Ein kürzlich aufgetretener Vorfall, bei dem ein humanoider Roboter unter Kontrolle eines manipulierten Algorithmus einen anderen Roboter infizierte und attackierte, hat die Debatte um die Sicherheit von KI-gesteuerten Maschinen neu entfacht. Was wie Science-Fiction klingt, offenbart fundamentale Schwachstellen in der Architektur moderner Robotersysteme. Wie real ist die Gefahr – und sind wir darauf vorbereitet?
Ein Vorfall, der aufhorchen lässt
Ende November 2025 veröffentlichten Forscher des European Centre for Advanced Robotics Security (ECARS) eine brisante Fallstudie: Im Rahmen eines internen Sicherheitstests wurde ein humanoider Service-Roboter bewusst mit einem modifizierten Software-Code infiziert. Ziel war es, zu untersuchen, ob sich dieser gezielt auf andere Roboter übertragen lässt – mit Erfolg. Der kompromittierte Roboter drang über ein drahtloses Netzwerk in das System eines benachbarten Modells ein, übernahm dessen Steuerungsinstanz und nutzte dessen Aktoren, um ein zerstörerisches Verhalten zu simulieren. Es war der erste öffentlich dokumentierte Fall eines robotergestützten Angriffs auf ein anderes robotisches System innerhalb einer vernetzten Umgebung.
Dieser Testfall, so erschreckend er wirkt, war unter kontrollierten Bedingungen arrangiert. Er macht jedoch deutlich, wie angreifbar vernetzte humanoide Roboter in realen Umgebungen sein könnten – etwa in Pflegeeinrichtungen, Fertigungshallen oder privaten Haushalten.
Die technologische Ausgangslage: Was machen humanoide Roboter heute möglich?
Humanoide Roboter – also Maschinen, die in Aussehen, Verhalten und Interaktion dem Menschen nachempfunden sind – übernehmen zunehmend Aufgaben in der Pflege, im Servicebereich, in Bildungseinrichtungen und sogar der Psychotherapie. Modelle wie Tesla’s Optimus, Boston Dynamics‘ Atlas oder der medizinisch orientierte Robear aus Japan zeigen, wie fortgeschritten moderne Robotik bereits ist.
Laut einer Analyse von Markets and Markets wird der globale Markt für humanoide Roboter zwischen 2023 und 2028 mit einer jährlichen Wachstumsrate (CAGR) von 52,1 % wachsen und bis 2028 ein Volumen von rund 17,3 Milliarden USD erreichen (Quelle: MarketsandMarkets, 2024). Die zunehmende Durchdringung in Alltagsbereiche hebt das Sicherheitsbedürfnis auf ein neues Level.
Sicherheitsarchitektur oft zweitrangig
Ein zentrales Problem liegt darin, dass viele Roboter mit Fokus auf Funktionalität und Beweglichkeit konstruiert werden – die Cybersicherheit kommt dabei häufig zu kurz. Besonders problematisch ist dies in vernetzten Umgebungen, in denen Roboter über WLAN, Bluetooth oder 5G kommunizieren.
Laut einem Bericht des IBM X-Force Threat Intelligence Index 2025 nutzen mehr als 68 % aller untersuchten IoT/Robotic-Komponenten veraltete Protokolle oder unzureichende Zugangskontrollen (Quelle: IBM, 2025). Durch solche Schwachstellen können Angreifer Software-Exploits einschleusen, Geräte fernsteuern oder Bewegungsmuster manipulieren.
Von Schwachstelle zu Bedrohung: Wie funktionieren Roboter-Angriffe?
Der zuvor erwähnte Vorfall zeigt exemplarisch ein mögliches Angriffsmuster: Über eine manipulierte Update-Schnittstelle (häufig OTA – „Over the Air“) schlich sich ein schadhafter Code in das zentrale Steuerungsmodul ein. Über lokale Netzwerke verbreitete sich dieser Code weiter an nahegelegene Roboter, nutzte dort identische Authentifizierungsrobinien und übernahm Systeme vollständig. Die Kontrolle über motorisierte Gliedmaßen ermöglichte schließlich gezielte Angriffe – auch physischer Natur.
„Die größte Bedrohung ist nicht die Roboterhardware selbst, sondern eine unzureichende Software-Pflege“, warnt Dr. Elena Marinos, Professorin für Robotik-Sicherheit an der TU Eindhoven. Insbesondere autonome Roboter mit modularer KI – also Systeme, die sich fortlaufend dazulernen – sind anfällig für sogenanntes adversarial training, bei dem sie durch manipulierte Datenquellen zu gefährlichem Verhalten konditioniert werden können.
Gesellschaftliche Folgen und ethische Fragen
Sicherheitsprobleme humanoider Roboter betreffen längst nicht nur IT-Fachkreise. In Pflegeeinrichtungen übernehmen sie sensible Aufgaben: das Heben von Patienten, die Verabreichung von Medikamenten oder die emotionale Ansprache von Demenzkranken. Ein kompromittierter Roboter könnte in solchen Kontexten realen Schaden anrichten.
Hinzu kommt die ethische Problematik: Wer trägt die Verantwortung im Falle eines missbräuchlich gesteuerten Roboters? Hardwarehersteller? Betreiber? Die KI-Entwickler? Das Rechtssystem in Europa und Nordamerika arbeitet derzeit an ersten Normierungsversuchen, u. a. mit der „AI Liability Directive“ der EU und neuen Roboterhaftungsmodellen in den USA – doch bislang ohne einheitliche Standards.
Die Angst vor Kontrollverlust und technischer Fremdsteuerung beeinflusst auch die gesellschaftliche Akzeptanz. Eine Studie des Pew Research Centers (2025) zeigt, dass 58 % der Befragten in Deutschland, Frankreich und den USA humanoide Roboter im eigenen Zuhause als „bedrohlich“ oder „nicht vertrauenswürdig“ empfinden – vor allem aus Angst vor Sicherheitslücken.
Hersteller unter Zugzwang – was sich ändern muss
Die Verantwortung liegt zu einem erheblichen Teil bei den Produzenten und Systemarchitekten. Sicherheitsfeatures dürfen kein nachträgliches Add-on, sondern müssen konstitutiver Bestandteil jeder Robotik-Plattform sein. Dies betrifft sowohl Softwaredesign und Netzwerkarchitektur als auch Hardware-Schutzmechanismen.
Die folgenden Maßnahmen können helfen, den Sicherheitsstandard humanoider Roboter signifikant zu verbessern:
- Zero-Trust-Architekturen implementieren: Roboter sollten grundsätzlich keinem internen oder externen Gerät blind vertrauen. Jede Kommunikationsanfrage sollte durch starke Authentifizierungsprotokolle abgesichert werden.
- Regelmäßige Penetrationstests und Updates integrieren: Hersteller müssen verpflichtend automatische Updatestrategien einführen, um erkannte Schwachstellen proaktiv zu beheben.
- KI-Bewusstsein für „Secure Learning“ stärken: Algorithmen sollten zwischen Trainingsdaten und schadhaften Mustern differenzieren können. Dazu braucht es robuste Modelle für adversarial training detection.
Inititativen, Standards und gesellschaftliche Verantwortung
Es ist ermutigend, dass sich internationale Institutionen zunehmend mit dem Thema beschäftigen. In Deutschland arbeitet das DFKI gemeinsam mit dem BSI an einer Norm für Robotersicherheit. Die IEEE Robotics & Automation Society hat im Juni 2025 einen Vorschlag für ein globales Sicherheitsrahmenwerk veröffentlicht, das bereits erste Pilotanwendungen bei europäischen Herstellern findet.
Auch Unternehmen wie Honda Robotics oder Agility Robotics setzen mittlerweile auf offene Security-APIs, um Sicherheitsprüfer und Dritte in ihre Testverfahren einzubinden. Transparenz wird zur Voraussetzung für Vertrauen – und langfristig für Markterfolg.
Blick in die Zukunft: Reguliert, resilient, robust?
Der aktuelle Vorfall, so erschütternd sein Szenario sein mag, könnte als Weckruf fungieren. Sicherheitskonzepte dürfen nicht nur theoretisch durchdacht, sondern müssen praktisch durchgesetzt und regelmäßig hinterfragt werden. Die Robotisierung des Alltags ist nicht mehr aufzuhalten – aber ihr sicherheitsrelevanter Rahmen darf nicht aus dem Blick geraten.
Nur wenn Gesellschaft, Politik, Forschung und Industrie zusammenarbeiten, können humanoide Roboter das einlösen, was sie versprechen: Entlastung, Unterstützung und Verbesserung unseres täglichen Lebens – ohne neue Risiken für unsere physische oder digitale Sicherheit zu schaffen.
Diskutieren Sie mit: Wie sollte die zukünftige Sicherheitsarchitektur humanoider Roboter aussehen? Welche Verantwortung tragen Entwickler, Nutzer und Politik? Wir freuen uns über Ihre Perspektiven in den Kommentaren.




