Die digitale Infrastruktur wächst exponentiell – und mit ihr der Energiehunger von Tech-Giganten wie Meta. In einem kontrovers diskutierten Schritt kündigt der Facebook-Mutterkonzern nun an, aktiv auf Kernenergie zu setzen, um seine energieintensiven KI-Rechenzentren zu betreiben. Ist das der pragmatische Weg zu einer klimaneutralen Digitalisierung oder ein Rückfall in eine Technologie mit alten Schatten?
Metas Atom-Pläne: Ein Schritt Richtung Energieautarkie?
Im Dezember 2025 ließ Andrew Bosworth, CTO von Meta, auf dem firmeneigenen Blog mit einer Nachricht aufhorchen: Meta plane, sich über Jahrzehnte hinweg durch strategische Investitionen in Kernenergie unabhängiger von volatilen Strommärkten zu machen. Hierfür kooperiert der Konzern mit dem Energie-Startup Last Energy, das modulare Minireaktoren (Small Modular Reactors, SMRs) entwickelt. Der erste Liefervertrag soll bereits unterzeichnet sein. Ziel ist es, Rechenzentren in den USA künftig partiell durch privat betriebene, emissionsfreie Atomkraft mit bis zu 50 MW Leistung zu versorgen.
Laut Meta steht der Schritt nicht nur für Versorgungssicherheit, sondern langfristig auch für Klimaschutz. Angesichts steigender Energiepreise und wachsender gesellschaftlicher Erwartungshaltung an die „grüne Cloud“, birgt die Nutzung von SMRs eine grundsätzliche Transformation mit politischer wie industrieller Tragweite.
Warum Rechenzentren plötzlich Atomstrom brauchen
Mit Fortschritten in der Künstlichen Intelligenz schnellen die Stromverbräuche in neue Höhen. Die International Energy Agency (IEA) prognostiziert, dass der Strombedarf von Rechenzentren weltweit bis 2026 auf mehr als 1.000 Terawattstunden pro Jahr ansteigen könnte – das wären rund 4 % des globalen Stromverbrauchs. Besonders Large Language Models (LLMs) wie OpenAIs GPT, Googles Gemini oder Metas hauseigene Modelle treiben diese Entwicklung massiv an.
Für das Training eines großen KI-Modells wie GPT-4 sind laut einer von Hugging Face 2023 veröffentlichten Studie mehrere Gigawattstunden Strom erforderlich – das entspricht dem jährlichen Verbrauch von Hunderten US-Haushalten. Dabei kommt erschwerend hinzu, dass erneuerbare Energien wie Solar- oder Windkraft weiterhin nicht zu allen Jahreszeiten verlässlich skalieren.
Kernkraft bietet hier insbesondere für High-Demand-Standorte eine kontinuierlich verfügbare Lösung – vor allem dann, wenn kohlenstoffarmer Laststrom rund um die Uhr benötigt wird. Die sogenannte „Baseload“-Fähigkeit klassischer Kernkraftwerke wird in einer dezentralisierten, modularen Variante wie SMRs nun erstmals wirtschaftlich für einzelne Unternehmensstandorte denkbar.
Was sind SMRs – und was verspricht sich Meta davon?
Small Modular Reactors gelten als vielversprechende Weiterentwicklung der traditionellen Kernkraft. Anders als große Atommeiler mit Leistungen jenseits der 1.000 Megawatt, werden SMRs mit einer Leistung von 10 bis 300 MW modular gefertigt, kostengünstiger produziert und schneller installiert. Ihre kleineren Reaktorkerne und passiven Sicherheitsfeatures sollen im Vergleich zu konventionellen Anlagen geringere Risiken bergen.
Das Unternehmen Last Energy, mit dem Meta zusammenarbeitet, entwickelt derzeit SMRs der 20-Megawatt-Klasse und plant, nach britischem Vorbild Reaktoren in vorinstallierten Modulen zu liefern. Die Kosten liegen aktuellen Schätzungen zufolge bei rund 100 Millionen US-Dollar pro Einheit – deutlich unterhalb der Milliardeninvestitionen klassischer AKWs.
Meta betont, dass diese Kapazitäten vollständig privat finanziert werden. In einer Mitteilung heißt es: „Wir glauben, dass private Unternehmen eine aktive Rolle in der Transformation der Energieinfrastruktur spielen müssen. Modern geregelte Kernkraft kann ein Teil dieser Lösung sein.“
Ein Wendepunkt auch für andere Big-Tech-Unternehmen?
Meta ist nicht der einzige Akteur der Branche, der auf neue Energielösungen drängt. Microsoft unterzeichnete im September 2025 einen Vertrag mit Oklo, einem Unternehmen für neuartige Atomreaktoren, und investierte in Zusammenarbeit mit OpenAI in Pilotanlagen für leichtgewichtige Reaktortechnologien. Amazon wiederum erhöht seine Investments in Netzstromzusagen aus Offshore-Wind-Anlagen. Dennoch setzen auch dort Debatten um Versorgungslücken in kalten, windarmen Monaten ein.
Der gemeinsame Nenner all dieser Strategien: Die Cloud-Industrie akzeptiert, dass volatiles Stromnetzmanagement allein nicht ausreicht, um globale Rechenzentren mit hoher Verfügbarkeit und niedriger Klimabilanz zu betreiben. Für viele IT-Riesen wird das Thema „Firmeneigene Grundlastversorgung“ zunehmend strategisch relevant – und dabei stehen SMRs oben auf der Liste.
Nachhaltigkeit vs. Sicherheitsbedenken: Die öffentliche Debatte
So faszinierend der technologische Ansatz sein mag – allein die Erwähnung von Atomkraft polarisiert. Umweltorganisationen wie Greenpeace kritisieren den Schritt von Meta offen: „Statt überflüssige KI zu befeuern, sollte der Fokus auf Energiesuffizienz liegen“, heißt es in einer Stellungnahme. Auch die Frage nach Atommülllagerung, Sicherheitsrisiken und der langfristigen regulatorischen Kontrolle der neuen SMR-Modelle ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt.
Befürworter argumentieren derweil mit Zahlen: Ein 2024 veröffentlichter Bericht von Third Way zeigt, dass zwischen 2022 und 2025 weltweit über 80 SMR-Projekte in Planung oder Bau seien – in Kanada, den USA, Polen und Rumänien. Diese Projekte sollen CO₂-Emissionen im Stromsektor um bis zu 300 Millionen Tonnen jährlich senken können, sobald sie in Betrieb gehen.
Was bedeutet das für die Energiezukunft der Tech-Welt?
Mit Metas Vorstoß wird eine erhebliche Verschiebung deutlich: Von Abnehmern auf dem Netzmarkt hin zu aktiven Mitgestaltern regionaler Energiearchitekturen. Der Konzern signalisiert, dass digitale Infrastruktur nur dann zukunftssicher ist, wenn sie auch energetisch unabhängig und stabil geplant wird. Damit könnte die Tech-Branche eine Rolle einnehmen, die vormals Staatsunternehmen vorbehalten war.
Bereits 2026 könnten laut Bloomberg Prognosen weltweit über 10 private Unternehmen direkt in die Entwicklung oder den Betrieb von SMRs einsteigen. Meta bewegt sich damit in einem aufstrebenden Marktumfeld, in dem Infrastrukturhoheit, ESG-Vorgaben (Environment, Social, Governance) und regulatorische Rahmenbedingungen aufeinanderprallen.
Drei Impulse für CIOs, Energiebeauftragte und Dateninfrastrukturplaner
- Langfristige Energieverträge prüfen: Unternehmen sollten prüfen, inwiefern Power Purchase Agreements (PPAs) oder SMR-getriebene Off-Grid-Lösungen in ihre Standortstrategien integrierbar sind.
- CO₂-intensives Hosting frühzeitig diversifizieren: Der Aufbau hybrider Energieversorgungskonzepte – etwa durch Kombination aus PV, Batteriespeicher und kontrolliertem Atomstrom – schafft Resilienz.
- Regulierung und Förderprogramme im Blick behalten: Politische Rahmenbedingungen ändern sich aktuell rasant – aktives Mitwirken in Konsortien oder Branchenverbänden bietet strategische Vorteile.
Fazit: Rückkehr zur Kernenergie – rückwärtsgewandt oder revolutionär?
Was Meta plant, ist nicht weniger als eine ideologische wie infrastrukturelle Neuverhandlung des digitalen Zeitalters. Kernkraft – lange geächtet – wird nun unter dem Mantel der Nachhaltigkeit in die Cloudwirtschaft reingespült. Ob es am Ende zu einer Renaissance der Atomenergie in der IT-Branche kommt, wird nicht nur von Technik, sondern auch von Akzeptanz, Sicherheit und Marktregulierung entschieden.
Für IT-Entscheider, Energieverantwortliche und Digitalstrategen heißt es: Hinschauen, abwägen und agieren. Denn das Rechenzentrum der Zukunft wird nicht nur in Bits und Bytes geplant – sondern in Megawatt und Megatonnen CO₂.
Diskutieren Sie mit: Welche Rolle soll Kernenergie in der Cloud-Ära spielen – Notlösung oder notwendiger Bestandteil einer nachhaltigen Infrastrukturstrategie?



