In agilen Entwicklungsumgebungen, in denen Teams zunehmend selbstorganisiert arbeiten, scheint die klassische Rolle des Softwarearchitekten zunächst überflüssig. Doch das Gegenteil ist der Fall: Strategische Architekturentscheidungen sind heute relevanter denn je – sie müssen nur anders gedacht und integriert werden. Wie sich die Verantwortung von Softwarearchitekten im modernen Tech-Umfeld wandelt, zeigen aktuelle Studien, Expertenmeinungen und Best Practices aus der Praxis.
Architektur in Bewegung: Der Wandel der Entwicklerteams
Der Trend hin zu agilen Methoden wie Scrum, SAFe oder LeSS hat die Art und Weise, wie Softwareprodukte entwickelt werden, tiefgreifend verändert. Kleine, funktionsübergreifende Teams, flache Hierarchien und kontinuierliche Iteration prägen das Bild moderner Softwareentwicklung. Klassische Rollen verschwinden zugunsten von Verantwortlichkeiten, die im Team verteilt sind.
Die Softwarearchitektur hingegen kann nicht verschwinden – sie muss sich mitverändern. In seinem Report „State of Software Architecture 2024“ hebt ThoughtWorks hervor, dass 73 % der befragten Unternehmen heute Softwarearchitektur als kontinuierlichen Prozess statt als einmalige Planungsphase begreifen. Architekten agieren zunehmend als „Enablers“: Sie sorgen für technische Orientierung, fördern Shared Ownership und unterstützen Teams bei Entscheidungen.
Moderne Rollenbilder: Vom Masterplaner zum Facilitator
Der „Architekt im Elfenbeinturm“, der abseits der Entwicklung Pläne zeichnet, hat ausgedient. Der moderne Softwarearchitekt ist integraler Bestandteil des Teams – sein Fokus liegt nicht mehr nur auf Technologie, sondern auch auf Kommunikation und Vermittlung. Wie ein technischer Coach arbeitet er interdisziplinär und situationsabhängig.
Laut einer Untersuchung des Software Engineering Institute (SEI) teilen sich architektonische Aufgaben heute auf mehrere Rollen auf. „Architectural Thinking“ ist damit keine exklusive Praxis mehr, sondern Bestandteil einer teamweiten Kompetenz. Dennoch bleibt die Notwendigkeit bestehen, komplexe Abhängigkeiten, Systemgrenzen und langfristige Skalierbarkeit professionell zu managen.
Ein Beispiel liefert die Schweizer SBB: In ihrer agilen Transformation hat sie die Rolle des Architektur-Coaches eingeführt, der mehrere Teams begleitet und sicherstellt, dass lokale Entscheidungen nicht zu globalen Inkonsistenzen führen.
Skalierung und Legacy – Herausforderungen an den Softwarearchitekten
Mit dem Wachstum digitaler Produkte steigen auch die strukturellen Anforderungen. Monolithische Applikationen werden reihenweise durch Microservices abgelöst. Parallel dazu müssen Legacy-Systeme integriert bleiben. Die Vielzahl an Schnittstellen, Deployment-Strategien und Security-Aspekten übersteigt schnell den kognitiven Rahmen einzelner Teams.
Hier kommt die Architektur ins Spiel: Durch strategische Vorgaben, wie z. B. den Einsatz von APIs, Service-Mesh-Konzepten oder Cloud-Native-Patterns (Serverless, Containerisierung), sichern Architekten die technische Kohärenz. Gleichzeitig braucht es Flexibilität: Die Architektur muss sich stetig weiterentwickeln, ohne die Entwicklungsgeschwindigkeit zu behindern.
Laut einer IDC-Studie aus dem Jahr 2023 geben 58 % der CIOs an, dass ein Mangel an architektureller Konsistenz die Skalierbarkeit ihrer Anwendungen behindert. Besonders in regulierten Branchen wie Banken, Versicherungen oder MedTech ist deshalb eine kontinuierliche Architekturbegleitung entscheidend.
Best Practices: So gelingt moderne Architekturarbeit im Team
Wie lässt sich die Rolle des Softwarearchitekten sinnvoll in agile Teams integrieren? Der Schlüssel liegt in einem Modell shared responsibility. Doch welche Praktiken haben sich in der Praxis bewährt? Drei etablierte Prinzipien haben sich in der globalen Community immer wieder durchgesetzt:
- Architecture Decision Records (ADRs): Dokumentation einzelner Architekturentscheidungen inkl. Motivation, Kontext und Auswirkungen – nachvollziehbar für alle Stakeholder.
- Lightweight Governance: Etablierung von Technologiestandards (z. B. API-Strategie, Deployment-Muster) in Form von Guiding Principles statt strikter Vorgaben.
- Architekturreviews im Peer-Modell: Regelmäßiger Austausch in Communitys of Practice, bei denen Teams sich gegenseitig durchleuchten und voneinander lernen.
Diese Praktiken fördern Transparenz, Zusammenarbeit und Qualität ohne zentralistische Eingriffe. Sie stehen sinnbildlich für den Wandel des Architekten vom Kontrolleur zum Coach.
Technologie-Trends: Architektur muss Schritt halten
Technologiewechsel vollziehen sich heute in atemberaubender Geschwindigkeit. Neue Standards wie WebAssembly, Edge Computing oder AI-as-a-Service verändern den architektonischen Unterbau signifikant. Cloud-Plattformen wie Microsoft Azure, AWS oder Google Cloud drängen Unternehmen zu neuen Integrationsmodellen (z. B. Event Streaming, Data Mesh, Infrastructure as Code).
Softwarearchitekten müssen diese Entwicklungen vorausschauend einordnen und in funktionierende Konzepte übersetzen. Besonders bei der Einführung von KI-Komponenten wächst ihre Verantwortung: Datenschutz, Transparenz und erklärbare Algorithmen verlangen gut durchdachte, modulare Strukturen. Der deutsche Branchenverband Bitkom hebt in seiner 2024 veröffentlichen Künstliche-Intelligenz-Studie hervor, dass 41 % der Unternehmen die erfolgreiche Integration von KI in bestehende Systeme als größte architektonische Herausforderung sehen (Quelle: Bitkom Research, 2024).
Architekten fungieren somit nicht nur als technische Lotsen, sondern auch als Experten für Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit und regulatorische Konformität.
Empfehlungen für Unternehmen und Teams
Organisationen, die Softwarearchitektur als integralen Erfolgsfaktor verstehen, sind langfristig besser aufgestellt. Für die Einführung oder Weiterentwicklung moderner Architekturrollen gilt:
- Architekturrollen sichtbar verankern: In agile Teams sollten explizite Architekturzuständigkeiten benannt – nicht versteckt – werden. Auch rotierende Rollenmodelle sind möglich.
- Kommunikationsräume schaffen: Architektur braucht Gespräche. Formate wie „Architecture Roundtables“ oder „Tech Guilds“ fördern gemeinsamen Wissensaufbau.
- Organisatorische Rückendeckung sichern: C-Level-Verantwortliche sollten verstehen, dass Architektur strategisches Kapital ist. Budget und Zeitfenster müssen bewusst reserviert werden.
Wer Architektur entkoppelt denkt – also unabhängig von konkreten Produktteams, aber in enger Abstimmung mit ihnen – kann sowohl Innovation als auch Stabilität fördern.
Fazit: Architektur ist Haltung, nicht Hierarchie
Der moderne Softwarearchitekt ist weder Dirigent noch Zuschauer – er ist Vermittler, Mentor und strategischer Impulsgeber. In einer Welt, in der Teams eigenverantwortlich handeln, verschiebt sich seine Aufgabe vom Entscheidungstreffen zum Entscheidungsbilden. Doch gerade diese neue Art der Verantwortung macht die Rolle so essenziell: Ohne koordinierte Architektur droht technische Schuldenfalle, Integrationschaos und Skalierungsblockade.
Unternehmen, die Architekturkompetenz ins Zentrum ihrer Entwicklung rücken, sichern sich nicht nur technische Exzellenz, sondern auch langfristige Wettbewerbsfähigkeit. Schreiben Sie uns: Wie lebt Ihr Team Softwarearchitektur? Diskutieren Sie mit unserer Community auf techinsider.de.




