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Rechenzentrumscampus in Bordeaux: Was hinter dem 380 Megawatt Projekt steckt

Ein strahlender Morgen über dem weitläufigen Rechenzentrumscampus in Bordeaux, der von der warmen Sonne sanft beleuchtet wird und mit modernen Gebäuden, umgeben von grünen Flächen und klar erkennbarem nachhaltigen Solarpanel-Einsatz, ein Gefühl von Innovation, Wachstum und regionaler Zukunftskraft vermittelt.

Im Südwesten Frankreichs entsteht eines der ambitioniertesten Rechenzentrumsprojekte Europas: Der BXIA Campus in Bordeaux. Mit bis zu 380 Megawatt geplanter Energieversorgung und 250 Megawatt verfügbarer IT-Leistung verspricht das Vorhaben nicht nur neue Maßstäbe für nachhaltige Rechenzentrumsinfrastruktur, sondern auch einen massiven wirtschaftlichen Impuls für die ganze Region. Doch was steckt hinter dem Projekt – und was bedeutet es für die europäische Cloud- und Digitalwirtschaft?

Ein europäisches Hyperscaler-Cluster in der Entstehung

Mit dem Rechenzentrumscampus BXIA (kurz für Bordeaux eXcellence Infrastructure & Acceleration) setzt das französische Infrastrukturunternehmen Graneet gemeinsam mit mehreren Energie- und Immobilienpartnern ein klares Zeichen: Europa will bei der nächsten Generation energieeffizienter und leistungsstarker Hyperscaler-Standorte mitmischen. Das Projekt verteilt sich über ein Areal von fast 90 Hektar im Gewerbegebiet Bordeaux-Technowest in Mérignac – nur etwa 15 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt.

BXIA ist so konzipiert, dass es in mehreren Ausbaustufen realisiert wird. Zum Start ist von drei Betriebsmodulen mit jeweils 50 bis 100 Megawatt IT-Leistung die Rede. Insgesamt sollen so bis zu 250 Megawatt Rechenleistung installiert werden können, unterstützt durch eine Stromversorgung mit einer Gesamtreservekapazität von 380 Megawatt. Zum Vergleich: Laut Eurostat lag die durchschnittliche Rechenzentrumsleistung in Frankreich im Jahr 2023 bei unter 25 Megawatt pro Standort – BXIA sprengt dieses Maß um ein Vielfaches.

380 Megawatt Strom: Wie die Versorgung sichergestellt werden soll

Ein derart energieintensives Projekt erfordert eine hochskalierbare Energieinfrastruktur – sowohl in Bezug auf Verfügbarkeit als auch in puncto Nachhaltigkeit. Die Energieversorgung soll über eine direkte Hochspannungsanbindung an das französische Übertragungsnetz RTE (Réseau de Transport d’Électricité) erfolgen, mit redundanter Absicherung durch zwei unabhängige Umspannwerke. Ergänzend plant das Betreiberkonsortium den Einsatz von lokal erzeugtem grünem Strom – insbesondere durch Photovoltaik-Freiflächenanlagen sowie langfristige Power Purchase Agreements (PPAs) mit französischen Windkraft- und Solaranlagenbetreibern.

Ein weiterer technischer Schlüssel ist das Konzept der sogenannten „zonenbasierten Energiepools“ – ein Modell, das es erlaubt, überregionale Flexibilitäten im Strommarkt zu nutzen, ohne lokale Netze zu überlasten. Dieses Modell wurde zuletzt von der französischen Energieregulierungsbehörde CRE als innovativer Ansatz für energiestabile, großskalige Campus-Infrastrukturen anerkannt (Quelle: CRE Positionspapier 2024).

Mit Blick auf Nachhaltigkeit betont Graneet außerdem, dass die gesamte Energieinfrastruktur modular aufgebaut wird. So ist z. B. ein Wärmerückgewinnungssystem geplant, das überschüssige Prozesswärme aus den Serveranlagen in ein lokales Fernwärmenetz einspeisen soll – vergleichbar mit dem kürzlich realisierten Projekt von Equinix in Paris. Damit adressiert BXIA auch die zunehmend kritische Frage des CO₂-Fußabdrucks in der Cloud-Branche.

Strategische Lage: Warum ausgerechnet Bordeaux?

Frankreich hat sich in den letzten Jahren als einer der wachstumsstärksten Rechenzentrumsstandorte Europas etabliert. Laut CBRE MarketView (Q3/2025) wächst der französische Colocation-Markt aktuell mit 14,2 % jährlich – getrieben durch nationale Cloud-Initiativen, geopolitische Standortvorteile und günstige Strompreise im EU-Vergleich. Mit Bordeaux rückt nun ein Standort in den Fokus, der bislang eher für Wein und Luftfahrtindustrie bekannt war.

Doch die Entscheidung für Bordeaux ist keineswegs zufällig: Die Nähe zur transatlantischen Glasfaserverkabelung (insbesondere dem Amitié-Kabel, das Bordeaux direkt mit den USA verbindet), die industrielle Erfahrung in der Luftfahrttechnik – viele der dort ansässigen Betriebe planen Cloud-Migrationen – sowie die vorhandene Infrastruktur am Flughafen Mérignac machen die Region strategisch attraktiv. Hinzu kommt die politische Unterstützung: Die regionale Wirtschaftsförderung Nouvelle-Aquitaine hat für das Projekt sowohl Flächensicherung als auch steuerliche Investitionsanreize zugesagt.

Ein weiteres Argument: Klimatische Stabilität. Bordeaux bietet mit durchschnittlichen Jahrestemperaturen und niedrigen Naturkatastrophenrisiken ideale Bedingungen für den energieeffizienten Betrieb großer Serverfarmen ohne exzessive Kühlkosten.

Ein neues Glied in Europas digitaler Wertschöpfungskette

Mit einer geplanten IT-Last von 250 Megawatt zählt BXIA zu den größten europäischen Rechenzentrumscampi in Entwicklung. Zum Vergleich: Frankfurt als führender Standort in der EU hatte laut German Data Center Association im Jahr 2025 eine kombinierte Campus-Leistung von rund 560 Megawatt – jedoch verteilt auf über ein Dutzend Betreiber. BXIA hingegen ist ein integrierter Industriestandort, ausgelegt für Hyperscaler und AI-Workloads unter einem strukturierten Entwicklungshorizont.

Genau das macht das Projekt so relevant für internationale Cloudanbieter auf der Suche nach europäischer Expansion: eine skalierbare, regulierungskonforme Infrastruktur jenseits enger Flächenrestriktionen wie etwa im Großraum Paris oder Frankfurt. Auch in puncto rechtliche Absicherung und Datenschutz bietet Frankreich mit dem Souveränitätsrahmen GAIA-X und nationalen Cloud-Initiativen wie „Numérique Responsable“ ein günstiges Klima.

Mit der Integration von direkter Glasfaseranbindung an DE-CIX Marseille und Equinix Fabric wird BXIA auch netzwerktechnisch zu einem Knotenpunkt europäischer Rechenzentrumsvernetzung.

Regionale Auswirkungen und Herausforderungen

Der wirtschaftliche Hebeleffekt eines solchen Großprojekts ist erheblich. Laut Schätzungen der französischen Wirtschaftsplattform BPI France entstehen durch den Bau und Betrieb von BXIA rund 1.500 direkte Arbeitsplätze bis 2029 – von IT-Ingenieuren über Sicherheitsdienste bis hin zu Gebäudetechnikern. Rechnet man indirekte Effekte (Zulieferer, Wartung, Gastronomie) hinzu, sprechen Experten von über 3.000 Beschäftigungsmöglichkeiten in der Region.

Gleichzeitig ist der Campus eine Herausforderung für die kommunale Infrastruktur. Die Städte Mérignac und Bordeaux arbeiten bereits an Maßnahmen zum Öffentlichen Nahverkehr, um den erwarteten Pendlerstrom zu bewältigen. Auch der Strombedarf der Region wird sich laut Netzbetreiber Enedis in den nächsten zehn Jahren um über 40 % erhöhen – ein Teil davon direkt durch BXIA.

Ein weiterer kritischer Punkt ist das Wasser. Auch wenn BXIA mit indirekter Verdunstungskühlung und geschlossenen Kreisläufen arbeitet, bleibt der Wasserverbrauch relevant. Eine von der Umweltbehörde DREAL Nouvelle-Aquitaine geforderte Umweltverträglichkeitsstudie wird derzeit geprüft. Positive Beispiele im Bereich „Rechenzentrum & Wasserrecycling“ wie bei Interxion Marseille sollen als Vorbild dienen.

Drei praktische Empfehlungen für Betreiber, Planer und Stakeholder

  • Frühzeitige Netzintegration planen: Energieversorger und Campusplaner sollten frühzeitig in den Dialog treten, um Hochspannungsanbindungen und Netzrückwirkungen sauber zu definieren. Das minimiert spätere Genehmigungsrisiken.
  • Multi-Use-Wärmekonzept integrieren: Betreiber sollten von Anfang an ein Wärmenutzungskonzept einplanen – etwa durch Einspeisung in kommunale Fernwärmenetze oder industrielle Nutzung – um CO₂-Effizienz und regulatorische Akzeptanz zu steigern.
  • Fachkräftebindung regional vorantreiben: Durch Kooperationen mit Hochschulen in der Region (z.B. Université de Bordeaux) können gezielt Aus- und Weiterbildungsprogramme in IT, Facility Management und Energieeffizienz etabliert werden.

Fazit: Europas Antwort auf Hyperscaler-Bedarf made in Bordeaux

Mit BXIA entsteht in Bordeaux nicht nur ein zahlenmäßig beeindruckender Rechenzentrumscampus – es ist ein strategischer Baustein für Europas digitale Souveränität. Die Kombination aus hoher Energieverfügbarkeit, lokaler Nachhaltigkeit, regulatorischer Klarheit und Standortmotivation macht das Projekt zu einem europäischen Hoffnungsträger. Besonders für KI-Hubs, Cloud-Native-Unternehmen und staatliche Plattformanbieter bietet BXIA eine vielversprechende Infrastrukturvision.

Wer zukunftsgerichtete IT-Infrastrukturen mit europäischem Regelrahmen und ökologischen Standards sucht, sollte BXIA aufmerksam verfolgen. Diskutieren Sie mit uns: Welche Rolle sollten regionale Megacamps in einer dezentralen Cloud-Zukunft übernehmen? Schreiben Sie Ihre Meinung in die Kommentare und teilen Sie den Artikel mit Ihren Netzwerken!

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