Mit dem Digitalcampus in Lübbenau will die Schwarz Gruppe unter der IT-Tochter Schwarz Digits ein europaweit einzigartiges Rechen- und Innovationszentrum errichten. Doch das 11-Milliarden-Euro Großprojekt stößt nicht nur auf technologische Begeisterung, sondern auch auf wachsende Bedenken – insbesondere aus dem Mittelstand und der lokalen Unternehmerschaft der Lausitz.
Ein Jahrhundertprojekt – mit Schattenseiten?
Die Pläne sind gigantisch: Auf über 150 Hektar soll in den kommenden Jahren eines der größten Cloud- und Rechenzentrums-Ökosysteme Europas entstehen. Schwarz Digits, bisher IT-Partner innerhalb der Schwarz Gruppe (u. a. Lidl, Kaufland), will hier nicht nur die IT-Infrastruktur für Konzerntöchter konsolidieren, sondern auch externe Cloud-Dienstleistungen unter der Marke STACKIT weiter ausbauen.
Bereits im September 2025 haben erste Bauarbeiten begonnen, der Projektzeitraum wird mit über zehn Jahren veranschlagt. Schwarz selbst spricht vom „Motor der digitalen Souveränität Europas“. Doch während Land Brandenburg, Bund und Industrie in Erfolgsdimensionen denken, regt sich auf lokaler Ebene zunehmend Kritik. Zentrum dieser Debatte: die Vergabepolitik, offene Gewerke und die Integrationsmöglichkeiten der regionalen Wirtschaft.
Vergabe reicht oft an Region vorbei
Branchenverbände wie der BVMW Lausitz und Vertreter lokaler Handwerkskammern beklagen, dass viele wesentliche Aufträge an Großunternehmen außerhalb der Region vergeben wurden – teilweise bereits in der Frühphase des Projekts.
So wurde etwa die Gesamtarchitektur an ein Konsortium europäischer IT-Großplaner übergeben, während sieben von neun definierten Großlosen bereits vorab an deutschlandweit agierende Baukonzerne wie Züblin und Goldbeck gegangen sind. Für kleine und mittelständische Betriebe rund um Lübbenau, Cottbus und Senftenberg bleibt oft nur das Subunternehmertum – ohne entscheidenden Einfluss und oft ohne langfristige Perspektive.
Laut einer Mitgliederumfrage des Lausitzer Unternehmensnetzwerks „WI-LA“ unter rund 90 Betrieben (Veröffentlichung: Oktober 2025) beklagen 72 % der lokalen Mittelständler mangelnde Transparenz bei Ausschreibungen und unzureichende Informationspolitik. Lediglich 16 % hatten überhaupt Kenntnis von offenen Gewerken, 9 % erhielten Einladungen zur Angebotsabgabe.
Strukturelle Hürden für kleine Anbieter
Hinter der ungleichen Verteilung stehen strukturelle Realitäten: Komplexität und Sicherheitsanforderungen solcher IT-Infrastrukturprojekte übersteigen oft die Kapazitäten mittelständischer Betriebe. Besonders in Bereichen wie Klimatisierung, Notstrom, Cybersicherheit oder 24/7-Betriebsüberwachung setzen Großprojekte auf spezialisierte Anbieter mit DIN-EN-ISA/IEC-Zertifizierungen, eigenem Servicebetrieb und internationaler Erfahrung.
„Das ist kein böser Wille, sondern ein systemisches Problem“, sagt Dr. Katja Vogel, Professorin für Infrastrukturentwicklung an der HTW Berlin. „Ein mittelständischer Elektrobetrieb mit zwölf Mitarbeitern ist objektiv überfordert mit Gebäudetechnik-Automation auf TIA-Portal-Basis im Rechenzentrumsmaßstab.“ Dennoch müsse es gelingen, durch modulare Auftragsvergabe und gezielte Mittelstandsintegration eine Balance zu schaffen.
Technologische Souveränität versus lokale Teilhabe
Der Schwarz Digits Campus soll keinen klassischen Hyperscaler darstellen, sondern dem Prinzip der digitalen Souveränität folgen – vollständig in Deutschland gehostete IT-Infrastruktur unter dem Datenschutz- und Sicherheitsrahmen der EU. STACKIT positioniert sich dabei als Alternative zu AWS, Azure oder GCP – insbesondere für den Public Sector und für Unternehmen mit strengen Compliance-Vorgaben.
Doch für viele lokale Betriebe scheinen die Argumente der makroökonomischen Unabhängigkeit wenig greifbar. Sie fragen: Wer profitiert konkret – außer Schwarz und dem internationalen Datenverkehr?
Hinzu kommt: Rechenzentren gelten laut aktuellen Erhebungen des Umweltbundesamts (2025) als Treiber des Energieverbrauchs. Allein deutsche Rechenzentren verbrauchten 2024 rund 18,8 TWh Strom – Tendenz steigend – was beinahe dem Gesamtverbrauch von Berlin entspricht.
Der Schwarz-Campus soll weitgehend mit Ökostrom betrieben werden. Eine eigene 78-Megawatt-Photovoltaikanlage sowie langfristige Power Purchase Agreements (PPAs) mit Windparkbetreibern in Brandenburg sind hierfür geplant. Dennoch sei auch hier bislang unklar, ob lokale Stadtwerke eingebunden oder private Anbieter aus Westdeutschland bevorzugt werden.
Beispielhafte Ansätze – aber noch viel Luft nach oben
Einige Ansätze gibt es: So wurde ein „Koordinierungsbüro Mittelstand“ eingerichtet, das Unternehmen aus der Region über Teilgewerke und Anforderungen informiert. Schwarz Digits führte im Herbst 2025 zwei Netzwerkveranstaltungen mit Vertretern aus Wirtschaft und Politik in Lübbenau durch. Zudem soll 2026 ein digitaler Ausschreibungsmarktplatz entstehen, der teilautomatisiert lokale Angebote aktiv einbezieht.
Doch viele dieser Initiativen sind bislang unkonkret oder nicht umgesetzt. Ein Beispiel: Die versprochene Beteiligung regionaler Firmen am Tiefbau für Leitungsinfrastruktur wurde bisher nicht wie angekündigt realisiert – die betroffenen Lose gingen letztlich doch an bundesweit tätige Generalunternehmer.
Zur tatsächlichen Wertschöpfung in der Region gibt es bislang keine belastbaren Zahlen. Wirtschaftsminister Jörg Steinbach kündigte im Dezember 2025 eine Evaluationsstudie für Anfang 2026 an, in der Kriterien wie mittelständische Beteiligung, Ausbildungsplätze und regionale Lieferketten nachvollziehbar dokumentiert werden sollen.
Handlungsempfehlungen für Großprojekte mit Mittelstandskomponente
- Transparente Ausschreibungsportale etablieren: Zentrale Plattformen, auf denen alle Gewerke, Lose und Anforderungen frühzeitig veröffentlicht werden, stärken den Zugang mittelständischer Anbieter.
- Cluster- und Losbündelung planen: Durch kleinteiligere Vergabeeinheiten können auch Betriebe mit begrenzten Kapazitäten realistisch beauftragt werden.
- Partnerschaftsmodelle fördern: Arbeitsgemeinschaften zwischen Großfirmen und lokalen Subunternehmern müssen vertraglich abgesichert und in der Bewertung bevorzugt werden. Steuerliche Anreize könnten unterstützen.
Verantwortung nicht nur gegenüber dem Markt
Die Herausforderung bleibt: Wie findet man einen fairen Weg zwischen global-operativer Projektgröße, technologischer Exzellenz und regionalökonomischer Verantwortung? Die „greenfield“-Dimension solcher Campusprojekte – viele Entscheidungen werden neu und parallel getroffen – macht Planung und Stakeholdermanagement komplex.
Internationale Großunternehmen wie Hyperscaler Microsoft oder Google wurden oft für mangelnde lokale Integration bei ihren Rechenzentrumsbauten kritisiert. Schwarz Digits kann sich hier differenzieren – und hat dazu auch die moralische Verpflichtung. Das Projekt liegt in einer Region, die im Strukturwandel steht. Vertrauen entsteht nur durch überprüfbare Partizipation, nicht durch PR-Events.
Richtig umgesetzt, kann der Campus ein Leuchtturm für Mittelstandskooperation werden. Falsch gesteuert, bleibt er technologische Insel – glänzend im Kern, aber mit wenig Anker in der Mitte der Gesellschaft.
Fazit: Digitalisierung braucht Verankerung
Der Schwarz Digits Campus steht exemplarisch für die neue Generation digital-industrieller Großprojekte: ökologisch ambitioniert, technologisch fortschrittlich, aber sozial und wirtschaftlich noch nicht eingelöst. Umso wichtiger ist es, Integration ernst zu nehmen – nicht als Imagefaktor, sondern als Teil echter Digitalverantwortung.
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