utopie, sondern eine neue Form der Verantwortung. Dabei liege es an Demokratien wie Deutschland, den globalen Diskurs offen, inklusiv und wertebasiert zu gestalten.
In ihrer Tiefe – technologisch wie gesellschaftlich – ist die KI-Innovation mehr als nur eine technologische Disruption. Es ist eine Einladung, unsere Zukunft bewusst zu gestalten. Diskutieren Sie mit unserer Community: Welche Rolle sollte Deutschland im KI-Zeitalter übernehmen?




