Autonomes Fahren gilt als eine der disruptivsten Entwicklungen der Mobilität. Immer mehr Städte testen Robotaxis im Regelbetrieb. Doch wie sicher sind Fahrzeuge ohne Fahrer – insbesondere, wenn die zugrunde liegende Infrastruktur versagt? Jüngste Vorfälle in San Francisco liefern Anlass zur genaueren Betrachtung.
Waymo in der Krise: Wenn autonome Fahrzeuge stillstehen
Im Oktober 2025 kam es in mehreren Stadtteilen von San Francisco zu einem großflächigen Stromausfall. Während Privathaushalte kurzfristig auf Backup-Systeme zurückgreifen konnten, traf der Ausfall eine Branche besonders hart: die Robotaxi-Dienste. Fahrzeuge des Google-Schwesterunternehmens Waymo blieben in der Dunkelheit stehen oder reagierten mit unkoordinierten Fahrmanövern. Augenzeugenberichte und Social-Media-Videos zeigten chaotische Szenen: blockierte Kreuzungen, stillstehende Autos mitten auf mehrspurigen Straßen und verwirrte Passanten.
Waymo bestätigte später gegenüber der San Francisco Chronicle, dass knapp 37 Fahrzeuge zeitgleich vom Ausfall der Mobilfunk- und Cloud-Infrastruktur betroffen waren. Die Flotte verlor teilweise den Kontakt zu zentralen Servern, von denen Navigationsdaten und Echtzeitkartenupdates bezogen werden. Während kein Personenschaden zu beklagen war, war der Vorfall der bislang größte Belastungstest für autonome Mobilität.
Abhängigkeit von Infrastruktur: Ein strukturelles Risiko
Autonome Fahrzeuge benötigen eine hochverfügbare, stabile kommunikationstechnische Infrastruktur. Echtzeitkarten, Verkehrsinformationen, KI-gestützte Entscheidungslogiken – all das machen Robotaxis zwar unabhängig von menschlichen Fahrern, aber zugleich abhängig von Netzwerken, Serverfarmen und Cloud-Diensten. Der Stromausfall in San Francisco brachte genau diese Achillesferse ans Licht.
Laut einer Studie des Verkehrsministeriums der Vereinigten Staaten (U.S. DOT) aus dem Jahr 2024 benötigen Level 4-Fahrzeuge – also hochautonome Systeme – in städtischen Umgebungen eine durchschnittliche Netzwerkverfügbarkeit von über 99,999% („five nines“), um betriebssicher zu bleiben. Bereits Ausfälle von wenigen Sekunden können dazu führen, dass Fahrzeuge in einen sicheren Stillstand übergehen oder ihre Fahrentscheidungen einfrieren.
Dies wirft grundlegende Fragen auf: Wie resilient ist die digitale Infrastruktur moderner Städte? Und inwieweit kann autonome Mobilität überhaupt skaliert werden, wenn Systeme wie 5G, Cloud-Backends oder GPS-Dienste bei Katastrophen oder Cyberangriffen ausfallen?
Technologische Grundlagen: Wie Robotaxis funktionieren – und scheitern können
Zur autonomen Navigation nutzen Fahrzeuge wie die von Waymo eine Kombination aus LiDAR, Radar, Kameras sowie inertialen Messeinheiten (IMUs). Diese Sensorfusion ermöglicht es den Fahrzeugen, ihre Umgebung dreidimensional zu erfassen und vorausberechnete Fahrentscheidungen zu treffen. Doch ohne aktuellen Kartendatenabgleich und kontinuierliche Server-Kontrolle erfolgt keine Reaktion auf kurzfristige Änderungen wie Baustellen, Polizeisperren oder Umleitungen.
Besonders kritisch ist dabei das Konzept des Edge Computing. Während ein Teil der Entscheidungsprozesse lokal im Fahrzeug ausgeführt wird, hängt die Navigation nach Level-4-Standards stark von cloudbasierten Diensten ab. In Szenarien wie Stromausfällen oder bei regionalen 5G-Störungen werden diese Dienste zur Schwachstelle. Laut einem Bericht des MIT Technology Review (2025) sind über 78% der heute eingesetzten Testroboterfahrzeuge in den USA auf permanente Netzwerkverfügbarkeit angewiesen.
Notfallmanagement: Was passiert im Ernstfall?
Waymo und andere Anbieter wie Cruise oder Baidu Apollo versichern, dass alle Fahrzeuge über sogenannte „Fallback“-Modi verfügen. Im Fall einer unerwarteten Kommunikationsunterbrechung werden die Fahrzeuge automatisch angehalten und verbleiben im Sicherheitsmodus. Doch wie sicher ist dieser Zustand? In städtischen Kontexten kann ein gestopptes Fahrzeug mitten auf der Straße zum Verkehrsrisiko werden – insbesondere bei mangelnder Beleuchtung oder ohne Möglichkeit zur Kommunikation mit menschlichen Verkehrsteilnehmern.
Laut einer Präsentation von Waymo auf der TechCrunch Disrupt 2025 plant das Unternehmen, seine Notfallprozesse anzupassen: Dazu gehört ein mobiles Einsatzteam, das bei Ausfällen binnen weniger Minuten Feuerwehr-ähnlich ausrücken und Robotaxis manuell aus Gefahrenzonen entfernen kann. Bisher fehlen jedoch gesetzlich verankerte Standards oder behördlich koordinierte Notfallpläne für autonome Fahrzeuge.
Regulatorische Unsicherheit: Ein globales Problem
Das Thema autonomes Fahren ist regulatorisch ein Flickenteppich. Während Kalifornien prinzipiell zulässt, dass Unternehmen wie Waymo fahrerlose Fahrzeuge kommerziell betreiben, gibt es keine einheitlichen Leitlinien für den Umgang mit Notfällen. Ähnliche Probleme existieren in Deutschland und der EU. Aktuelle Gesetzesinitiativen, etwa die geplante „Verordnung zur digitalen Mobilität“ des Bundesverkehrsministeriums, adressieren lediglich Sicherheitsstandards unter Normalbedingungen – nicht jedoch bei flächendeckenden Ausnahmesituationen.
Ein zukunftssicheres Konzept autonomer Mobilität wird deshalb nicht nur durch Technologie, sondern durch Infrastruktur-Resilienz, Notfallkommunikation und flächendeckende Leitplanken im Urban Design bestimmt: Müssen Robotaxis selbstständig zu „digitalen Rettungsinseln“ wie Parkbuchten oder speziell ausgerüsteten Haltepunkten navigieren können? Wer übernimmt die Haftung, wenn ein autonomer PKW während eines Stromausfalls Rettungskräfte blockiert?
Infrastruktur neu denken: Lösungsansätze
Die Robotaxi-Diskussion zeigt exemplarisch, wie technologische Fortschritte mit stadtentwicklerischer Vision Hand in Hand gehen müssen. Sicherheit kann nur dann garantiert werden, wenn sowohl Fahrzeuge als auch ihre Umgebung auf Störungen vorbereitet sind. Branchenexperten fordern daher eine Kombination aus technischer Redundanz, smarter Infrastruktur und operativen Notfallplänen.
- Investitionen in infrastrukturelle Resilienz: Städte sollten eigenes Edge-Computing und Micro-Data-Center an stark frequentierten urbanen Knotenpunkten aufbauen. Diese können als Backup-Inseln fungieren, wenn eine überregionale Cloud-Verbindung abbricht.
- Notfallprotokolle und gesetzliche Regelungen: Robotaxi-Anbieter müssen gesetzlich verpflichtet werden, automatische Sicherheitsmaßnahmen und remote-manuelle Eingriffe zu ermöglichen. Sicherheitsfahrer aus der Ferne – sogenannte „Teleoperatoren“ – könnten Robotaxis im Gefahrenfall steuern.
- Transparente Kommunikation mit der Öffentlichkeit: Nutzer von Robotaxi-Diensten benötigen klare Aufklärung über Einschränkungen, Verhaltensempfehlungen bei Störungen und erreichbare Hotlines.
Erste Pilotstädte wie Phoenix (Arizona) oder Shenzen (China) testen bereits den kombinierten Einsatz von lokalem Rechenzentrum & 5G-Direktverbindungen zur Fahrzeugflotte. Auch in Hamburg laufen seit 2025 Tests mit redundanten Cloud-Lösungen des Urban Mobility Labs.
Wirtschaftliche Nutzbarkeit & Akzeptanz
Trotz aktueller Herausforderungen sehen Marktforscher im autonomen Fahren einen lukrativen Wachstumsmarkt. Laut dem Bericht „Autonomous Vehicles 2030“ von Statista (2025) wird der weltweite Marktwert robotischer Mobilitätsdienste bis 2030 auf über 286 Milliarden US-Dollar geschätzt. Die durchschnittliche Einsatzdauer eines Robotaxis liegt aktuell bei rund 12 Stunden täglich – mit stetig steigender Verfügbarkeit.
Doch Vertrauen bleibt das zentrale Gut: Eine Umfrage des Pew Research Center (2025) ergab, dass 61% der US-Bürger autonome Fahrzeuge als „potenziell unsicher“ betrachten – besonders im Kontext unvorhersehbarer Ereignisse. Stromausfälle, Wetterextreme oder Netzwerküberlastungen zählen dabei zu den meistgenannten Sorgen.
Fazit: Sicherheit als gemeinschaftliche Aufgabe
Die Robotaxi-Störung in San Francisco war ein Weckruf: Je autonomer die Mobilität, desto zentraler wird die Resilienz der Infrastruktur. Autonome Fahrzeuge dürfen nicht nur technisch sicher sein – sie müssen auch in Ausnahmesituationen nachvollziehbar, kontrollierbar und transparent reagieren.
Für Betreiber, Städte und Gesetzgeber bedeutet das: Mehr Koordination, neue Standards und ein kritischerer Blick auf digitale Abhängigkeiten. Nur so kann das Vertrauen der Nutzer nachhaltig gestärkt werden.
Wie erleben Sie die Entwicklung autonomer Mobilität in Ihrer Stadt? Teilen Sie Ihre Erfahrungen, Fragen oder Ideen gern in den Kommentaren – wir freuen uns auf die Diskussion!



