Webentwicklung

Agile Dokumentation: Mehrwert schaffen im Entwicklungsprozess

Ein sonnendurchflutetes, modernes Großraumbüro, in dem ein multikulturelles Entwicklerteam entspannt und konzentriert um einen hellen Holztisch sitzt, lebhaft im Austausch vertieft, während auf Laptops und Tablets agile Arbeitspläne und lebendige Dokumentationen sichtbar sind, eingerahmt von großen Fenstern mit warmem Tageslicht und einer angenehmen Atmosphäre von Zusammenarbeit und Innovation.

Dokumentation gilt in der agilen Softwareentwicklung oft als lästige Pflicht. Doch neue methodische Ansätze zeigen: Richtig umgesetzt kann sie nicht nur das Teamverständnis fördern, sondern direkt zur Wertschöpfung beitragen. Zwei prominente Stimmen – Ralf D. Müller und Liam Bergh – liefern spannende Perspektiven und zeigen, wie Dokumentation wieder zum echten Entwicklungswerkzeug wird.

Vom notwendigen Übel zum agilen Vorteil

Agile Entwicklungsmethoden wie Scrum, Kanban oder Extreme Programming haben das Ziel, möglichst schnell und flexibel funktionierende Software bereitzustellen. Dokumentation erscheint hierbei häufig als Stolperfalle – zu langsam, zu starr, zu wenig adaptiv.

Tatsächlich wird sie in agilen Teams vielfach reduziert – etwa durch das Prinzip „Working Software over Comprehensive Documentation“ aus dem 2001 veröffentlichten agilen Manifest. Doch diese Haltung führt in der Praxis zu Problemen: fehlende Nachvollziehbarkeit, sinkende Wartbarkeit oder onboarding-unfreundliche Systeme sind häufige Folgen.

Ein aktueller Bericht der „State of Agile Report 2023“ von Digital.ai zeigt, dass 42 % der Softwareteams den Mangel an dokumentierter Wissensweitergabe als größten Kollaborationsengpass empfinden (Quelle: Digital.ai, 2023).

Warum gute Dokumentation heute wichtiger ist denn je

Die zunehmende Komplexität moderner Webarchitekturen, Microservices und Plattformen macht klare, leicht wartbare Dokumentation zu einem Erfolgsfaktor. Gerade in verteilten Teams oder bei häufiger Rotation von Entwicklern entscheidet die Qualität der Dokumentation über Time-to-Productivity und Fehleranfälligkeit.

Dr. Ralf D. Müller, Experte für agiles Projektmanagement an der BI Norwegian Business School, betont: „Dokumentation ist kein Selbstzweck. Sie ist ein strategisches Kommunikationsinstrument innerhalb agiler Zyklen.“ In seinem 2024 veröffentlichten Paper zur „Value-Centric Documentation in Lean Environments“ argumentiert Müller, dass Dokumentation iterativ und rollenbasiert zu denken ist – also stets nur so viel, wie für die jeweilige Zielgruppe zum Zeitpunkt nötig ist.

Auch Liam Bergh, ehemaliger CTO bei einem führenden SaaS-Dienstleister und heute Agile Coach, verleiht der Debatte Schub: „Statische Dokumente sind tot. Was wir brauchen, sind lebendige Wissensräume – integrativ, durchsuchbar, teamnah.“ In seinem 2025 erschienen Buch „Collaborative Tech Writing in Scrum Structures“ empfiehlt er unter anderem die Einführung von sogenannten „Documentation Sprints“.

Neue Ansätze: Von Dokumentation als Artefakt zum lebendigen System

Der klassische Ansatz — ein separates Wiki, erstellt nach Projektabschluss — ist in agilen Umgebungen überholt. Stattdessen etabliert sich zunehmend das Konzept der „Just-in-Time“-Dokumentation. Hierbei wird relevante Dokumentation situativ erstellt, direkt im Sprint – eng verknüpft mit Tasks, Commits oder User Story Acceptance Criteria.

Praxisbeispiel: Das britische FinTech-Startup CurrencyMotion hat seine Code-Dokumentation vollständig in den Git-Workflow integriert. Jeder Pull-Request muss eine kurze technische Beschreibung und Auswirkungen auf bestehende Systeme enthalten. Diese werden automatisiert in ein Confluence-ähnliches System überführt und versioniert. Der Effekt: 35 % geringere Onboarding-Zeit für neue Entwickler (eigene Unternehmensangaben, 2025).

Auch Open Source-Plattformen wie GitLab oder Docusaurus setzen auf diese Richtung. GitLab verknüpft Dokumentation direkt mit Epics, Milestones und CI/CD-Prozessen. Developers schreiben nicht mehr „nebenher“, sondern „im selben Schritt“ wie den Code.

Technologietrends rund um agile Dokumentation

Docs-as-Code: Die Idee, Dokumentation wie Code zu behandeln, ist insbesondere in DevOps- und API-Teams weit verbreitet. Tools wie MkDocs, Jekyll oder Hugo ermöglichen kollaborative, versionskontrollierte Dokumentation, eingebettet in CI/CD-Pipelines.

AI-gestützte Doku-Generierung: Fortschritte in Generative-AI-Technologien beschleunigen auch den Bereich der Dokumentation. Amazon CodeWhisperer oder GitHub Copilot sind in der Lage, aus Codebasis automatisch beschreibende Texte zu generieren. Laut einem Bericht von Gartner (2024) könnten bis 2027 rund 40 % der technischen Dokumentation automatisiert erstellt werden (Quelle: Gartner AI in Software Engineering, 2024).

Knowledge Management Tools: Plattformen wie Notion, Slite oder Confluence entwickeln sich weiter zu teamzentrierten Wissensplattformen. Integrierte KI-Suche, Templates und Low-Code-Komponenten senken die Einstiegshürde für Entwicklerteams.

Strategien und Best Practices für agile Entwicklerteams

Dokumentation im agilen Umfeld muss leichtgewichtig, iterativ und kollaborativ sein. Statt mehr Umfang geht es um höhere Relevanz und bessere Integration. Drei zentrale Empfehlungen helfen Teams, strukturiert vorzugehen:

  • Dokumentationsrollen definieren: Legen Sie fest, wer welche Art von Information dokumentiert – z. B. Architektur-Entscheidungen durch Leads, technische Details durch Autoren der Commits und Userrelevantes durch Product Owner.
  • Infrastruktur optimieren: Integrieren Sie Dokumentationsprozesse in bestehende Tools wie Git, Jira oder DevOps-Pipelines. Je geringer der Reibungsverlust, desto höher die Akzeptanz im Team.
  • Wissensinseln abbauen: Fördern Sie Pair-Writing oder Documentation Reviews als festen Bestandteil im Sprint-Planning oder Retrospektiven.

Viele erfolgreiche Entwicklerteams setzen außerdem auf den Einsatz von Templates (z. B. für API-Dokumentation, Architekturskizzen oder Incident-Logs) und strukturierte Styleguides. Das reduziert Wildwuchs und erhöht die Vergleichbarkeit.

Von der Dokumentation profitieren: Metriken und Output

Wie gelingt es, den Nutzen agiler Dokumentation sichtbar zu machen? Einige Teams messen etwa die durchschnittliche Zeit zur Problemlösung (Mean Time to Resolution), die Einarbeitungszeiten neuer Entwickler oder die Reduktionsrate doppelter Supportanfragen durch bessere User-Doks.

Eine Studie des Project Management Institute (PMI) aus dem Jahr 2022 ergab, dass Organisationen mit strukturierter technischer Dokumentation 23 % weniger DevOps-Failures pro Release verzeichneten (Quelle: PMI Software Trends Survey, 2022).

Wichtig dabei: Nicht jede Zeile ist gleich viel wert. Ziel ist nicht lückenlose Erfassung, sondern der Aufbau eines resilienten, teamgestützten Wissenssystems, das Fehlentscheidungen frühzeitig verhindert und die Softwarequalität adressiert.

Fazit: Dokumentation als Wertschöpfungsfaktor neu denken

Agile Dokumentation ist kein Widerspruch – sondern eine evolutionäre Notwendigkeit. Wenn Teams sie intelligent einsetzen, kann sie zur Grundlage nachhaltiger Softwareentwicklung und teamübergreifender Zusammenarbeit werden.

Die Perspektiven von Experten wie Ralf D. Müller und Liam Bergh machen deutlich: Weg vom Passivdokument – hin zu aktiven, lebenden Wissensräumen. Mit der richtigen Toolauswahl, klarer Verantwortung und sinnvoller Automatisierung wird Dokumentation wieder das, was sie sein sollte: ein strategischer Teil exzellenter Software.

Welche Tools nutzt euer Team? Welche Tipps habt ihr für effektive agile Dokumentation? Diskutiert mit uns in den Kommentaren oder teilt eure Erfahrungen mit der Community!

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