IT-Sicherheit & Datenschutz

Gefälschte Kettenbriefe auf WhatsApp: Wie Sie sich vor Falschinformationen schützen

In einem hell erleuchteten Wohnzimmer sitzt eine nachdenkliche Frau mittleren Alters entspannt auf dem Sofa, ihr Smartphone in der Hand, während sanftes Tageslicht durch das Fenster fällt und eine warme, einladende Atmosphäre schafft, die sowohl Vertrautheit als auch Achtsamkeit im Umgang mit digitalen Nachrichten vermittelt.

Ein angeblicher „WhatsApp-Gutschein“ von bekannten Supermarktketten, Warnungen vor angeblich lebensgefährlichen Medikamenten oder falsche Informationen über neue Gesetzesregelungen – Kettenbriefe gehören seit Jahren zum Inventar digitaler Kommunikation. Besonders der Messenger WhatsApp ist ein beliebter Kanal für die Verbreitung solcher Desinformationen. Aber wie erkennt man einen Kettenbrief, was steckt hinter diesen Taktiken – und wie schützt man sich?

Desinformation im Taschenformat: Warum gerade WhatsApp?

WhatsApp zählt laut Statista im Jahr 2025 in Deutschland rund 61 Millionen Nutzer. Die große Reichweite, kombiniert mit dem privaten, vertrauensbasierten Charakter der Kommunikation, macht den Messenger zu einem attraktiven Ziel für die Verbreitung von Falschinformationen. Gerade weil Nachrichten häufig aus dem persönlichen Umfeld kommen, werden Kettenbriefe meist weniger kritisch hinterfragt.

Hinzu kommt: WhatsApp verschlüsselt alle Gespräche Ende-zu-Ende. Das ist aus Datenschutzperspektive ein Gewinn, erschwert aber gleichzeitig die Nachverfolgbarkeit und Löschung gefährlicher Inhalte. Meta, der WhatsApp-Mutterkonzern, hat allerdings Maßnahmen ergriffen, um die virale Verbreitung einzudämmen, beispielsweise durch Weiterleitungsbeschränkungen: Nachrichten, die mehrfach weitergeleitet wurden, können seit 2020 nur noch an einen Chat weitergegeben werden.

Anatomie eines digitalen Kettenbriefs

Gefälschte Kettenbriefe sind inhaltlich vielfältig, folgen jedoch oft wiederkehrenden Mustern. Einige typische Formen sind:

  • Falsche Gewinnspiele oder Gutscheine: „Rewe verschenkt Einkaufsgutscheine! Nur heute!“ – oft mit gefälschten Logos und Links zu Phishing-Websites.
  • Gesundheitswarnungen: Dramatische Beschreibungen angeblicher Gesundheitsrisiken, etwa durch bestimmte Medikamente oder Impfstoffe, die auf keine vertrauenswürdige Quelle verweisen.
  • Soziale Angstmache oder politische Falschinformationen: Aufrufe zu Empörung oder Panik, häufig verbunden mit unbewiesenen oder verdrehten Fakten.

Ein zentrales Merkmal: Die Aufforderung zur Weiterleitung, kombiniert mit einem emotionalen Appell oder der Drohung, dass bei Unterlassung „etwas Schlimmes passieren“ könne. Psychologisch greifen diese Mechanismen auf das sogenannte social proof und fear of missing out zurück – zwei starke Hebel menschlichen Verhaltens.

Die Faktenlage: Wie groß ist das Problem?

Laut einer Studie des Digitalverbandes Bitkom von 2024 haben 38 Prozent der deutschen Internetnutzer bereits Falschinformationen über Messenger-Dienste erhalten – eine Steigerung von acht Prozentpunkten gegenüber 2022. In der Altersgruppe der über 55-Jährigen sind es sogar 46 Prozent.

Besonders brisant wird Desinformation in Krisenzeiten: Während der COVID-19-Pandemie registrierten Factchecking-Plattformen wie Correctiv und Mimikama einen massiven Anstieg an Kettenbriefen über vermeintliche Heilmittel, Virusursprünge oder politische Maßnahmen. Die WHO sprach im Zuge dessen erstmals vom Phänomen der „Infodemie“, also einer Flut an falschen Informationen, die gesellschaftliche Reaktionen auf Gesundheitskrisen erheblich beeinflussen kann.

Ein weiteres Beispiel aus jüngerer Vergangenheit ist der Krieg in der Ukraine. Laut Amnesty International wurden gezielte Falschinformationen über Messenger verbreitet, darunter gefälschte Videos, manipulierte Bildnachweise und angebliche Berichte ziviler Augenzeugen.

Warum Menschen auf Kettenbriefe hereinfallen

Die psychologischen Mechanismen hinter Kettenbriefen sind gut untersucht. Studien der Universität Mannheim und des Hasso-Plattner-Instituts zeigen, dass Menschen Informationen, die aus ihrem unmittelbaren sozialen Umfeld stammen, signifikant seltener hinterfragen. Zudem neigen ältere Nutzer:innen dazu, visuell ansprechenden oder aufwühlenden Inhalten ohne Gegenprüfung zu vertrauen – ein Effekt, der durch das Vertrauen in Sender aus dem Freundes- oder Familienkreis verstärkt wird.

Technisch betrachtet nutzen die Urheber solcher Nachrichten sogenannte „Social-Engineering-Techniken“. Die Absicht dahinter ist vielfältig: Phishing, Datensammlung, Verbreitung ideologischer Inhalte – oder schlicht die Erzeugung von Chaos und Unsicherheit.

WhatsApp-Maßnahmen gegen Desinformation

Meta (vormals Facebook) hat in den letzten Jahren mehrere technische Maßnahmen eingeführt, um Kettenbriefe einzudämmen:

  • Weiterleitungs-Beschränkungen: Seit 2020 können besonders oft geteilte Nachrichten nur noch an einen einzelnen Chat weitergeleitet werden.
  • Labeling: Weitergeleitete Nachrichten werden mit einem „Forwarded“- bzw. „Oft weitergeleitet“-Hinweis versehen, um Nutzer zu sensibilisieren.
  • Faktenchecking-Integrationen: In Pilotprojekten kooperiert WhatsApp mit Factchecking-Organisationen, insbesondere in Indien und Brasilien.

Dennoch bleibt das Problem hartnäckig. Denn durch die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung kann WhatsApp selbst den Inhalt der Nachrichten nicht prüfen – ein klassisches Spannungsfeld zwischen Datenschutz und Kontrollbedarf.

Medienkompetenz als Schlüssel zur Vorsorge

Fachexperten sind sich einig: Der nachhaltigste Schutz gegen Falschinformationen liegt in der Entwicklung von Medienkompetenz. Laut dem Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest verfügen aktuell nur 22 Prozent der Deutschen über ausreichende Fähigkeiten, um Desinformationen im Netz zuverlässig zu erkennen. Besonders bei älteren Bevölkerungsschichten besteht Nachholbedarf.

Bildungseinrichtungen, Familien und Unternehmen sind hier gleichermaßen gefordert. Schulen integrieren mittlerweile digitale Medienbildung in den Unterricht – allerdings mit unterschiedlich starkem Fokus je nach Bundesland. Auch Arbeitgeber sensibilisieren mit Schulungen zum sicheren Umgang mit digitalen Informationen, insbesondere im Kontext von IT-Sicherheitstrainings.

Praktische Tipps zur Erkennung und Vermeidung

Wer selbst oder im Familien- und Freundeskreis auf Kettenbriefe stößt, sollte an folgende Empfehlungen denken:

  • Quelle hinterfragen: Ist eine seriöse Newsseite angegeben? Gibt es offizielle Bestätigungen durch Behörden oder Institutionen?
  • Emotional aufgeladene Sprache analysieren: Kettenbriefe arbeiten oft mit Ausrufezeichen, dramatischer Sprache und Zeitdruck – seriöse Meldungen nicht.
  • Faktenchecks nutzen: Plattformen wie Correctiv.org, Mimikama oder die Faktenchecks der Tagesschau bieten tagesaktuelle Analysen verdächtiger Inhalte.

Handlungsempfehlungen: So schützen Sie sich langfristig

  • Installieren Sie regelmäßig App- und Sicherheitsupdates – so minimieren Sie das Risiko durch eventuelle Exploits in der App-Architektur.
  • Sensibilisieren Sie Familie und Freunde – insbesondere technikferne Generationen – über die Risiken digitaler Kettenbriefe.
  • Blockieren und melden Sie verdächtige Kontakte oder Gruppen innerhalb von WhatsApp, damit Meta die Verbreitung analysieren kann.

Fazit: Unsichtbare Gefahr mit greifbaren Folgen

In einer vernetzten Welt, in der Informationen in Sekunden um den Globus kreisen, bleibt die Verantwortung beim Einzelnen. Digitale Kettenbriefe sind mehr als nur nervige Nachrichten – sie gefährden das Vertrauen in Medien, Institutionen und unser Miteinander. Der Schutz beginnt mit Wachsamkeit, technischer Aufmerksamkeit und gesunder Skepsis.

Teilen Sie diesen Artikel mit Freunden, Familie oder Kolleg:innen und helfen Sie mit, digitale Desinformation einzudämmen – denn Aufklärung ist die beste Firewall.

Schreibe einen Kommentar