IT-Sicherheit & Datenschutz

Debian auf der Suche nach neuen Datenschützern: Rücktritt des DSGVO-Teams

In einem hell erleuchteten, freundlichen Büroraum sitzt ein kleines Team engagierter Menschen unterschiedlicher Herkunft konzentriert und dialogbereit um einen großen Holztisch, während durch große Fenster sanftes Tageslicht fällt und warme Holztöne eine einladende Atmosphäre schaffen – ein Sinnbild für Zusammenarbeit und neue Verantwortung in der digitalen Community.

Das Open-Source-Projekt Debian steht vor einer herausfordernden Situation: Das ehrenamtliche Team für Datenschutz und DSGVO-Compliance hat geschlossen seinen Rücktritt erklärt. Der Vorfall wirft ein Schlaglicht auf die strukturellen Schwierigkeiten bei der Umsetzung regulatorischer Vorgaben in der Open-Source-Community – und zeigt, wie hoch die regulatorischen Hürden in einem Projekt ohne formale Organisationsstruktur inzwischen sind.

Ein Rücktritt mit Signalwirkung

Im November 2025 gab das Debian-Projekt bekannt, dass das bisherige Datenschutzteam, bestehend aus engagierten Freiwilligen, geschlossen zurücktritt. In einem offiziellen Blogbeitrag des Projekts nannten die Beteiligten als Grund unter anderem ein dauerhaft zu hohes Arbeitspensum, zu wenige Ressourcen und juristische Unsicherheiten bei der Auslegung der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Für ein Projekt mit globaler Beteiligung, ohne juristische Person und mit weit verteilten Verantwortlichkeiten ist die Einhaltung europäischer Datenschutzregeln ein komplexes Unterfangen.

Besonders brisant: Die zurückgetretenen Teammitglieder hatten eine zentrale Rolle bei der Verarbeitung von Auskunftsersuchen, der Beantwortung rechtlicher Anfragen und der Auditierung von datenschutzrelevanten Komponenten in Debian. Mit ihrem Rücktritt ist diese Aufgabe nun vakant – und damit auch ein Teil der DSGVO-Compliance.

Warum die DSGVO für Open-Source-Projekte zur Belastung werden kann

Die Datenschutz-Grundverordnung gilt seit Mai 2018 für jede Organisation, die personenbezogene Daten von EU-Bürgerinnen und -Bürgern verarbeitet – unabhängig vom Sitz der Organisation. Das betrifft im Prinzip auch Open-Source-Projekte wie Debian, wenn ihre Dienste oder Kommunikationsplattformen personenbezogene Daten verarbeiten. Dies kann etwa bei der Registrierung für Mailinglisten, Bugtracker, Webzugängen oder bei der Erfassung von Mitwirkenden der Fall sein.

Für klassische Unternehmen mit Datenschutzbeauftragten, Rechtsabteilung und Compliance-Ressourcen ist die Umsetzung komplex genug. Für Projekte wie Debian, deren Community-Mitglieder aus der ganzen Welt freiwillig zusammentragen, verschärft sich die Lage: Wer ist verantwortlich? Wer haftet? Wie wird dokumentiert? Datenschutz wird hier nicht nur zur rechtlichen Pflicht, sondern auch zur organisatorischen Mammutaufgabe. Hinzu kommt: Zwar sind die meisten Beiträge und Kommunikationswege öffentlich – doch sobald E-Mail-Adressen, IP-Adressen oder Nutzungsverhalten ins Spiel kommen, greift die DSGVO.

Eine im Jahr 2024 publizierte Untersuchung der Free Software Foundation Europe (FSFE) ergab, dass 67 % aller befragten Open-Source-Projekte erhebliche Schwierigkeiten bei der Umsetzung datenschutzrechtlicher Anforderungen beklagen – insbesondere im Hinblick auf Transparenzpflichten (FSFE, 2024).

Globales Projekt mit europäischen Regeln

Debian ist eines der ältesten und bedeutendsten freien Betriebssysteme weltweit. Seit 1993 existiert es – und zählt heute mehrere tausend Mitwirkende. Die Community ist global, heterogen und keinem zentralen Unternehmen unterstellt. Genau hier liegt eine der besonderen Herausforderungen beim Datenschutz: Die DSGVO schreibt klare Verantwortlichkeiten, Benennung von Datenschutzbeauftragten, Dokumentationspflichten und Rechenschaftspflichten vor. Doch wie genau lässt sich das mit einem dezentralen, demokratischen Entwicklungsmodell vereinen?

Die bisherigen Datenschützer bei Debian fungierten de facto als inoffizielle Datenschutzbeauftragte. Sie kümmerten sich nicht nur um Auskunftsersuchen, sondern auch um die Themen Löschanfragen, Cookie-Banner sowie Data Privacy bei Infrastrukturtools wie Salsa (Debians Git-Plattform) oder dem Bugtracker. Das Problem: Sie agierten ohne offizielles Mandat, ohne Versicherungsschutz, und in vielen Fällen ohne formale juristische Rückendeckung. Dies wurde auf Dauer nicht nur rechtlich riskant, sondern auch psychologisch belastend.

Ein Debian-Entwickler, der anonym bleiben möchte, beschreibt es so: „Die DSGVO stellt Ansprüche an Dokumentation, auf die wir in dieser Struktur schlicht nicht vorbereitet sind. Viele Freiwillige wollen helfen, aber nicht haften.“

Ein strukturelles Problem der Open-Source-Welt

Debian ist kein Einzelfall. Auch andere große Open-Source-Projekte – darunter KDE, GNOME oder Apache – haben immer wieder mit der Frage zu kämpfen, wie sie regulatorische Anforderungen rechtssicher und dennoch im Geist der Offenheit umsetzen können. Zwar gibt es mit Organisationen wie Software Freedom Conservancy oder der ASF (Apache Software Foundation) Versuche, eine gewisse Rechtssicherheit herzustellen, doch nicht jede Community ist durch eine solche Organisation vertreten.

Die oben zitierte FSFE-Umfrage ergab auch, dass 45 % der befragten Projekte keine klaren Prozesse für Auskunftsersuchen definiert haben und 51 % unsicher sind, ob ihre Infrastrukturtools überhaupt DSGVO-konform betrieben werden (FSFE, 2024).

Hinzu kommt: Viele Cloud- oder Hostingdienstleister, auf die Open-Source-Projekte zurückgreifen, speichern Metadaten, Logs und Nutzerverhalten – teilweise außerhalb der EU. Gerade die Nutzung von Plattformen wie GitHub, Google Groups oder Discourse bringt automatisch Datenschutzfragen mit sich, auf die viele Teams keine proaktive Antwort haben.

Handlungsdruck und Lösungsansätze

In Reaktion auf den Rücktritt ihres bisherigen DSGVO-Teams hat das Debian-Projekt offiziell bekannt gegeben, dass man aktiv nach neuen Freiwilligen suche und die Organisation des Datenschutzes strukturell verbessern wolle. In der Community diskutiert man über mehrere Optionen – darunter die Gründung eines internen Legal-Teams, die Mandatierung eines externen Datenschutzdienstleisters oder die Kooperation mit spezialisierten NGOs.

Aus Sicht von Datenschutzexperten und Compliance-Verantwortlichen ergibt sich aus der aktuellen Situation deutlicher Handlungsbedarf für viele Open-Source-Gemeinschaften:

  • Rollen klar definieren: Auch in freiwilligen Teams sollten Verantwortlichkeiten für Datenschutz explizit benannt, dokumentiert und (ggf. temporär) delegiert werden.
  • Rechtliche Beratung einholen: Der Zugang zu spezialisierter juristischer Expertise – etwa über gemeinnützige Partnerorganisationen – ist essentiell, um Handlungssicherheit zu schaffen.
  • Transparenz stärken: Eine öffentliche Dokumentation von Verarbeitungsprozessen, Datenschutzrichtlinien und Ansprechstellen stärkt das Vertrauen sowohl innerhalb der Community als auch bei externen Partnern.

Ein Weckruf für die Community?

Der Rücktritt des DSGVO-Teams bei Debian ist mehr als eine rein interne Personalie – er ist beispielhaft für ein wachsendes Spannungsfeld zwischen regulatorischen Pflichten und ehrenamtlicher Softwareentwicklung. Auch wenn viele Open-Source-Projekte Datenschutz ernst nehmen, fehlt es oft an Strukturen, Ressourcen oder rechtlicher Unterstützung, um gesetzliche Anforderungen nachhaltig umzusetzen.

Das Bewusstsein für Datenschutz und digitale Selbstbestimmung ist in der Community grundsätzlich sehr hoch. Doch ohne organisatorische Innovationen, gezielte Unterstützung und eine strategische Einbettung des Themas Datenschutz werden ähnliche Fälle in Zukunft kaum ausbleiben.

Debian steht nun an einem kritischen Punkt – und vielleicht auch für andere Projekte exemplarisch. Es gilt, neue Strukturen zu schaffen, Engagement zu fördern und das Thema Datenschutz nicht nur als regulatorisches Hindernis, sondern als Teil digitaler Verantwortung zu verstehen. Community-Angehörige, Entwicklerinnen und Unterstützer sind jetzt gefragt, sich aktiv einzubringen und das Projekt tragfähig in die Zukunft zu führen.

Wenn Sie Expertise oder Zeit im Bereich Datenschutz mitbringen, zögern Sie nicht, sich bei einer Open-Source-Gemeinschaft wie Debian zu engagieren. Der Schutz digitaler Rechte beginnt im Kleinen – und endet beim großen Ganzen.

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