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Unabhängigkeit von US-Cloud-Diensten: Ein Schritt-für-Schritt-Leitfaden

Ein warm beleuchtetes, modernes Büro mit einem internationalen Team, das in entspannter Atmosphäre an Laptops arbeitet und gemeinsam an einer großen, transparenten Glaswand strategische Cloud-Infrastrukturpläne skizziert, während Sonnenlicht durch große Fenster fällt und lebendige Pflanzen für natürliche Frische sorgen.

Datensouveränität, regulatorische Sicherheit und technologische Autonomie – mehr denn je streben europäische Unternehmen danach, sich von der Abhängigkeit von US-amerikanischen Cloud-Giganten zu lösen. Doch wie gelingt der Ausstieg aus AWS, Azure & Co. ohne Kompromisse bei Performance, Skalierbarkeit und Sicherheit? Unser Leitfaden liefert einen fundierten, praxisnahen Wegweiser.

Warum viele Unternehmen über einen Cloud-Ausstieg aus den USA nachdenken

Die Diskussion um digitale Souveränität in Europa erhält seit Jahren Auftrieb – befeuert durch den NSA-Skandal 2013, die Aufhebung des „Privacy Shield“-Abkommens 2020 durch den Europäischen Gerichtshof (EuGH) und zuletzt durch die Diskussionen rund um den CLOUD Act und seine extraterritorialen Zugriffsrechte. Europäische Unternehmen stehen zunehmend vor der Herausforderung, personenbezogene Daten DSGVO-konform zu verarbeiten. US-Anbieter geraten dabei ins Visier – oft trotz Zertifizierungen und EU-relevanter Infrastrukturstandorte.

Ein prominentes Beispiel kommt vom niederländischen Software-Architekten Martijn Hols, der für den niederländischen Hosting-Provider Greenhost 2022 einen vollständigen Migrationsprozess von US-Cloud-Strukturen zu europäischen Alternativen dokumentiert hat. Seine Motivation: die Kontrolle über Daten und Infrastruktur vollständig zurückzugewinnen – ohne dabei auf moderne DevOps-Praktiken, hohe Verfügbarkeit oder Containertechnologien zu verzichten.

Laut einer IDC-Studie aus dem Jahr 2024 geben 62 % der europäischen IT-Entscheider an, dass regulatorische Anforderungen wie die DSGVO ihren Cloud-Mix direkt beeinflussen (Quelle: IDC Europe Cloud Pulse Survey Q4/2024).

Die Risiken der Abhängigkeit von US-Anbietern

Die Bedenken vieler Unternehmen lassen sich in drei zentrale Risikokategorien unterteilen:

  • Rechtlicher Druck: Der CLOUD Act zwingt US-Unternehmen, unter bestimmten Voraussetzungen Daten offenzulegen – selbst wenn sie physisch in der EU liegen.
  • Technologische Abhängigkeit: Proprietäre APIs, geschlossene Ökosysteme und fehlende Interoperabilität erschweren einen Anbieterwechsel und fördern Vendor-Lock-ins.
  • Wirtschaftliche Unsicherheit: Politische Spannungen oder neue Exportrestriktionen könnten in Extremszenarien Cloud-Dienste für europäische Firmen einschränken.

Hinzu kommt: Die größte Cloud-Marktmacht konzentriert sich auf wenige Akteure – laut Synergy Research Group hielten AWS, Microsoft Azure und Google Cloud gemeinsam einen globalen Marktanteil von 66 % im ersten Quartal 2025 (Quelle: Synergy Research Group, Q1/2025 Cloud Market Share Report).

Europäische Alternativen: Was ist möglich – und was (noch) nicht?

Martijn Hols führt in seinem Erfahrungsbericht drei essenzielle Auswahlkriterien für EU-basierte Lösungen auf: vollständige europäische Rechtskontrolle, API-Kompatibilität zu marktüblichen Standards und dokumentierte Unterstützung für Open-Source-Technologien.

Hier einige Anbieter, die regelmäßig im Fokus stehen:

  • Hetzner (Deutschland): Kosteneffizientes Bare-Metal- und Cloud-Hosting mit DSGVO-konformer Infrastruktur.
  • Scaleway (Frankreich): Public-Cloud-Angebote mit Kubernetes, S3-kompatiblem Object Storage und Multi-AZ-Verfügbarkeit.
  • Clever Cloud (Frankreich): PaaS-Anbieter mit Fokus auf Continuous Deployment und DevOps-Tools.
  • StackIT (Deutschland): Cloud-Initiative der Schwarz-Gruppe (u. a. Lidl), die sich DSGVO-Sicherheit auf die Fahne schreibt.
  • Gridscale (Deutschland): IaaS- und PaaS-Dienste für KMU mit Fokus auf Self-Service und deutscher Rechtslage.

Größere Projekte wie Gaia-X oder die European Alliance on Industrial Data, Edge and Cloud sollen langfristig föderierte Cloud-Infrastrukturen etablieren – trotz bisher langsamer Fortschritte ein Hoffnungsschimmer für die Branche.

Technische Migration: Strategien und Umsetzungsmodelle

Wer den Wechsel vorbereitet, muss wissen: Technologischer Wechsel ist kein binärer Prozess, sondern ein iterativer Weg. Hols empfiehlt ein schrittweises Vorgehen in überschaubaren Migrationsblöcken.

Dabei bewährt sich folgendes Migrationsprinzip:

  • 1. Inventory & Klassifizierung: Alle eingesetzten Cloud-Services systematisch erfassen. SaaS, PaaS, IaaS klar voneinander trennen. Abhängigkeiten analysieren.
  • 2. Technische Mappings: AWS Lambda durch OpenFaaS oder Knative ersetzen. S3-Buckets exportieren und auf min.io, Wasabi oder Scaleway Object Storage umstellen. IAM-Rollen migrieren zu OpenID/OAuth2-basierten Identity Providern.
  • 3. Build- & CI/CD-Systeme: Code-Pipelines und CI-Server wie AWS CodePipeline oder GitHub Actions auf GitLab CI, Drone CI oder Jenkins umstellen. Infrastruktur via Terraform abstrahieren und cloudneutral gestalten.
  • 4. Monitoring & Observability: Stackdriver- bzw. CloudWatch-Äquivalente wie Prometheus, Grafana, Zabbix oder Elastic einsetzen.

Wichtig ist: Jeder technologische Schritt muss auch von einem organisatorischen Wandel begleitet werden. Oft müssen Teams umgeschult und Prozesse refaktorisiert werden – „Cloud Independence“ ist auch eine kulturelle Transformation.

Rechtliche Sicherheit: DSGVO, Schrems II & Cloud-Verträge

Die EuGH-Entscheidung Schrems II (C-311/18) aus dem Jahr 2020 hat unterstrichen: Der Transfer personenbezogener Daten in Drittländer – inklusive USA – ist nur noch unter strengen Voraussetzungen erlaubt. Dies betrifft nicht nur Endkunden-Webplattformen, sondern auch B2B-Infrastrukturen einschließlich Monitoring, Backup, API-Gateways und Logging.

IT-Verantwortliche und C-Level-Führungskräfte sollten daher auf folgende Kriterien achten:

  • Sitz und Gerichtsstand: Anbieter sollten sich innerhalb Europas befinden – idealerweise innerhalb der EU oder des EWR.
  • Data Processing Agreements (DPA): Müssen explizit und DSGVO-konform formuliert sein.
  • Technische Maßnahmen: Verschlüsselung, Anonymisierung und Pseudonymisierung sollten verpflichtender Bestandteil der Datenverarbeitung sein – sowohl „at rest“ als auch „in transit“.

Ein weiterer rechtlicher Vorteil europäischer Anbieter: Sie unterliegen keiner US-Gesetzgebung mit extraterritorialen Zugriffspflichten. Trotzdem empfiehlt es sich, juristische Beratung für Vertragsprüfung und Compliance-Maßnahmen einzuholen.

So gelingt der Weg zur Cloud-Souveränität – Handlungsempfehlungen

  • Ein internes Zielbild für digitale Souveränität entwickeln: Machen Sie klar, welche Unternehmenswerte und strategischen Ziele Ihrer Cloud-Strategie zugrunde liegen. Nur wer sein Warum kennt, versteht auch das Wie.
  • Vendor- und Technologieabhängigkeiten frühzeitig sichtbar machen: Starten Sie mit einem Cloud-Audit – analysieren Sie eingesetzte Dienste, APIs, Datenströme und Dependency Chains. Tools wie CloudMapper oder OpenCost können Einblicke liefern.
  • Proof-of-Concept mit EU-Cloud-Anbieter realisieren: Führen Sie erste Migrationen nicht im Big Bang-Modell durch, sondern als pilotierte Proofs – mit klaren Metriken, Fallback-Strategien und dokumentierten Lessons Learned.

Resümee: Zwischen Pragmatismus und Prinzipien

Der Abschied von US-Cloud-Anbietern ist kein Selbstzweck, sondern Teil einer größeren Bewegung hin zu digitaler Resilienz, regulatorischer Compliance und europäischer Innovationskraft. Er will gut geplant, technologisch abgesichert und rechtlich untermauert sein. Aber: Wer sich einmal auf den Weg gemacht hat, kann neue Freiheitsgrade erschließen – von Open-Source-Stacks über flexibel verhandelbare SLAs bis hin zur echten Kontrolle über seine Daten.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Nicht-US-Cloudlösungen gemacht? Nutzen Sie europäische Alternativen oder planen den Umstieg? Tauschen Sie sich mit der Community aus – im Kommentarbereich oder auf unseren Fachforen.

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