Deutschland erlebt einen KI-Gründerboom – und der spielt sich 2025 nicht nur in Berlin ab. Immer mehr vielversprechende KI-Startups entstehen in Städten wie Leipzig, Karlsruhe, Darmstadt und Lübeck. Was steckt hinter dieser Entwicklung, und was bedeutet sie für den Innovationsstandort Deutschland?
Weg vom Großstadtfokus: Wie KI-Gründungen die Region entdecken
Jahrelang galt Berlin als das Epizentrum der deutschen Startup-Szene – insbesondere im Bereich künstliche Intelligenz. Doch die jüngsten Zahlen einer gemeinsamen Studie des Bundesverbands Deutsche Startups und des ZEW Mannheim zeigen einen überraschenden Schwenk: 2025 erreichte die Zahl neu gegründeter KI-Startups außerhalb der klassischen Startup-Hotspots ein Rekordhoch.
Gemäß dem „Deutschen Startup Monitor 2025“ lagen rund 46 % aller KI-Neugründungen außerhalb der drei bekannten Tech-Zentren Berlin, München und Hamburg – ein deutlicher Anstieg gegenüber 2023, als dieser Anteil noch bei 31 % lag. Besonders wachstumsstark zeigten sich Städte mit etablierten Universitäten oder KI-Forschungsclustern wie Leipzig, Tübingen oder Saarbrücken.
„Die Dezentralisierung der KI-Gründungen ist ein vielversprechender Trend“, erklärt Prof. Dr. Claudia Nießner, Innovationsökonomin am Fraunhofer ISI. „Sie zeigt, dass das innovative Potenzial inzwischen breit im Land verteilt ist – auch dank gezielter Förderprogramme und digitaler Infrastrukturverbesserungen.“
Treiber des Trends: Standortpolitik, KI-Talente und Förderprogramme
Der aktuelle KI-Gründerboom in der Fläche ist das Ergebnis mehrerer Entwicklungen, die sich in den letzten Jahren sukzessive aufgebaut haben:
- Regionale Förderprogramme: Initiativen wie das „GO! Start-up Zentrum“ in Oldenburg oder „StartUpSecure“ in Bochum ermöglichen gezielte Unterstützung für Gründungen speziell im Bereich der Cybersicherheit und KI. Laut BMWK wurden 2024 über 380 Millionen Euro in regionale KI-Inkubatoren investiert.
- Fachkräftebindung an Universitäten: Technische Hochschulen abseits der Metropolen – wie die TU Ilmenau oder das KIT in Karlsruhe – halten KI-Talente häufig in der Region. Absolvent:innen gründen vor Ort, statt in die Metropolen abzuwandern.
- Digitale Infrastruktur: Der Netzausbau und steigende Cloud-Verfügbarkeiten ermöglichen heute ortsunabhängiges Entwickeln und Testen datenintensiver KI-Anwendungen.
Hinzu kommt der Rückgang von Miet- und Personalkosten außerhalb der Großstädte – ein relevanter Vorteil für die oft unterfinanzierten KI-Gründungen in der Frühphase. Die Durchschnittskosten für Büroflächen lagen laut IVD im Jahr 2025 in Berlin bei 26,70 €/m², in Magdeburg hingegen nur bei 9,10 €/m².
Typen und Themen: Was KI-Startups 2025 stark macht
Ein weiterer Grund für das Wachstum jenseits der Zentren ist die zunehmende Spezialisierung junger Unternehmen. Zahlreiche Startups fokussieren sich auf Nischenmärkte oder kombinieren KI gezielt mit regionalen Branchenstrukturen – wie etwa Fertigung, Landwirtschaft oder Medizintechnik.
Beispielhaft ist das Startup DeepHarvest aus Rostock, das Computer Vision für die Ernteautomatisierung in der ökologischen Landwirtschaft einsetzt, oder Autognostix aus Jena, das Diagnosesysteme für seltene Krankheiten mit generativer KI entwickelt. Auch industrielle KI in der Produktion – etwa bei Predictive Maintenance oder Qualitätskontrolle – ist stark vertreten.
Eine Analyse des appliedAI Start-up Landscapes 2025 (Stand: Q4 2025) zeigt, dass 38 % der deutschen KI-Startups im Bereich Manufacturing oder Life Sciences tätig sind – Tendenz steigend.
Herausforderungen: Kapital, Skalierung und Fachkräfte
So vielversprechend der Dezentralisierungstrend auch ist – er bringt auch Herausforderungen. Eine aktuelle Umfrage von Bitkom Research im Mai 2025 zeigt, dass 61 % der KI-Startups in kleineren Städten Schwierigkeiten bei der Kapitalakquise sehen. Auch Kontakte zu Industriepartnern oder internationalen Netzwerken sind in der Fläche oft begrenzt.
Ein strukturelles Problem bleibt der Fachkräftemangel: Trotz ausgebildeter Absolvent:innen wandern viele KI-Spezialisten Richtung USA oder zu Großkonzernen ab. Hier fehlen häufig institutionalisierte Mentoringprogramme, schnelle Visaverfahren für Talente aus Drittstaaten und attraktives Standortmarketing.
Ausblick auf 2026: Vernetzung, Venture Capital und regulatorisches Umfeld
Für 2026 sehen Experten das Potenzial für eine Konsolidierung – aber auch für beschleunigtes Wachstum. Der geplante „AI Startup Campus Germany“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), der 2026 in Leipzig eröffnen soll, soll als nationales Kompetenzzentrum für Exzellenz-KI-Gründungen in der Fläche dienen.
Zudem kündigte die KfW Bankengruppe Ende 2025 ein neues Beteiligungsinstrument mit Fokus auf KI-Startups in ländlichen Regionen an („FutureAI 2026“) – mit einem geplanten Gesamtvolumen von 200 Millionen Euro.
Rechtlich wird 2026 das erste volle Jahr unter dem neuen EU AI Act sein, der im Herbst 2025 verabschiedet wurde. Für Startups bedeutet das: Höhere Zeitkosten für Risikobewertungen und Dokumentationspflichten, aber auch klarere Regulierung, insbesondere im Bereich Hochrisiko-KI.
Brancheninsider wie Johanna Thiele, CTO des KI-Inkubators KI.NRW, sehen jedoch Vorteile: „Transparenz und Rechtssicherheit helfen gerade kleinen Playern langfristig beim Markteintritt.“
Empfehlungen für Gründer:innen außerhalb der Metropolen
- Lokale Kooperationsnetzwerke aktivieren: Frühzeitige Partnerschaften mit regionalen Mittelständlern, Forschungslaboren oder Wirtschaftsförderungen stärken die Sichtbarkeit und erhöhen die Chancen auf Pilotprojekte und Finanzierung.
- Fördertöpfe systematisch nutzen: Fördermittel wie EXIST-Forschungstransfer, StartupSecure, ZIM oder ProKI bieten gezielte Unterstützung – gerade für KI-nahe Gründungsideen mit Technologietiefe.
- Regulationskompetenz früh aufbauen: Aufgrund des AI Acts sollten Startups Compliance-Wissen frühzeitig intern verankern oder über externe Beratung sicherstellen, um spätere Rechtskosten zu minimieren.
Fazit: Neue Innovationskulturen entstehen – abseits der Ballungszentren
2025 markiert eine wegweisende Phase: Der KI-Startup-Boom dezentralisiert sich – mit Chancen für strukturschwächere Regionen, nachhaltige Geschäftsmodelle und diversere Innovationspfade. Entscheidend für 2026 wird sein, wie Politik, Mittelstand und Kapitalgeber diese Dynamik weiter unterstützen – und ob es gelingt, strukturelle Barrieren aufzulösen.
Wer selbst gründen, investieren oder fördern möchte, sollte nicht mehr nur Richtung Berlin schauen. Teilen Sie Ihre Erfahrungen mit der Community – welche Region schreibt der deutsche KI-Zukunft derzeit Ihre spannendsten Geschichten?




