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Gefahr aus dem All: GPS-Jamming und Spoofing setzen Flugzeuge in Europa unter Druck

Ein strahlend heller, sonnendurchfluteter Kontrollturm eines europäischen Flughafens mit modernen Flugzeugen im Start- und Landeanflug, wo Piloten konzentriert am Cockpit sitzen und das weite, klare Himmelsblau eine ruhige, hoffnungsvolle Atmosphäre der Sicherheit und technologischen Herausforderung schafft.

Immer häufiger geraten Flugzeuge über Europa in problematische Situationen: Das satellitengestützte Global Positioning System (GPS), auf das moderne Luftfahrt massiv angewiesen ist, wird gezielt gestört oder manipuliert. Der digitale Funkkrieg erreicht den europäischen Luftraum – mit dramatischen Sicherheitsimplikationen für Airlines, Behörden und Passagiere.

Ein unterschätztes Risiko: GPS-Störungen im europäischen Luftraum nehmen zu

Schon seit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs 2022 registrieren europäische Flugsicherheitsbehörden eine massive Zunahme sogenannter GPS-Interferenzen. Diese äußern sich in Form von Jamming (Störsignalen, die das GPS unbrauchbar machen) und Spoofing (gezielte Manipulation der Signalquelle mit gefälschten Positionsdaten).

Laut einer Analyse der European Union Aviation Safety Agency (EASA) von April 2024 wurden allein im ersten Quartal jenes Jahres mehr als 46.000 Fälle von GPS-Störungen im europäischen Luftverkehr erfasst. Besonders betroffen waren Gebiete nahe der russischen Grenze – etwa im Baltikum, in Polen, dem Schwarzen Meer oder der Osttürkei. Auch im östlichen Mittelmeerraum, einschließlich Zypern und Israel, kam es vermehrt zu Störungen. Laut Daten des European Organisation for the Safety of Air Navigation (Eurocontrol) handelte es sich in bemerkenswert vielen Fällen um koordinierte Spoofing-Angriffe mit militärischen Charakteristika.

Ein konkretes Beispiel: Im März 2024 musste eine Boeing 737 nahe dem bulgarischen Luftraum in den manuellen Navigationsmodus wechseln, nachdem ihre GPS-Kommunikation vollständig blockiert worden war. Die Piloten konnten dank inertialer Navigationssysteme sicher landen – ein Ausnahmefall, der jedoch die Verwundbarkeit hochmoderner Verkehrsflugzeuge unterstreicht.

Die Sicherheitslage im europäischen Himmel wandelt sich durch diese Bedrohungslage rapide.

Wie funktionieren GPS-Jamming und Spoofing technisch?

GPS-Signale sind ein leichtes Ziel. Sie werden mit extrem geringer Sendeleistung aus rund 20.000 Kilometern Höhe übertragen und können deshalb relativ einfach durch stärkere lokale Funkwellen überlagert (Jamming) oder durch manipulierte Signale ersetzt (Spoofing) werden.

Spoofing ist dabei die weitaus gefährlichere Variante: Hochpräzise Nachbildungen eines GPS-Signals können ein Navigationssystem dazu bringen, falsche Koordinaten für die tatsächliche Position auszulesen. Das kann dazu führen, dass ein Flugzeug glaubt, hinter dem eigentlichen Kurs zu liegen – mit potenziell katastrophalen Folgen für komplexe Luftraumkoordination und Anflugverfahren.

Experten wie Dr. Markus Nägele vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) bestätigen: „Die Manipulation von GNSS-Signalen ist technisch anspruchsvoll, aber längst keine Herausforderung nur für staatliche Akteure mehr. Gute Hardware für Spoofing lässt sich mittlerweile für unter 500 Euro zusammenstellen.

Welche Alternativen gibt es zum GPS?

Angesichts dieser Bedrohungslage fordern Sicherheitsexperten und Luftfahrtverbände verstärkt Redundanzen im Navigationssystem. Denn GPS allein genügt nicht mehr.

In Europa setzen sich Institutionen wie die EASA und die Deutsche Flugsicherung (DFS) für folgende Alternativ- oder Ergänzungstechnologien ein:

  • Galileo: Das europäische Satellitennavigationssystem bietet durch Signalverschlüsselung im PRS-Modus eine höhere Spoofing-Resistenz. Dennoch bleibt es im zivilen Sektor derzeit optional.
  • DME/DME-Referenznavigation: Distance Measuring Equipment (DME) basiert auf Bodenstationsmessung und ist gegenüber GNSS-Störungen robust. Modernere Flugzeuge verfügen über IRU-DME-Hybridsysteme.
  • Multisensor-Fusion: Techniken, bei denen GPS-Daten mit Trägheitsnavigation, Barometern, Funknavigation und Radar kombiniert werden, erhöhen die Resilienz gegen Störungen.
  • Terrestrisches eLoran: Eine mögliche Rückbesinnung auf langwellenbasierte Navigation wie eLoran wird erneut diskutiert – besonders als Notfalllösung bei flächendeckendem GNSS-Ausfall.

Dass Maßnahmen dringend notwendig sind, zeigt eine Umfrage der EU-Behörde GSA (jetzt EUSPA) aus dem Jahr 2023, laut der über 78 % der befragten Piloten in den letzten zwei Jahren mindestens einmal unerklärte GNSS-Störungen erlebt haben (Quelle: EUSPA Aeronautical GNSS Report 2023).

Digitale Verteidigung im Luftraum: Abwehrstrategien gegen Angreifer

Die Flugsicherung allein kann GPS-Angriffe nicht verhindern – denn die Ursprünge dieser Attacken liegen oft außerhalb des Zuständigkeitsbereichs ziviler Behörden. Dennoch gibt es technische und organisatorische Strategien zur Risikominderung.

  • GNSS-Monitoring-Netze: Systeme wie das SSA EMIT (European Monitoring of Interference to GNSS Signals) erlauben die Echtzeitverfolgung von Störungen im Orbit-zu-Boden-Bereich. Störquellen lassen sich damit rascher lokalisieren.
  • Verhaltensbasierte Erkennung: Moderne Avionik kann über sensorische Verschneidung inkonsistente Navigationsdaten identifizieren und die Quelle (GPS, ADS-B etc.) automatisch abwählen.
  • Resiliente Flugplanung: Airlines beginnen, insbesondere auf Strecken nahe konfliktträchtiger Zonen, bereits in der Flugplanung alternative Verfahren einzuplanen – inklusive GPS-unabhängiger Verfahren bei An- und Abflügen.

Langfristig fordern Branchenexperten transparentere Meldeverfahren und ein koordiniertes europäisches Lagebild. Gemeinsame Standards zwischen zivilen und militärischen Akteuren gelten als Voraussetzung für ein widerstandsfähiges Luftnavigationssystem der Zukunft.

Politische Brisanz: Luftnavigationssicherheit als geopolitisches Spannungsfeld

GPS-Störungen sind kein rein technisches Problem – sie sind ein geopolitisches Werkzeug. Hinter den Angriffen stehen nach Einschätzung mehrerer westlicher Geheimdienste häufig staatliche oder staatlich unterstützte Akteure. Ziel sei es, Lufträume „elektronisch“ zu kontrollieren und Gegner an präziser Aufklärung, Navigation oder Waffensteuerung zu hindern.

Entsprechende Vorwürfe richten sich unter anderem gegen Russland, Iran und Syrien. Auch Nordkorea ist mehrfach durch GNSS-Störungen in Grenznähe zu Südkorea aufgefallen. Diese nationale Kontrolle über elektromagnetische Räume wird inzwischen als Teil hybrider Kriegsführung verstanden.

Die EU-Kommission hat daher angekündigt, im Rahmen der Initiative SafeSkies Europe bis 2027 eine gemeinsame Vorschrift für GNSS-Störungsschutz zu entwickeln. Geplant sind verpflichtende Meldungen, ein gemeinsames Monitoring-System und Investitionen in GPS-unabhängige Navigationstechnologien – auch im zivilen Bereich.

Einige Staaten wie Estland oder Israel gehen bereits voran: Sie haben nationale GPS-Schutzpläne aufgelegt, die auch kritische Infrastrukturen an Flughäfen, Militäranlagen und Verkehrsleitungen absichern.

Praktische Empfehlungen für Airlines und Flugbetrieb

Angesichts der anhaltenden Bedrohungslage sollten alle Akteure der Luftfahrtbranche gezielt Maßnahmen zur Risikoreduktion umsetzen. Experten empfehlen dabei folgende Handlungsfelder:

  • Technologische Resilienz verbessern: Investieren Sie in Multisensor-Avionik mit Hybridnavigation, die bei GPS-Ausfall mit alternativen Datenquellen stabil bleibt.
  • Besatzung schulen: Trainieren Sie Piloten und Crews in der Erkennung typischer Spoofing-Phänomene sowie im Umgang mit manuellen Navigationsabläufen.
  • Sicherheitsprotokolle aktualisieren: Integrieren Sie GPS-Ausfallszenarien in Standard Operating Procedures (SOPs), insbesondere bei kritischen Flugphasen.

Die Umsetzung dieser Punkte kann nicht nur die unmittelbare Sicherheit im Cockpit erhöhen, sondern auch helfen, langfristig resiliente Betriebsstandards zu etablieren. Besonders Low-Cost-Carriers, die bislang kaum in Navigations-Upgrades investiert haben, sind nun zum Umdenken gezwungen.

Fazit: GPS-Störungen werden bleiben – aber Europa kann vorbereitet sein

Die Störungen durch GPS-Jamming und -Spoofing zeigen deutlich: Navigationssicherheit ist zur digitalen Verteidigungslinie geworden. Zwar wird es keine hundertprozentige Immunität geben – doch mit klug kombinierten Technologien, abgestimmter Gesetzgebung und internationaler Zusammenarbeit können die Risiken minimiert werden.

Die Zukunft der sicheren Luftnavigation liegt nicht mehr allein im All – sondern in der Vielfalt robuster terrestrischer und hybrider Systeme. Dafür braucht es Investitionen, politische Entschlossenheit und koordinierte Umsetzung mit breiter Branchenbeteiligung.

Wie begegnen Sie in Ihrer Organisation den neuen Herausforderungen in der Luftnavigationssicherheit? Diskutieren Sie mit unserer Community – Ihre Perspektive zählt.

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