Das nordfranzösische Städtchen Escaudain steht vor einem Strukturwandel mit internationaler Tragweite: Mit dem geplanten Rechenzentrumscampus von Data4 und BT Immo rückt es ins Zentrum der europäischen Digitalinfrastruktur. Doch wie nachhaltig kann ein Projekt mit einer geplanten Energieaufnahme von 700 Megawatt wirklich sein?
Ein Mega-Projekt mit politischen Ambitionen
Im Mai 2024 wurde bekannt, dass der französische Rechenzentrumsbetreiber Data4 gemeinsam mit der Entwicklergruppe BT Immo einen der größten Rechenzentrumscampi Europas in Escaudain errichten wird. Das gigantische Projekt liegt rund 50 Kilometer südlich von Lille, nahe der belgischen Grenze, auf einer 80 Hektar großen Fläche – einem ehemaligen Industriegebiet der einstigen Kohleregion Hauts-de-France.
Die geplante Infrastruktur soll perspektivisch eine Gesamtleistung von bis zu 700 Megawatt (MW) bieten. Zum Vergleich: Der gesamte französische Rechenzentrumsmarkt lag laut einer Analyse des Branchenverbands France Datacenter 2023 bei geschätzten 1.000 MW – Escaudain könnte also rund 70 Prozent der bisherigen Gesamtkapazität nachbilden.
Frankreichs Regierung begrüßt das Projekt, das in das nationale Ziel eingebettet ist, Europas digitale Souveränität und Resilienz zu stärken. Der Minister für Digitales, Jean-Noël Barrot, äußerte sich im Sommer 2024 positiv: „Frankreich kann damit zum Rechenzentrumshub Europas aufsteigen.“
Wirtschaftlicher Hebel für eine strukturschwache Region
Für Escaudain und das Département Nord birgt das Projekt beträchtliches Potenzial: BT Immo und Data4 rechnen mit etwa 1.000 direkten und indirekten Arbeitsplätzen während der Bauphase und mehreren hundert dauerhaften High-Tech-Jobs im laufenden Betrieb. Darüber hinaus versprechen Investitionen in die Infrastruktur – darunter neue Energie- und Glasfaserleitungen, aber auch Straßenmodernisierungen – langfristige Spill-over-Effekte.
„Solche Vorhaben können als Impulsgeber für regionale Entwicklung dienen, wenn die Anbindung, Ausbildung und lokale Wertschöpfung richtig geplant werden“, erklärt Dr. Nadine Maret, Standortexpertin am französischen Thinktank La Fabrique de l’Industrie. Insbesondere Kooperationen mit regionalen Bildungseinrichtungen seien entscheidend.
Nachhaltigkeit ist Pflicht, nicht Kür
Ein Rechenzentrum mit bis zu 700 MW elektrischer Anschlussleistung wirft zwangsläufig Fragen zur Nachhaltigkeit und zum Energieverbrauch auf. Data4 betont, dass das Projekt auf „Green by Design“-Prinzipien beruht. In einem offiziellen Statement bekräftigte das Unternehmen, dass alle neuen Rechenzentren auf eine Power Usage Effectiveness (PUE) von unter 1,3 ausgelegt sein sollen – ein ambitionierter Wert, wenn man bedenkt, dass der europäische Durchschnitt 2023 laut Uptime Institute bei 1,55 lag.
Data4 plant den Einsatz mehrerer nachhaltiger Technologien:
- Freikühlung durch das gemäßigte Nordfrankreich-Klima
- Wärmerückgewinnung zum Anschluss an lokale Heizungsnetze
- Photovoltaikflächen auf Dächern und Begleitflächen
- Strom aus langfristigen PPAs mit französischen Windparks und Solarbetreibern
Seit 2023 arbeitet Data4 zudem mit dem französischen Energieversorger EDF zusammen, um garantierten Zugriff auf CO₂-arm erzeugten Strom aus Atom- und Wasserkraft zu erhalten. Damit zielt der Betreiber auf eine nahezu emissionsfreie Versorgung bis 2030.
Herausforderungen: Netzanschluss und Wasserverbrauch
Die Dimension des Campus bringt Herausforderungen mit sich, die über das übliche Maß hinausgehen. Die Bereitstellung von 700 MW Netzanschlussleistung ist ein infrastrukturelles Mammutvorhaben. Enedis, der Netzbetreiber für das französische Mittelspannungsnetz, kalkuliert mit mehreren Jahren Bauzeit für neue Umspannwerke und Hochspannungsleitungen.
Ein weiterer kritischer Faktor ist der Wasserverbrauch: Rechenzentren nutzen Kühlsysteme, die unter anderem auf Verdunstung basieren. Laut einer Studie des Lawrence Berkeley National Laboratory kann ein mittelgroßes Rechenzentrum bis zu 25 Millionen Liter Wasser pro Jahr verbrauchen. In Frankreich hat das Umweltministerium angekündigt, strengere Obergrenzen für Rechenzentren einzuführen, die ab 2026 greifen sollen – ein Signal an Betreiber, wasserlose Kühlsysteme zu implementieren.
Data4 versichert, dass der Campus „zu 100 % auf Luft- und Adiabatkühlung“ setze und keinerlei direkte Wasserverdunstung vor Ort geplant sei. Eine öffentliche Umweltverträglichkeitsstudie (Étude d’Impact) wurde für Mitte 2025 angekündigt.
Markttrends: Hyperscaler und der Kampf um Kapazitäten
Hinter dem Ansturm auf so große Rechenzentrumsprojekte steht eine nie dagewesene Nachfrage durch Cloudanbieter und KI-Anwendungen. Global Data schätzt, dass der Bedarf an Rechenzentrumskapazitäten bis 2030 jährlich um über 12 % wächst. Besonders Hyperscaler wie Microsoft, AWS und Google treiben diesen Trend voran. Schon heute sichern sich Tech-Giganten langfristig Standorte mit geeigneter Topografie, politischer Stabilität und Energieverfügbarkeit.
Frankreich punktet dabei mit vergleichsweise niedrigen Strompreisen, stabiler Netzstruktur und moderatem Klima. Mit dem Escaudain-Projekt könnte das Land den Anschluss an Entwicklungen in Frankfurt, Amsterdam oder Dublin halten – drei Städten, in denen Flächen- und Stromknappheit inzwischen zum Hauptproblem geworden sind.
Zudem steigt mit wachsender Leistung je Rack auch der Energiebedarf pro Quadratmeter. KI-Hardware mit hohen Anforderungen an GPU-Rechenleistung (z. B. NVIDIA H100 oder AMD MI300X) führt zu dichten High-Density-Bereichen, die bis zu 80 kW pro Rack ziehen. Der Escaudain-Campus wird laut Planungen für diese Future-Ready-Lasten vorbereitet sein.
Drei Handlungsempfehlungen für nachhaltiges Hyperscale-Hosting
- Frühzeitig PPAs und Grid-Kapazitäten sichern: Energieverfügbarkeiten sind inzwischen das Nadelöhr jeder Rechenzentrumsplanung. Der Abschluss langfristiger Strombezugsverträge (PPAs) mit grünen Kraftwerken reduziert Risiken und verbessert ESG-Ratings.
- Wärme als Ressource betrachten: Rechenzentren erzeugen nutzbare Abwärme. Betreiber sollten Kooperationen mit Kommunen oder Industrien prüfen, um Fernwärmenetze oder Gewächshäuser zu speisen.
- Transparenz und Berichtspflichten implementieren: Zertifizierungen wie ISO 50001 (Energiemanagement) und regelmäßige Offenlegung von Effizienzkennzahlen fördern Vertrauen und ermöglichen Benchmarking.
Fazit: Europas Rechenzentrumsstrategie auf dem Prüfstand
Das Hyperscale-Projekt in Escaudain steht exemplarisch für die neue Phase der Digitalisierung: Cloud, KI und Edge-Computing benötigen nicht nur Rechenkapazität, sondern auch neue Antworten auf Fragen von Effizienz, regionaler Verantwortung und Umweltverträglichkeit.
Ob Data4 gelingt, dieses Versprechen in der Praxis umzusetzen, wird nicht nur für Frankreich, sondern für die strategische Ausrichtung europäischer Infrastrukturprojekte beispielgebend sein. Klar ist: Die Zukunft der Cloud ist lokal – aber sie muss auch grün sein.
Diskutieren Sie mit uns: Welche Rolle sollen regionale Rechenzentren in Europas digitaler Zukunft spielen? Welche Anforderungen stellen Sie an nachhaltiges Cloud-Hosting?




