Mit dem milliardenschweren Projekt „Stargate“ setzt SoftBank ein starkes Signal an die Weltmärkte: Der japanische Investmentriese steigt tief in die globale Rechenzentrumslandschaft ein. Dahinter steckt mehr als nur Infrastruktur – es geht um nichts Geringeres als die künftige Vormachtstellung im KI- und Cloud-Zeitalter.
Strategischer Strukturwandel: Warum SoftBank in Rechenzentren investiert
Die SoftBank Group ist nicht neu im Tech-Geschäft – ihre Beteiligungen an Schwergewichten wie ARM, Alibaba oder dem SoftBank Vision Fund haben das Unternehmen schon mehrfach an die Spitze der digitalen Expansion katapultiert. Doch mit „Stargate“ erfolgt nun ein substanzieller Kurswechsel: Vom reinen Beteiligungskapital hin zur direkten Infrastrukturverantwortung.
Laut SoftBank-CEO Masayoshi Son handelt es sich bei Stargate um eine Investitionsinitiative mit einem Gesamtvolumen von bis zu 100 Milliarden US-Dollar über die nächsten zehn Jahre. Ziel ist der Aufbau eines globalen Netzes von Hyperscale-Rechenzentren, die speziell auf KI-Workloads und Cloud-Infrastruktur zugeschnitten sind. Getrieben wird das Projekt durch die explodierende Nachfrage nach hochleistungsfähigen Rechenressourcen, ausgelöst durch generative KI, autonome Systeme und Machine Learning im industriellen Maßstab.
Diese Strategie reflektiert einen Paradigmenwechsel. Während Amazon, Microsoft und Google ihre Rechenzentrumsnetze über zwei Jahrzehnte organisch aufgebaut haben, überspringt SoftBank diesen Zyklus durch massive Kapitalmobilisierung und Partnerschaften mit spezialisierten Technologieunternehmen.
Globale Expansion: Wo und wie Stargate sein Netzwerk aufbauen will
Die ersten Maßnahmen deuten auf eine geografisch diversifizierte Expansion: In Saudi-Arabien plant SoftBank ein Mega-Rechenzentrum in Partnerschaft mit Aramco und PIF (Public Investment Fund), während in Indien, Indonesien und Vietnam bereits Standorte sondiert werden. Ebenso sollen in Europa – insbesondere in Deutschland, Polen und Irland – Clusterregionen entstehen, da hier der Strommix zunehmend klimaneutral und die regulatorischen Rahmenbedingungen für KI-Infrastrukturen stabil sind.
Ein Fokus liegt dabei auf der Nähe zu erneuerbaren Energiequellen. SoftBank hat angekündigt, seine Rechenzentren künftig ausschließlich mit grünem Strom aus Solar- und Windenergie zu betreiben. Dafür arbeitet das Unternehmen mit Energieversorgern wie Enel, Ørsted und ReNew Power zusammen.
SoftBank folgt damit einem Trend: Laut einer Studie von Synergy Research Group (2024) ist die weltweite Investition in Hyperscale-Rechenzentren im Jahr 2023 um 24 % gestiegen, getrieben durch steigenden KI-Rechenbedarf in Nordamerika, Europa und Asien. Auch der Markt für nachhaltige Rechenzentrumsenergie wuchs laut Uptime Institute 2023 um mehr als 18 %, ein weiterer Beleg für die strategische Ausrichtung von Stargate.
OpenAI als Katalysator: Warum eine Partnerschaft entscheidend ist
Ein zentrales Element der Stargate-Vision ist die Kooperation mit OpenAI. SoftBank investiert nicht nur technologisch, sondern auch personell: Laut Bericht des Financial Times vom Mai 2024 prüft das Unternehmen die Integration von OpenAI-Modellen in den operativen Stack seiner Rechenzentren. Ziel ist es, Inference- und Fine-Tuning-Modelle direkt auf Stargate-Infrastrukturen zu betreiben – ein Schritt, der die Latenz deutlich reduziert und die Datenresidenz gewährleistet.
OpenAI wiederum profitiert von zusätzlichen, dedizierten Rechenkapazitäten außerhalb der US-zentrierten Marktstruktur. SoftBank bietet damit eine seltene Alternative zur Dominanz der US-Hyperscaler – und positioniert sich als KI-neutraler Anbieter für globale Unternehmen.
Branchenbeobachter schätzen, dass bis 2026 rund 60 % aller Enterprise-AI-Anwendungen auf spezialisierten Infrastrukturen außerhalb klassischer Public Clouds laufen werden (IDC, AI Infrastructure 2024 Report). Stargate könnte somit zur Brücke zwischen generativer KI und global verteilter Performance-Edge werden.
Technologietiefe: Welche Hardware und Software bei Stargate zum Einsatz kommt
SoftBank setzt auf Cutting-Edge-Technologie: NVIDIA H100-Chips, eine enge Partnerschaft mit ARM-Architekturdesigns sowie Liquid-Cooling-Systeme von Vertiv und Schneider Electric sollen die hohe Wärmedichte bei parallelen KI-Trainings effizient abführen. Auf der Netzwerkseite plant SoftBank den Einsatz von Glasfaser-Backbones mit Latenzoptimierungen durch das israelische Start-up Drivenets.
Softwareseitig will SoftBank auf Open-Source-Frameworks wie Kubernetes und das AI-Orchestrierungstool „Ray“ setzen, ergänzt durch eigene Automatisierungsschichten auf Basis von ML-Ops-Stacks. Diese sollen Bildung, Verteilung und Monitoring großer KI-Modelle automatisieren.
Ein Pilotprojekt mit einer indischen Universität zeigt bereits, wie Stargate-Lösungen für medizinische Bildanalyse im Echtzeitmodus lokal betrieben werden. Das eröffnet neue Märkte – etwa im Gesundheitssektor, der auf Compliance und Edge-Performance angewiesen ist.
Wirtschaftliche Dimension: Finanzierung und Wettbewerbsperspektiven
Finanziert wird Stargate über eine Mischung aus Eigenkapital, Partnerinvestitionen und möglicherweise einem neuen „Infrastructure Vision Fund“. Die Struktur erinnert an frühere SoftBank-Modelle – allerdings mit stärkerem Fokus auf direkten Return über Betriebserträge statt Exit-Gewinnen.
Langfristig muss sich Stargate einem hochkompetitiven Markt stellen: Amazon AWS, Google Cloud und Microsoft Azure dominieren derzeit den globalen IaaS- und PaaS-Sektor mit kumulierten 66 % Marktanteil (Statista, Q3 2024). Dennoch wachsen alternative Anbieter stark – so konnte Oracle Cloud in osteuropäischen Märkten 2023 um über 30 % zulegen, insbesondere durch lokale Rechenzentren.
SoftBanks Vorteil: Die Positionierung außerhalb der klassischen Westmächte, insbesondere durch Standorte in Südostasien, MENA und Afrika. In diesen Regionen bestehen noch erhebliche Infrastrukturlücken – und somit Chancen.
Praxisorientierte Empfehlungen für Unternehmen und Anbieter
- Frühe Intergrationsstrategien entwickeln: Unternehmen, die auf KI-Anwendungen setzen, sollten frühzeitig Evaluierungen vornehmen, welche Rechenzentrumsstrategien in Hinblick auf Datenschutz, Latenz und Energieverbrauch langfristig tragfähig sind.
- Multi-Cloud-Architekturen überdenken: Stargate kann als Teil einer hybriden Infrastruktur genutzt werden, um sich von US-zentrierten Clouds unabhängiger zu machen.
- Ökologische IT-Roadmaps erstellen: CIOs sollten bei Neubeschaffungen nicht nur auf Performance, sondern auf die Energieherkunft und -effizienz der genutzten Rechenzentren achten.
Fazit: Wer das Rechenzentrum kontrolliert, kontrolliert die Cloud
Mit Stargate schlägt SoftBank ein neues Kapitel im Wettlauf um die KI-Infrastruktur der Zukunft auf. Der Ansatz ist radikal, ambitioniert und technologisch innovativ. Es bleibt offen, ob der Konzern die Investition erfolgreich skalieren kann – doch der Markt zeigt sich offen für neue Anbieter, die Nachhaltigkeit, geopolitische Neutralität und KI-Kapazitäten vereinen.
In einer Zeit, in der Rechenleistung zum Dreh- und Angelpunkt von Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft wird, könnten Projekte wie Stargate zu entscheidenden Eckpfeilern einer neuen digitalen Ordnung werden. Es ist an der Zeit, dass sich die Tech-Community intensiver mit den Alternativen zu etablierten Hyperscalern auseinandersetzt.
Wir freuen uns auf Ihre Perspektiven in den Kommentaren: Welche Chancen sehen Sie für neue globale Rechenzentrums-Player wie SoftBank – und wo lauern die Risiken?




