Webentwicklung

HTML-Vokabular im Check: Das ‚Glücksrad‘-Experiment in der Praxis

Ein strahlend sonnendurchfluteter Arbeitsplatz mit einem modernen Laptop, auf dessen Bildschirm sauber strukturierter HTML-Code zu sehen ist, umgeben von Notizblättern und einer Tasse warmen Kaffees, die eine produktive, konzentrierte und freundliche Atmosphäre für Webentwickler vermittelt.

Wie sauber kann HTML wirklich sein, wenn man es auf seinen Ursprung reduziert? Das ‚Glücksrad’-Experiment von Jens Oliver Meiert liefert dazu bemerkenswerte Erkenntnisse – und stößt eine Debatte über die Qualität moderner Frontend-Entwicklung an, die längst überfällig ist.

Der Ursprung des Experiments: HTML mit System testen

In der Webentwicklung ist HTML oft das stille Fundament – ein Grundbaustein, über den selten intensiv diskutiert wird. Das Glücksrad-Experiment, ins Leben gerufen vom bekannten Web-Standards-Verfechter Jens Oliver Meiert, stellt genau dieses Fundament auf die Probe. Sein Ansatz: die technischen Grenzen und semantische Tiefe von HTML ausloten, indem ausschließlich elementare HTML-Tags zum Einsatz kommen – und das in einem streng kontrollierten Rahmen.

Ziel war es, mit verschiedenen zufällig gewählten Elementen – daher der Name „Glücksrad“ – kleine Experimente und Webseiten zu erstellen, ohne auf CSS, JavaScript oder Frameworks zurückzugreifen. Dies zwingt Entwickler:innen, sich kompromisslos auf das HTML-Vokabular zu konzentrieren – auf Struktur, Bedeutung und Validität.

Die Motivation hinter dem Projekt ist einfach, wie Meiert betont: „Wir verlassen uns zu oft auf Werkzeuge, statt das Handwerk zu beherrschen.“ Seine Kritik zielt auf eine zunehmende Entfremdung von HTML als Sprache. In seiner Dokumentation und in mehreren Blogbeiträgen beschreibt er die methodische Durchführung und die Erkenntnisse, die sich teils überraschend entwickelten.

Methodik und Ablauf: Wie das Glücksrad entschied

Jens Oliver Meiert startete das Experiment mit einer Liste aller HTML5-Elemente – rund 110 Tags laut Spezifikation des WHATWG Standards. Per Zufallsgenerator wurden daraus regelmäßig neue Elemente „gedreht“, mit denen dann ein Mini-Webprojekt umgesetzt werden musste. Keine CSS-Klassen, keine Scripte, nur HTML.

Insgesamt wurden über 70 Projekte erstellt, von einfachen Textanordnungen über komplexe Tabellen bis hin zu interaktiven Formularimitaten – alles mit purem HTML. Dabei zeigten sich nicht nur Nutzungspotenziale von oft übersehenen Elementen wie <samp>, <kbd> oder <ruby>, sondern auch Defizite in aktuellen Browserimplementierungen.

Bemerkenswert war die bewusste Beschränkung auf valide und semantisch korrekte Anwendung. Jedes Experiment wurde mithilfe des W3C Validators geprüft, Fehler korrigiert und dokumentiert. Dadurch entstand eine einzigartige Sammlung pragmatischer HTML-Beispiele – frei von technologischem Ballast, aber reich an Erkenntnissen.

Was wir aus dem Glücksrad lernen können

Die wichtigsten Lehren aus dem Experiment sind vielschichtig. Zum einen zeigt sich, wie mächtig HTML selbst ohne Erweiterungen sein kann. Viele Interfaces lassen sich allein durch saubere semantische Struktur abbilden. Zum anderen wird deutlich, wie stiefmütterlich manche Elemente in der Praxis behandelt werden – teils durch Unwissenheit, teils durch Tooling-Beschränkungen moderner Frameworks.

Laut einer aktuellen State of HTML-Studie (2023) nutzen 67 % der Entwickler:innen weniger als 30 verschiedene HTML-Tags regelmäßig. Seltene, aber wertvolle Elemente wie <mark> oder <figure> bleiben damit ungenutzt, obwohl sie semantisch wertvoll sind – für Barrierefreiheit, Suchmaschinen und strukturierte Daten.

Meiert kommentiert: „HTML ist keine Clipart-Sammlung von Layoutmitteln. Jedes Element trägt Bedeutung – genau das wollen wir zurück ins Bewusstsein holen.“

Technologische Relevanz: Sauberes HTML ist kein Luxus

Auch außerhalb dieses Experiments gewinnt HTML an Relevanz. Im Zuge zunehmender regulatorischer Anforderungen – etwa der EU Web Accessibility Directive – ist eine semantisch korrekte Auszeichnung unerlässlich geworden. Sites, die HTML-Standards einhalten, erzielen laut einer WebAIM-Studie von 2023 um bis zu 43 % bessere Ergebnisse hinsichtlich Barrierefreiheit.

Zudem spielt sauberes HTML im SEO eine wachsende Rolle. Google bewertet semantisch sinnvolle Strukturen, eingebettete Metadaten und klare Hierarchien deutlich positiver. Ein HTML-Grundgerüst, das mit <main>, <article>, <section> und <header> sinnvoll arbeitet, steigert die Crawlability messbar – bestätigt durch diverse Studien des SEO-Tool-Anbieters Ahrefs (2024).

In der Praxis zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Moderne Frameworks wie React oder Vue abstrahieren HTML oft in Komponenten. Dadurch wird das ursprüngliche Vokabular mitunter verzerrt oder reduziert. Das erschwert nicht nur Debugging, sondern erschüttert auch das Vertrauen in barrierefreie Auslieferung.

Wem nützt das? Ein Blick in die Branchenpraxis

Das Glücksrad-Experiment ist mehr als intellektuelle Spielerei. Es liefert Argumentationshilfe für Design-Systeme, Redaktionsrichtlinien und Styleguides. Große Plattformen wie Mozilla, Die Zeit oder GOV.UK setzen längst auf streng validiertes, barrierefreies HTML. Sie bestätigen: Der Aufwand lohnt sich – etwa durch geringere Maintenance-Kosten und mehr Vertrauen bei Nutzer:innen.

Frontend-Engineer Anna-Lena Moser (freiberuflich, vormals DE-CIX) sagt dazu: „Projekte starten heute oft mit Framework-Installationen statt mit einem <doctype>. Dabei wäre ein HTML-Review vorab deutlich nachhaltiger.“

Auch Entwickler:innen, die an Performance-Optimierung arbeiten, beziehen sich zunehmend auf natives HTML. Gründe sind klare Renderpfade, geringere Datenmengen und robustes Verhalten auf Low-End-Geräten.

  • Verzichten Sie regelmäßig testweise auf Frameworks, um HTML-Kompetenz zu trainieren – das fördert Verständnis und Fehlertoleranz.
  • Nutzen Sie den W3C-Validator oder Tools wie Nu HTML Checker, um Codequalität automatisiert zu bewerten.
  • Erstellen Sie ein HTML-Styleguide für Ihre Projekte: Definieren Sie, welche Tags wann und wie verwendet werden – besonders in interdisziplinären Teams.

Ein neues Bewusstsein für alte Stärken

Das Glücksrad-Experiment bringt einen überraschenden Effekt mit sich: Begeisterung für eine Sprache, die als „abgehakt“ galt. Es erinnert daran, dass HTML keine Nebensache sein darf, sondern zentrale Kompetenz bleibt – gerade in Zeiten von AI-generierten Interfaces und automatisierter Frontend-Entwicklung.

Meiert selbst plant eine Fortsetzung seines Projekts in Richtung HTML Living Standard und möglicherweise ein Buch darüber. Mit seinem langjährigen Engagement für Webstandards und seiner Erfahrung bei Google und W3C könnte ihm das gelingen, was vielen Kursen und Guidelines nicht gelingt: Entwickler:innen für HTML zu begeistern – aus Überzeugung, nicht aus Pflicht.

Welche Rolle spielt HTML in deinen Projekten – Grundstein oder Nebenprodukt? Teile uns deine Erfahrungen mit und diskutiere mit Kolleg:innen aus der Branche über Wege zu mehr systematischer Qualität im Web.

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