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Europas digitaler Wettlauf: Warum regionale IT-Beschaffung der Schlüssel ist

Ein hell erleuchteter, moderner Arbeitsplatz mit glücklichen Fachleuten europäischer Herkunft, die gemeinsam an innovativen IT-Lösungen arbeiten, umgeben von natürlichem Tageslicht und warmen Holztönen, die ein Gefühl von Zuversicht, Zusammenarbeit und digitaler Zukunft in Europa vermitteln.

Inmitten geopolitischer Spannungen, wachsender Cyberbedrohungen und einer fortschreitenden digitalen Souveränitätsdebatte nimmt die Frage, wer unsere Technologie liefert, eine zentrale Rolle ein. Europas Abhängigkeit von nicht-europäischen IT-Infrastrukturanbietern ist nicht nur ein wirtschaftliches, sondern zunehmend auch ein sicherheitspolitisches Risiko. Eine neue Ära der regionalen IT-Beschaffung rückt in den Fokus – als strategische Option und als wirtschaftlicher Dauerauftrag für Europas digitale Zukunft.

Digitale Souveränität: Was auf dem Spiel steht

Die digitale Souveränität Europas steht auf wackligen Beinen. Während US-amerikanische Cloud-Giganten wie Amazon Web Services (AWS), Microsoft Azure und Google Cloud den europäischen Markt dominieren, zeigen sich politische Entscheider zunehmend besorgt über die Kontrolle, die damit verbunden ist. Laut der Synergy Research Group lagen die Marktanteile von US-Cloudanbietern in Europa im Jahr 2025 bei über 73 % – eine Zahl, die die strukturelle Abhängigkeit Europas von außereuropäischen Infrastrukturen eindrücklich belegt.

Mit dieser Abhängigkeit gehen zahlreiche Herausforderungen einher: extraterritoriale Gesetzgebungen wie der US CLOUD Act, Cybersecurity-Risiken durch nicht offengelegte Codebasen und eine beschränkte Innovationskraft der lokal ansässigen Tech-Industrie. Gerade in Schlüsselbereichen wie kritischer Infrastruktur, Verteidigung, Gesundheitswesen und Finanzsysteme werden regionale Technologielösungen zur zwingenden Notwendigkeit.

Im Zentrum steht damit eine Frage: Wie kann Europa technologische Abhängigkeiten gezielt abbauen und gleichzeitig wirtschaftliche und sicherheitspolitische Resilienz aufbauen? Die Antwort scheint immer klarer in der Förderung regionaler Anbieter zu liegen.

Regionales Sourcing als strategisches Instrument

Regionale IT-Beschaffung ist weit mehr als ein protektionistischer Reflex. Sie ist eine strategische Entscheidung mit langfristigem Wirkungspotenzial. Nationale Initiativen wie GAIA-X, das europäische Cloud-Projekt mit Fokus auf Interoperabilität, Datenschutz und Transparenz, setzen klare Zeichen. Doch während viele Grundsatzpapiere veröffentlicht und politische Absichtserklärungen getroffen wurden, bleiben konkrete Marktveränderungen bislang begrenzt.

Ein wichtiger Schritt kommt nun aus der Gesetzgebung: Die Verordnung über Cybersicherheitsanforderungen, die 2025 auf EU-Ebene verabschiedet wurde, verpflichtet alle öffentlichen Stellen zur bevorzugten Nutzung auditierter, EU-konformer IT-Dienste – sofern verfügbar. Diese rechtliche Grundlage stärkt lokale Anbieter und öffnet Märkte, die zuvor undurchdringbar schienen.

Ökonomisch betrachtet erzeugt regionale IT-Beschaffung einen mehrfachen Wertschöpfungseffekt: Sie schafft hochqualifizierte Jobs, fördert nationale Technologietransfers und verringert Kapitalabflüsse an außereuropäische Konzerne. Laut einer Studie der European Tech Alliance aus dem Jahr 2024 könnten allein durch die Verlagerung von nur 20 % der öffentlichen Cloud-Budgets auf europäische Anbieter bis 2030 über 350.000 neue Arbeitsplätze entstehen.

Sicherheitsvorteile durch europäische Lösungen

Datenschutz, Datenhoheit und IT-Sicherheit gehören zu den Kernargumenten für eine stärkere Lokalisierung der IT-Beschaffung. Der Umgang mit personenbezogenen Daten unterliegt in Europa strengen Regularien wie der DSGVO. Doch solange die zugrundeliegenden Dienste von US-amerikanischen oder chinesischen Firmen kontrolliert werden, droht ein Zielkonflikt.

Zudem hat die Zunahme staatlich finanzierter Cyberangriffe – etwa durch Gruppen wie APT28 oder Volt Typhoon – das Bewusstsein für IT-Risiken verschärft. Der ENISA Threat Landscape Report 2025 dokumentierte einen Anstieg von Cybersicherheitsvorfällen auf kritische Infrastrukturen um 48 % im Vergleich zum Vorjahr. Europäische Anbieter, die nach EU-Sicherheitsstandards geprüft und zertifiziert sind, bieten hier einen nachweisbaren Mehrwert.

Hinzu kommt die Möglichkeit zur Kontrolle von Lieferketten. Lokale Anbieter ermöglichen tiefere Audits, einfachere Qualitätsprüfungen und eine schnellere Reaktion im Krisenfall. In einem fragilen geopolitischen Kontext sind das strategische Vorteile, die nicht ignoriert werden dürfen.

Politische Steuerung mit Signalwirkung

Staatliche Beschaffung gilt in Europa als Hebel der digitalen Transformation. Über Public-Procurement-Budgets von mehreren hundert Milliarden Euro jährlich könnten Regierungen gezielt Anreize für technologische Souveränität setzen. Doch bislang werden diese Mittel oftmals technologieoffen vergeben – was faktisch den etablierten, größeren US-Marken nutzt.

Ein Umdenken ist eingeläutet: Frankreich verfolgt bereits seit Jahren eine cloud souveraine-Strategie und bevorzugt französische Anbieter wie OVHcloud. Auch Deutschland plant mit dem Konzept der „Digitalen Souveränität in der Verwaltung“ bis 2030 eine strukturelle Abkehr von proprietären, externen Cloudlösungen in öffentlichen Einrichtungen.

Die EU-Kommission hat unter Ursula von der Leyen mehrfach betont, „Europa müsse technologisch erwachsen werden“ – mit eigens entwickelter Hardware, eigener Software und eigenen Standards. Dies inkludiert auch EU-zertifizierte Rechenzentren, Open-Source-Förderung und ein neues Siegel für „Trusted European IT“.

Herausforderungen der Umsetzung

So klar die Argumente für regionale IT-Beschaffung sind, so groß sind auch die Hürden. Europäische Anbieter kämpfen mit Skalierungsproblemen, geringeren Budgets und einem massiven Wettbewerbsdruck durch Global Player. Zudem fehlt oft der Bekanntheitsgrad gegenüber Marken wie Microsoft oder Amazon, was die Beschaffung in öffentlichen Ausschreibungen erschwert.

Auch technische Aspekte spielen eine Rolle. Der Leistungsumfang vieler europäischer Cloud-Plattformen reicht (noch) nicht an das Serviceportfolio von AWS oder Google Cloud heran. Interoperabilität, Kundenservice, DevOps-Integration – viele kleinere Anbieter haben hier Aufholbedarf.

Gleichzeitig zeigen Kooperationen, wie sie etwa plusserver, Ionos oder Clever Cloud im Rahmen von GAIA-X eingehen, dass sich ein Ökosystem europäischer Technologien erfolgreich ausbilden kann, wenn politische Rückendeckung, Marktzugänge und Standards abgestimmt werden.

Was Europa jetzt konkret tun kann

Die Förderung regionaler IT ist kein Selbstzweck – sondern Teil einer kohärenten Digitalstrategie für Wirtschaft und Gesellschaft. Damit Europa seine digitale Unabhängigkeit stärken kann, braucht es strategische Maßnahmen auf mehreren Ebenen. Handlungsempfehlungen für Politik, Verwaltung und Unternehmen:

  • Bedarf gezielt bündeln: Durch koordinierte Beschaffung von Behörden oder Branchenverbänden lassen sich effektive Nachfragevolumina schaffen, die lokale Anbieter skalierbar unterstützen.
  • Transparente Vergabeverfahren etablieren: Spezifikationen sollten nicht pauschal US-Dienste bevorzugen (z. B. durch proprietäre Formatvorgaben). Stattdessen sind offene Schnittstellen und Anbieterneutralität essenziell – begleitet von Prüfmechanismen zur Angemessenheit des Herkunftsorts.
  • Innovation durch Förderung beschleunigen: Öffentliche Förderprogramme sollten gezielt Tech-Startups und mittelständische Unternehmen unterstützen, die an europäischen Alternativen zur Cloud arbeiten – inklusive vereinfachtem Zugang zu Testinfrastrukturen und staatlichen Pilotprojekten.

Resilienz beginnt bei der IT-Beschaffung

Europa steht an einem digitalen Scheideweg: Entweder bleibt es Technologiekonsument – oder es wird Hersteller, Innovator und souveräner Akteur auf globaler Ebene. Der Schlüssel zur zweiten Option liegt in der bewussten Steuerung von Technologieflüssen, Investitionsentscheidungen und Partnerschaften.

Regionale IT-Beschaffung ist kein Allheilmittel, aber ein strategischer Hebel mit enormer Hebelkraft. Sie schützt Daten, fördert Innovation, stärkt Wirtschaftskreisläufe und formt Europas Rolle in der digitalen Welt. Es ist an der Zeit, dass öffentliche wie private Entscheider diesen Hebel bewusst einsetzen – und damit die Grundmauern für eine digitale Zukunft aufbauen, die europäischen Werten entspricht.

Diskutiert mit: Welche regionalen IT-Anbieter nutzt euer Unternehmen? Welche Hürden und Chancen seht ihr in einem stärker europäisch orientierten Tech-Ökosystem? Wir freuen uns auf Austausch und Erfahrungen in den Kommentaren!

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