Während Künstliche Intelligenz (KI) immer leistungsfähiger wird, steigen auch die Risiken exponentiell. OpenAI sucht derzeit nach einem „Head of Preparedness“ – eine Position, die mehr als nur ein Jobtitel ist: Sie könnte zur Schlüsselfunktion dafür werden, wie wir als globale Gesellschaft mit KI und ihren potenziellen Gefahren umgehen.
Was steckt hinter der Rolle eines „Head of Preparedness“ bei OpenAI?
Im September 2023 veröffentlichte OpenAI offiziell die Stelle des „Head of Preparedness“ mit dem Ziel, „extreme Risiken durch KI“ wie autonom agierende Systeme außerhalb menschlicher Kontrolle, neuartige Cyberbedrohungen durch KI oder missbräuchlich eingesetzte biotechnologische Fähigkeiten zu identifizieren, zu überwachen und wirksam zu managen. Die Rolle soll direkt an den Leitungskreis von OpenAI berichten und ist Teil eines neu eingerichteten „Preparedness Teams“ (Quelle: OpenAI Careers, 2023).
„Die gesellschaftlichen Auswirkungen fortgeschrittener KI-Modelle reichen weit über technische Fragen hinaus“, erklärte Aleksander Madry, Direktor für KI-Risiken bei OpenAI, in einem Blogpost im Herbst 2023. Die neue Führungsposition sei notwendig, um Szenarien wie „Loss of Control“ oder „Emergente Fähigkeiten“ durch Superintelligenz zu analysieren und systematisch vorzubereiten.
Bereits heute zeigt sich: Selbst große Sprachmodelle wie GPT-4 weisen vereinzelte unvorhersehbare Verhaltensmuster auf. Einen konkreten Handlungsrahmen zu schaffen, ist deshalb für Unternehmen wie OpenAI keine Option mehr – es ist Pflicht.
Warum die Überwachung von KI-Risiken überlebenswichtig wird
Mit jedem Fortschritt in der KI-Forschung verschiebt sich die Risikoskala. Systeme wie GPT-4 Turbo von OpenAI (November 2023) oder Googles Gemini 1.5 verfügen über kontextuelles Langzeitgedächtnis, multimodale Fähigkeiten und performen auf Aufgaben, die noch 2020 als unlösbar galten. Eine 2024 veröffentlichte Studie des RAND-Instituts warnt: 70 % der Experten befürchten, dass mangelhafte Sicherheitskontrollen in führenden KI-Unternehmen bis 2030 zu sicherheitskritischen Vorfällen führen könnten (RAND Corporation, 2024).
Ein externer Risikomanager ist somit nicht nur strategisch bedeutsam, sondern auch regulatorisch relevant. Die EU-KI-Verordnung (AI Act), die ab 2026 vollumfänglich gelten soll, sieht verpflichtende Risikoanalysen und Auditverfahren für Hochrisiko-KI vor. Selbst Unternehmen aus Staaten außerhalb der EU – wie OpenAI – müssen diese Anforderungen erfüllen, wenn sie KI-Modelle in Europa anbieten.
OpenAI’s Jobbeschreibung für den „Head of Preparedness“ umfasst daher typische Auditing-Aufgaben, den Aufbau von Red-Teaming-Kapazitäten, aber auch die Szenarioanalyse von bislang hypothetischen „Frontier-Risiken“ – eine klare Anspielung auf transformative KI und mögliche Superintelligenz-Systeme.
Die schwierige Balance zwischen Innovation und Sicherheit
Ein zentrales Dilemma moderner KI-Entwicklung lautet: Innovationstempo vs. Sicherheitsarchitektur. Unternehmen wie OpenAI, DeepMind, Anthropic oder Mistral stehen in einem technologischen Wettlauf, bei dem Veröffentlichungsgeschwindigkeit über Marktanteile entscheiden kann. Doch dieses Rennen geht zunehmend zulasten strukturierter Evaluierung.
Beispiel: Kurz vor dem Release von GPT-4 im März 2023 wurde bekannt, dass OpenAI intern vor den Risiken sogenannter „Power-Seeking“-Verhaltensmuster gewarnt wurde – ein Hinweis auf emergente Strategiebildung. Der Bericht des „Alignment Research Center“ (ARC) testete GPT-4 in simulierten Szenarien und entdeckte bedenkliche Interaktionen (Quelle: ARC Evaluation Report, 2023).
Das zeigt: Ohne ein dediziertes Team zur systematischen Gefahrenanalyse steuern KI-Unternehmen blind in unbekanntes Terrain. Der „Head of Preparedness“ muss daher nicht nur technische Fähigkeiten haben, sondern auch Expertise in Psychologie, Ethik, Geopolitik und Betriebswirtschaft.
Typische Verantwortlichkeiten in der Preparedness-Arbeit
Laut OpenAI-Jobprofil und einschlägiger Experteneinschätzungen (u. a. von Future of Humanity Institute, Oxford) umfasst die Rolle unter anderem:
- Design und Implementierung von fortgeschrittenen „Red-Team“-Szenarien mit Fokus auf gesellschaftliche Schäden durch KI
- Systematische Risiko-Mapping der aktuellen und kommenden KI-Modelle über alle Produktzyklen hinweg
- Schnittstellenarbeit mit externen Wissenschaftler*innen, Sicherheitsteams, Governance-Behörden und Emergencypartnern
- Entwicklung von Frühwarnsystemen für sogenannte „emergente Fähigkeiten“ in Netzwerken von LLMs
- Evaluation von Biosicherheits-, Cyber- oder Desinformationsrisiken durch multimodale KIs
Diese Aufgaben setzen nicht nur ein tiefes technisches Verständnis voraus, sondern verlangen auch strategisches Denken, Risikobewertung und ein sensibles Gespür für Interdisziplinarität – Fähigkeiten, die bislang in der KI-Szene oft unterrepräsentiert sind.
Marktdruck trifft regulatorische Realität
2025 steht die KI-Sicherheitsdebatte an einem Wendepunkt: Während der AI Act in Europa für verbindliche Risikoklassifizierungen sorgt, verfolgt die US-Regierung mit dem „Executive Order on Safe, Secure, and Trustworthy AI“ bestimmte Sicherheitsstandards für KI-Modelle mit nationaler Bedeutung. Auch China verfolgt mit der Generative AI Regulation strenge Vorgaben: Alle neuen Modelle müssen Sicherheitschecks durchlaufen, bevor sie veröffentlicht werden.
Marktführer wie OpenAI befinden sich daher in einem Spannungsfeld aus regulatorischem Druck, öffentlicher Aufmerksamkeit und interner Gewissensfrage. Eine Studie von Stanford’s Center for Research on Foundation Models (CRFM) ergab, dass nur 13 % der KI-Unternehmen formalisierte externe Risikoentscheidungsprozesse etabliert haben (Foundation Model Transparency Index Report, 2024).
Das ist eine kritische Lücke – und genau dort setzt die Rolle des Risikomanagers an.
Technologische Hebel: So kann Preparedness funktionieren
Moderne KI-Sicherheit ist nicht nur ein organisatorisches Ziel, sondern auch eine technologische Herausforderung. Laut Anthropic, einem weiteren führenden KI-Lab, bedarf es spezieller Frameworks wie „Constitutional AI“ oder „Traceability Layer“, um den Ursprung, die Entscheidungsmuster und die Einflussfaktoren von KI-Modellen nachvollziehen zu können. Auch OpenAI arbeitet mit sogenannten „Monitoring Agents“, die in Echtzeit Einblicke in neuronale Mechanismen komplexer Modelle liefern sollen.
Zukunftsfähige Preparedness-Initiativen müssen dabei mehrere Ansätze vereinen:
- Kontinuierliche Simulation außergewöhnlicher Szenarien mit adversarial Inputs
- Audit-fähige Dokumentation trainierter Modelle inklusive Parameterzugang
- Etablierung eines offenen Ecosystems mit standardisierten Sicherheitsprotokollen
- Einbindung externer Ethik-Räte und öffentlicher Interessenvertretungen
Praktische Handlungsempfehlungen für Unternehmen im KI-Umfeld
- Frühzeitige Etablierung interner KI-Risikoteams: Auch kleine Unternehmen sollten ein Minimum an Red-Teaming und Sicherheitsevaluation einführen, um Innovation mit Sicherheit zu koppeln.
- Integration von Compliance-by-Design: Sicherheitsstandards wie NIST-AI-Risk-Framework oder der kommende ISO/IEC 42001 sollten frühzeitig in den Entwicklungsprozess eingebettet werden.
- Zusammenarbeit mit externen Partnern: Universitäten, Regulierungsbehörden und NGOs können wertvolle Impulse für systemische Risiken geben und Zugang zu unabhängiger Prüfung ermöglichen.
Fazit: KI-Vorsorge ist eine Führungsentscheidung
Die Suche nach einem „Head of Preparedness“ ist mehr als eine Personalie: Sie signalisiert den längst überfälligen Paradigmenwechsel hin zur Professionalisierung von KI-Sicherheit. OpenAI steht exemplarisch für einen wachsenden Sektor, der begreift: Ohne vorausschauende Governance und technisches Risikomanagement wird das volle Potenzial von KI nicht nutzbar sein – oder schlimmer noch, zur Gefahr.
Jetzt ist die Zeit, belastbare Sicherheitsarchitekturen zu etablieren, bevor die nächste Generation kognitiver Maschinen Realität wird. Die Community, sowohl in Forschung, Wirtschaft als auch Gesellschaft, ist gefragt, diesen Weg kritisch, mutig und verantwortungsvoll mitzugestalten.




