Die Umstellung großer Softwareprojekte auf eine neue Programmiersprache ist selten – wenn sie gelingt, markiert sie jedoch einen Strukturwandel in der Softwareentwicklung. Microsoft zielt nun auf nichts Geringeres ab als eine fundamentale Migration seiner sicherheitskritischen Komponenten von C/C++ zu Rust. Was steckt hinter diesem Strategiewechsel – und was bedeutet er für die Zukunft der Softwareentwicklung beim Tech-Giganten?
Warum Rust? Microsofts sicherheitsgetriebene Neuausrichtung
Rust hat sich in den letzten Jahren einen Ruf als sichere und performante Sprache für Systemprogrammierung erarbeitet. Für ein Unternehmen wie Microsoft, dessen Produkte wie Windows und Azure auf Millionen von Geräten weltweit laufen, steht Sicherheit ganz oben auf der Agenda.
Bereits 2019 veröffentlichte Microsoft den viel beachteten Report „A proactive approach to memory safety“ und stellte fest, dass rund 70 % aller Sicherheitslücken im eigenen Code aus Problemen mit Speicherzugriffen resultieren – typischerweise verursacht durch C oder C++. Diese erschütternde Bilanz hat zu einem langsamen, aber stetigen Kulturwandel in Redmond geführt.
Mit Rust, das Speicherfehler dank seines Ownership-Modells schon zur Compile-Zeit verhindert, will Microsoft die Zahl dieser Schwachstellen drastisch reduzieren. Anders als bei C/C++ sind etwa „Use after free“-Bugs oder Buffer Overflows in Rust drastisch erschwert, wenn nicht unmöglich, solange man sich nicht in den unsafe-Modus begibt.
Projekt Verona, WinRust und das ‚Rewrite or wrap?‘-Dilemma
Microsofts Rust-Initiativen sind inzwischen technologisch diversifiziert. Hinter den Kulissen arbeiten Dev-Teams an Projekten wie WinRust – einem Interface zur Integration von Rust mit der Win32-API – und Verona, einer experimentellen Sprache, die Konzepte von Rust übernimmt, aber gleichzeitige Speicherverwaltung anders lösen soll.
Doch statt einen Big Bang zu initiieren, verfolgt Microsoft einen Pragmatismus, den viele Großunternehmen anstreben, aber selten durchhalten: eine inkrementelle Migration. Teams priorisieren sicherheitskritische Komponenten, schreiben selektiv Bibliotheken neu oder kapseln sie via Rust-Wrapper. Das bedeutet zugleich: Eine vollständige Neuschreibung sämtlicher C/C++-Bestände ist bisher nicht geplant – auch wenn die langfristige Vision genau das suggerieren könnte.
So äußerte Ryan Levick, Microsoft-Entwickler und Rust-Evangelist, bereits 2022, dass es nicht um ein komplettes Umschreiben gehe, sondern um ‚targeted rewrites‘ in sicherheitsrelevanten Bereichen (Quelle: The New Stack).
Vorteile von Rust: Mehr als nur Sicherheit
Sicherheit ist zweifellos das Hauptmotiv. Doch Entwickler:innen sehen in Rust noch mehr Potenzial:
- Concurrency ohne Datenrennen: Rust erzwingt sauberen Umgang mit nebenläufigen Threads, wodurch Race Conditions frühzeitig auffallen.
- Rasche Kompilierung mit hohem Optimierungsgrad: Der LLVM-Backend sorgt für ausgereiften Maschinen-Code, vergleichbar mit C++-Compilern.
- Gute Toolchain: Mit cargo verfügt Rust über ein modernes Build- und Dependency-Management-System mit automatischem Code-Testen, Formatieren und Dokumentieren.
Zudem schätzen viele Entwickler:innen Rusts klare Error-Messages und hohe Entwicklerfreundlichkeit: Laut dem Stack Overflow Developer Survey 2023 wurde Rust zum siebten Mal in Folge als beliebteste Sprache gewählt, mit einer Zufriedenheitsrate von über 86 % (Quelle: Stack Overflow).
Herausforderungen: Legacy-Code, Lernkurven und Toolunterstützung
Allerdings wäre eine völlige Migration auf Rust kein Kinderspiel. Microsofts C/C++-Codebasis umfasst Jahrzehnte an „Battle-hardened“ Optimierungen, die nicht einfach replizierbar sind. Zudem stellt sich die Frage: Wie viele Entwickler:innen verfügen überhaupt über Expertise in Rust?
Ein weiteres zentrales Problem: Nicht alle Bibliotheken oder Windows-APIs sind derzeit idiomatisch mit Rust nutzbar. Zwar gibt es Fortschritte wie die windows-rs-Bibliothek, doch gelegentlich müssen Entwickler:innen auf unsafe zurückgreifen – was die Sicherheitsvorteile konterkariert.
Intern läuft zudem ein Trainingsprogramm: Microsoft organisiert seit 2023 unternehmensweite Rust-Schulungen, betreibt interne Ressourcenplattformen und lässt künstliche Intelligenz dabei mitwirken.
Die Rolle von KI: Copilot als Migrationsassistent
Ein aufkommender Hoffnungsträger für den Spagat zwischen C/C++-Altcode und moderner Rust-Zukunft ist künstliche Intelligenz. Projekte wie GitHub Copilot (eine Microsoft-Tochter) werden bereits genutzt, um Codevorschläge für Portierungen zu generieren. Erste interne Pilotprojekte zeigen, dass einfache C-Bibliotheken teils zu 60–70 % automatisiert in Rust übertragen werden konnten – mit anschließendem manuellem Feintuning.
Zudem testet Microsoft eigene LLMs mit Fokus auf Systemsprache und API-Verständnis für Windows-Calls. Die Koordination dieser Prozesse erfolgt transparent: In einem Vortrag auf der BlueHat IL 2024 erklärte Microsoft-Ingenieur Paula Januszkiewicz die neuen internen KI-Pipelines, die C/C++-Code analysieren, Schwachstellen erkennen und passende Rust-Strukturen vorschlagen.
Dennoch bleibt der KI-Einsatz ein unterstützendes Werkzeug – nicht der Migrationsmotor selbst.
Auswirkungen auf Software-Ingenieur:innen bei Microsoft
Die Migration verändert auch den Alltag der Entwickler:innen:
- Upskilling erforderlich: Viele Developer müssen Rust neu lernen – befeuert durch unternehmensinterne Incentives und Zertifizierungsprogramme.
- Neue Coding Standards: Security-Guidelines und Rustlint-Policies werden eingeführt und evaluiert.
- Cross-Team-Kollaboration nimmt zu: Zwischen Windows-, Azure- und Tools-Teams entstehen neue Schnittstellen durch gemeinsamen Rust-Code.
Damit sendet Microsoft auch ein Signal an den Markt: Entwickler:innen mit Rust-Knowhow werden gesucht – intern und extern.
Branchenweite Bedeutung und Reaktionen der Open Source-Welt
Microsofts Rust-Vorstoß bleibt nicht unbeobachtet. Die Open Source-Community reagiert überwiegend positiv – gerade in Linux-nahen Kreisen, wo die Kernel-Integration von Rust voranschreitet. Auch Konzerne wie Amazon (mit Firecracker), Google (für Android-Komponenten) und Meta setzen Rust gezielt ein.
Laut Synopsys-Report 2024 verwenden inzwischen mehr als 42 % der Tech-Unternehmen Rust in sicherheitskritischen Komponenten (Quelle: Synopsys OSSRA 2024).
Der Trend zeigt: Rust ist vom Experiment zum ernstzunehmenden Backbone moderner Systemprogrammierung avanciert.
Praktische Empfehlungen für Unternehmen, die über Rust nachdenken
- Analyse der sicherheitskritischen Hotspots: Bevor ein Team auf Rust umstellt, sollten Speicher-Schwachstellen systematisch identifiziert werden – etwa mit Tools wie CodeQL oder Coverity.
- Gezielte Weiterbildung initiieren: Rust-Knowhow lässt sich durch dedizierte Trainings, Hackathons und Pair-Programming fördern – ein entscheidender Erfolgsfaktor für effektive Migration.
- Hybridstrategien sinnvoll nutzen: Komplettportierungen sind selten nötig. Vielfach reicht die Entwicklung neuer Komponenten in Rust, eingebettet via FFI in bestehende C/C++-Umgebungen.
Fazit: Rust als Zukunftsoption mit Augenmaß
Microsoft geht mit der Rust-Initiative einen strategischen und sicherheitsorientierten Weg in die Zukunft – mit Augenmaß, aber auch visionärem Anspruch. Der Weg ist keineswegs trivial, doch das Ziel verheißt eine robustere, stabilere Softwarelandschaft.
Für Entwickler:innen und Industrie gilt daher: Rust verstehen heißt, moderne Software-Sicherheit aktiv mitzugestalten. Lassen Sie uns im Austausch bleiben – wo steht Ihr Unternehmen beim Thema Rust?



