Mit der Gründung einer dedizierten Roboterabteilung setzt ARM ein deutliches strategisches Zeichen: Das Unternehmen plant, seine Architekturkompetenz in neue Domänen zu überführen – angeführt von intelligenten Maschinen. Doch was bedeutet dieser Schritt wirklich für die Tech-Industrie, insbesondere vor dem Hintergrund des boomenden Robotik- und KI-Markts?
Die neue ARMR: Ambitionen, Ressourcen, Richtung
ARM Holdings, bekannt für energieeffiziente Prozessorarchitekturen, kündigte im November 2025 die Gründung einer neuen Abteilung an: die ARM Robotics Division (kurz: ARMR). Diese soll sich explizit der Entwicklung und Lizenzierung spezialisierten Robotik-Hardware widmen – inklusive neuronaler Prozessoren, Echtzeit-Kontrollarchitekturen und dedizierter Software-Stacks für autonome Systeme.
Die Neugründung erfolgt nicht zufällig: Laut Gartner werden bis 2029 über 70 % aller Industrieunternehmen autonome Roboter für Logistik oder Fertigung nutzen (Gartner, 2025). Branchenexperten sehen ARM daher in einer einzigartigen Position, um die Schnittstelle zwischen KI-Workloads und zuverlässiger, kosteneffizienter Embedded-Hardware zu besetzen.
Demnach verfolgt ARM mit der neuen Roboterabteilung drei strategische Ziele:
- Vertikale Integration von ARM-IP in Robotikplattformen zur Monetarisierung über Lizenzmodelle.
- Stärkere Positionierung im dynamisch wachsenden Markt für KI-on-Edge-Lösungen in autonomen Maschinen.
- Langfristiger Aufbau eines Ökosystems für modulare, skalierbare Robotik-Hardware mit ARM-Kern.
Technologischer Hintergrund: Warum ARM jetzt robotisiert
Der Robotiksektor steht an einem Wendepunkt: Künstliche Intelligenz, Edge-Computing und Sensorfusion treiben eine neue Welle an Automatisierungen an – vom Warehouse bis zur Pflegeklinik. In diesem Ökosystem zählt vor allem Effizienz im Rechnen bei begrenzten Ressourcen – genau das Terrain von ARM.
ARM-Prozessoren bieten im Vergleich zu x86-Marktführern wie Intel oder AMD erhebliche Vorteile in puncto Energieverbrauch pro Rechenleistung (Performance-per-Watt), ein essenzielles Kriterium im Robotikdesign. Gleichzeitig ist ARM durch seine offene IP-Lizenzstrategie für Start-ups wie auch Großkonzerne attraktiv – ein Vorteil, den Wettbewerber wie NVIDIA oder Google mit ihren proprietären Lösungen teilweise missen lassen.
ARM-CEO Rene Haas betonte bei der Ankündigung: „Robots are becoming computers that move – and we are empowering those computers with the brains they need.“ Diese Formulierung ist kein Zufall, sondern Programm.
Marktreife, Wettbewerb und Positionierung: Die Robotik als Wachstumsfeld
Der weltweite Markt für Robotiklösungen soll laut Statista bis 2030 auf 275 Milliarden US-Dollar wachsen – getrieben durch autonome Fahrzeuge, Serviceroboter und industrielle Cobots. Dabei verschiebt sich der Fokus zunehmend auf lokal ausgeführte Intelligenz: Hardware, die KI-Modelle direkt am Roboter berechnet, statt sie über das Netzwerk in die Cloud auszulagern.
ARM positioniert sich genau hier mit Lösungen wie der Cortex-A78AE-Serie (für automotive-grade Safety), dem Ethos-NPU-Portfolio sowie realzeitfähigen Partnerschaften mit Unternehmen wie NXP und STMicroelectronics. Gründerinitiative wie ARMR könnten nun Plattformreife und Innovationsdruck zugleich erhöhen.
Doch ARM ist nicht allein: NVIDIA hat mit Jetson eine etablierte Edge-Hardware-Plattform. Intel hält mit der Moon Lake-Architektur dagegen. Auch RISC-V-Konsortien arbeiten an offenen Alternativen. Trotzdem sieht der Markt ARM im Vorteil:
- Die weltweit weiteste OEM-Adaption im Embedded-Bereich (über 250 Milliarden ausgelieferte ARM-Chips seit der Gründung).
- Stabile Partnerschaften mit TSMC sowie Integration in Industriestandard-Plattformen (z. B. ROS 2-kompatible Boards).
- Lizenzierbarkeit – ein echter Booster für Start-up-Innovationen und OEM-Differenzierung.
Experteneinschätzung: Wie realistisch ist eine führende Rolle?
Dr. Isabel Krämer, Professorin für autonome Systeme an der TU München, sieht klare Potenziale: „ARM hat bereits bewiesen, dass sie durch architektonische Modularität ganze Branchen – wie Mobilgeräte – revolutionieren können. Im Robotikbereich braucht es ähnliche Standards für Sicherheit, Echtzeitfähigkeit und KI-Kohärenz. ARM könnte hier mit einem offenen IP-Ansatz viel bewegen.“
Auch von Investorenseite gibt es Rückenwind: SoftBank (ARM-Hauptaktionär) richtet sich strategisch neu aus und fokussiert zunehmend auf physische KI – also KI, die mit der physischen Welt interagiert. Dies dürfte zusätzliche Ressourcen sichern.
Ein weiterer Hebel: Chips für Roboter sind nicht nur technologisch komplex, sondern auch hochgradig sicherheitsrelevant (ISO 26262, IEC 61508). Mit dem Safety-Portfolio von ARM – etwa dem Cortex-R82 oder der Arm Functional Safety Partnership (AFSP) – könnten Standards rasch gesetzt werden.
Ausblick: Die neue Rolle von ARM im Maschinenzeitalter
Die neue Roboterabteilung bei ARM ist nicht bloß ein Rebranding, sondern ein strategischer Strukturzug, der auf langjährige Architekturkenntnisse und Marktbedarfe reagiert. 2026 markiert den Beginn eines langfristigen Engagements in einem der wachstumsstärksten Technologiefelder.
Die großen Linien deuten auf eine ambitionierte Zukunft:
- Aufbau eines standardisierten Hardware- und Softwarepakets für modulare Robotikplattformen im Industrie- und Servicebereich.
- Aktive Arbeit an Konnektivitätsstandards, z. B. in der Edge-to-Cloud-Integration von Robotiklösungen.
- Einbindung von KI-Coprozessoren in zukünftige ARM-IP-Familien für Echtzeit-IoT- und Robotikanwendungen.
Für Entwickler, Systemintegratoren und Hersteller ergeben sich daraus klare Handlungsempfehlungen:
- Frühzeitige Evaluation von ARM-basierten Development-Kits im Robotikbereich (z. B. Raspberry Pi 5 mit RTOS-Support, NXP i.MX 93).
- Aufbau eigener Toolchains auf Basis ARM-kompatibler Frameworks wie ROS 2, TensorFlow Lite oder Zephyr RTOS.
- Beobachtung und Einbindung kommender Safety-Prozessoren von ARM im Hinblick auf Zertifizierungen und skalierbare Sicherheit.
Mit der neuen ARMR-Einheit schärft ARM nicht nur sein eigenes Profil – es öffnet das Feld für eine neue Generation intelligenter Maschinen, getrieben durch flexible, lizenzierbare und sichere Rechenarchitekturen.
Die Bühne für das Maschinenzeitalter ist vorbereitet. Jetzt ist es an der Community, diese neue Architektur mit Leben zu füllen. Diskutieren Sie mit: Welche Anforderungen erwarten Entwickler von den Robotiklösungen der Zukunft – und darf ARM diese gestalten?




