Wem gehören unsere Daten? Wer kontrolliert unsere digitalen Prozesse, und wie unabhängig sind Unternehmen im Zeitalter von Cloud, KI und Plattformökonomie tatsächlich? Die Forderung nach digitaler Souveränität stellt sich 2026 drängender denn je – und wird zur unternehmerischen Überlebensfrage.
Was bedeutet digitale Souveränität – und warum ist sie jetzt so kritisch?
Digitale Souveränität beschreibt die Fähigkeit von Organisationen, Regierungen und Individuen, digitale Technologien eigenverantwortlich und im eigenen Interesse zu nutzen – und dabei Kontrolle über Daten, Infrastrukturen und IT-Systeme zu behalten. Für Unternehmen bedeutet das konkret: kritische IT-Entscheidungen unabhängig treffen, Datenströme nachvollziehen und Anbieterabhängigkeiten minimieren.
Diese Autonomie ist vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen, wachsender Cyberbedrohungen und verschärfter Datenschutzregulierungen kein abstraktes Konzept mehr, sondern geschäftskritisch. Laut einer IDC-Studie aus 2025 sehen 68 % der europäischen Unternehmen digitale Souveränität als Top-3-Priorität für die kommenden zwei Jahre – 2020 lag dieser Wert noch bei unter 25 %.
Insbesondere Abhängigkeiten von US-amerikanischen oder chinesischen Cloud-Anbietern gelten als Risikofaktor. Die Diskussion ist eng verknüpft mit Begriffen wie „Cloud Independence“, „Data Governance“ und „kritische IT-Infrastruktur“.
Datensouveränität: Kontrolle über das neue Gold
Unternehmen generieren riesige Datenmengen – vom IoT-Device im Maschinenbau über Kundendatenbanken bis zu hochsensiblen Prozessinformationen. Doch wer speichert, verarbeitet und analysiert diese Daten? Oft sind es Public-Cloud-Plattformen wie AWS, Microsoft Azure oder Google Cloud, die durch ihre Marktposition quasi alternativlos erscheinen. Das birgt Risiken – wie etwa fehlende Transparenz, nicht vollständig kontrollierbare Datenflüsse und Schwierigkeiten bei der Einhaltung europäischer Datenschutzstandards wie der DSGVO.
Ein Beispiel: Bei einer großangelegten Cyberattacke auf US-amerikanische Hyperscaler im Jahr 2024 waren mehrere europäische Unternehmen indirekt betroffen, obwohl ihre Daten physisch in europäischen Rechenzentren lagen. Die Kontrolle über diese Daten lag aber bei Unternehmen außerhalb Europas – was politische und regulatorische Fragen aufwarf.
Lösungsansätze wie Data Localization (Datenhaltung im eigenen Land) oder Sovereign Cloud-Modelle, wie sie etwa SAP mit der „RISE with SAP“ Sovereign Cloud Edition verfolgt, gewinnen stark an Bedeutung. Auch Anbieter wie GAIA-X – die europäische Initiative für eine föderierte, offene und sichere Dateninfrastruktur – tragen dazu bei, datenbezogene Unabhängigkeit zu stärken.
Kritische Infrastrukturen und ihre Schutzbedürftigkeit
Bereits 2023 veröffentlichte die EU die überarbeitete Richtlinie zur Sicherheit kritischer Einrichtungen (CER-Richtlinie) sowie NIS2, die Unternehmen mit besonderer Relevanz für die Gesellschaft – etwa in Energie, Transport, Finanzen oder Gesundheit – zu höherem Schutz verpflichtet. Ziel ist es, Resilienz und Sicherheitsstandards anzuheben, insbesondere im IT-Bereich.
Doch Souveränität bedeutet nicht nur Schutz vor Angriffen – sondern auch strategische Unabhängigkeit. Wer etwa Komponenten aus einem Land bezieht, das seinerseits wirtschaftliche Sanktionen verhängt oder weltpolitisch volatil ist, riskiert den Ausfall ganzer Lieferketten. Das betrifft auch digitale Lieferketten: Open-Source-Projekte, Drittanbieter-APIs und Cloud-Infrastrukturen bilden heute das digitale Rückgrat moderner Unternehmen – und bleiben dennoch oft Black Box.
In einer Bitkom-Umfrage von Oktober 2025 gaben 71 % der befragten CISOs an, dass mangelnde Transparenz in digitalen Abhängigkeiten ihr größtes Sicherheitsrisiko darstellt.
Technologische Wege zur digitalen Souveränität
Doch es gibt Wege, diese Herausforderungen anzugehen. Technologische Architekturen entwickeln sich zunehmend in Richtung Modularität, Interoperabilität und Transparenz. Unternehmen setzen verstärkt auf hybride Cloud-Modelle, Sovereign-Cloud-Angebote und Edge-Computing.
Hybride und Multi-Cloud-Strategien ermöglichen es, Workloads abhängig von Regulierung, Verfügbarkeit und Sensitivität flexibel zuzuordnen. Der Trend geht weg vom monolithischen Cloud-Betrieb hin zu verteilten Modellen, in denen verschiedene Plattformen unabhängiger genutzt werden können.
Open-Source-Komponenten sind ein weiterer Baustein. Wer auf quelloffene Software setzt, erhält nicht nur Kontrolle über den Quellcode, sondern kann Sicherheitslücken transparenter prüfen und Community-getrieben weiterentwickeln. Das verlangt allerdings interne Kompetenzen im Bereich Software Supply Chain Security.
Technologien wie Confidential Computing, kryptographisch gesicherte Datenräume (z.B. IDSA oder Catena-X) und Zero-Trust-Architekturen tragen zusätzlich dazu bei, souveräne Datenverarbeitung auf technischer Ebene umzusetzen.
Gesetzlicher Rahmen: Von DSGVO bis Digital Decade
Der regulatorische Druck auf Unternehmen nimmt spürbar zu. Neben der DSGVO, die seit Jahren internationale Standards setzt, ist seit 2024 auch der EU Data Act in Kraft. Er regelt u.a. die Interoperabilität von Datenplattformen, Zugang zu maschinell generierten Daten und definiert Pflichten zur Anbietertransparenz.
In Kombination mit der Digital Decade Policy, dem strategischen Rahmenprogramm der EU für digitale Transformation bis 2030, forciert Brüssel digitale Unabhängigkeit europäischer Unternehmen. Digitale Souveränität ist erklärtes Ziel – ebenso wie der Aufbau von Fähigkeiten zur resilienten Nutzung von Schlüsseltechnologien.
Besonders relevant ist das Schutzprogramm für kleine und mittlere Unternehmen (KMU), das durch Fördermittel, digitale Kompetenzzentren und Aufklärung zu souveräner IT-Nutzung beitragen soll.
Handlungsempfehlungen für Unternehmen
Wer digitale Souveränität ernst nimmt, muss strategische, technologische und kulturelle Anpassungen vornehmen. Folgende Maßnahmen bieten sich an:
- Datenstrategie überdenken: Analysieren Sie, wo Ihre Daten fließen, wer Zugriff hat und welchen rechtlichen Rahmen Sie erfüllen müssen. Setzen Sie auf Data Governance und gezielte Data-Sovereignty-Maßnahmen.
- Technologische Unabhängigkeit fördern: Prüfen Sie den Einsatz von Open-Source-Technologien, modularer Softwarearchitektur und souveränen Cloud-Angeboten. Etablieren Sie Exit-Strategien für externe Plattformen.
- IT-Security & Lieferkettentransparenz stärken: Integrieren Sie Security-by-Design-Ansätze, nutzen Sie Zero-Trust-Modelle und schaffen Sie Transparenz über Ihre digitalen Abhängigkeiten – auch bei Dienstleistern.
Ein Weg, der die Wettbewerbsfähigkeit sichert
2026 markiert den Wendepunkt für Unternehmen in Europa und darüber hinaus: Digitale Souveränität ist kein Luxus, sondern Voraussetzung für Innovationsfähigkeit, Regulatorik-konformität und Krisenresilienz. Wer jetzt handelt, stärkt langfristig die Wettbewerbsposition – technologisch wie geopolitisch.
Nutzen Sie die Chance: Teilen Sie Ihre Erfahrungen, Lösungen und Strategien zur digitalen Souveränität in unserer Community – gemeinsam gestalten wir die digitale Zukunft verantwortungsvoll und souverän.




