Zwischen regulatorischem Aufbruch und geopolitischen Spannungen rückt das Thema Datensouveränität immer stärker ins Zentrum europäischer Digitalstrategien. Getrieben vom Wunsch nach technologischer Unabhängigkeit und strengeren Datenschutzanforderungen, entstehen neue Infrastrukturen – aber auch neue Herausforderungen. Was bedeutet die Entkopplung von US-Cloud-Diensten wirklich für Europas digitale Zukunft?
Europas digitale Selbstbehauptung: Die Geschichte der Datensouveränität
Der Begriff der Datensouveränität umfasst das politische, regulatorische und technische Bestreben, als souveräner Akteur die Kontrolle über Datenverarbeitung und -speicherung im eigenen Rechtsraum zu behalten. Vor allem in Europa entstand diese Haltung als Reaktion auf Enthüllungen über Massenüberwachung (Stichwort: PRISM, 2013) sowie die systemische Abhängigkeit vieler digitaler Kernprozesse von US-amerikanischen Cloud-Diensten wie Amazon Web Services (AWS), Microsoft Azure und Google Cloud.
Mit der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), in Kraft seit 2018, setzte die EU ein weltweit beachtetes Zeichen für den Schutz personenbezogener Daten. Doch regulatorische Rahmenwerke allein garantieren keine digitale Autonomie. Entscheidend ist die Infrastruktur: Wo werden Daten verarbeitet? Wer hat Zugriff? Welche technischen und wirtschaftlichen Alternativen bestehen?
Entkopplung von US-Clouds – ein wachsender Trend
In den vergangenen Jahren zeigte sich ein wachsender Trend europäischer Unternehmen und Behörden, Cloud-Dienste aus Europa oder mit explizitem Datenschutzfokus zu bevorzugen. Eine Umfrage des Bitkom aus dem Jahr 2024 belegt: 61 % der befragten deutschen Unternehmen geben an, bei Cloud-Projekten auf europäische Anbieter oder datensouveräne Lösungen zu setzen (Quelle: Bitkom Cloud Monitor 2024).
Vor allem im öffentlichen Sektor und in sicherheitskritischen Branchen erhöht sich der Druck, sensible Daten in souveränen Umgebungen zu verwalten. Die Angst vor Zugriffsmöglichkeiten durch US-Behörden über den CLOUD Act (2018) oder den Foreign Intelligence Surveillance Act (FISA) treibt viele IT-Entscheider*innen dazu, sich nach europäisch kontrollierten Alternativen umzusehen.
Großprojekte wie GAIA-X – eine 2020 gestartete, europäische Initiative zur Entwicklung einer vertrauenswürdigen Dateninfrastruktur – manifestieren den politischen Willen zur digitalen Eigenständigkeit. Auch länderspezifische Programme wie „Souveräner IT-Arbeitsplatz“ (Deutschland) oder „Cloud de Confiance“ (Frankreich) verdeutlichen diesen Kurs.
Europäische Cloud-Anbieter im Aufwind
Die Zahl und Relevanz europäischer Cloud-Provider wächst. Unternehmen wie OVHcloud (Frankreich), Deutsche Telekom (mit ihrer Tochter T-Systems) oder Scaleway profilieren sich mit datenschutzkonformen Angeboten. Diese Anbieter versprechen Compliance mit DSGVO, Auditierbarkeit, Transparenz und technologische Offenheit.
Ein besonders ambitionierter Player ist die pan-europäische Plattform Structura-X, ein Ableger von GAIA-X, in dem über 20 europäische Provider zusammenarbeiten. Ziel ist es, zertifizierte souveräne Cloud-Angebote bereitzustellen, die Interoperabilität und Portabilität garantieren. Ein offener API-Standard und einheitliche Zertifizierungsrahmen sollen europäische Datennutzung vereinfachen – bei voller Souveränität.
Doch trotz positiver Entwicklungen bleibt der Weg steinig. Laut einer IDC-Studie aus dem Jahr 2025 besitzen europäische Cloud-Anbieter bisher nur rund 23 % Marktanteil in der EU, während US-Unternehmen fast 68 % halten (Quelle: IDC Cloud Pulse Q4/2025). Es herrscht also wirtschaftlicher und technologischer Aufholbedarf.
Technologische und wirtschaftliche Herausforderungen
Eine souveräne Dateninfrastruktur muss mehr leisten als geographisch korrekte Serverstandorte. Sie erfordert durchgängige Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, robuste Authentifizierung, transparente Metadatenverarbeitung und Interoperabilität über Domains hinweg. Der Aufbau eines solchen Ökosystems bringt immense technische und regulatorische Komplexität mit sich.
Hinzu kommt das schwierige Preis-Leistungs-Verhältnis. US-Dienstleister glänzen mit globaler Skalierbarkeit und einem breiten Ökosystem aus Tools, APIs und Partnerdiensten. Europäische Anbieter hingegen können oft nicht mit dem Innovations- und Investitionsvolumen mithalten. Auch der Fachkräftemangel – insbesondere bei Cloud Native-Entwicklung, DevOps und Security – behindert den Aufbau souveräner Angebote.
Der Telco-Sektor könnte dabei eine Schlüsselrolle spielen: Konzerne wie Telefónica, Orange und Deutsche Telekom verfügen über Infrastruktur, Edge-Standorte und Netzwerke mit großer Reichweite. In der Praxis fehlt jedoch oft eine einheitlich orchestrierte Strategie zur gemeinsamen Cloud-Governance.
Regulatorische Hebel und politische Strategien
Die Europäische Kommission hat reagiert. Mit dem European Data Governance Act (seit 2025 in Anwendung) und dem Data Act (voraussichtlich ab 2026 vollumfänglich wirksam) werden neue Rahmenbedingungen zur datenübergreifenden Nutzung und Kontrolle geschaffen. Ziel ist es, einen fairen Datenmarkt mit klar definierten Verantwortungslinien, Interoperabilität und Nutzerrechten zu etablieren.
Besonders wichtig: Datenverarbeiter dürfen Daten nicht ohne Einwilligung in Drittländer überführen. Bei Verstößen drohen empfindliche Sanktionen. Auch das öffentliche Beschaffungswesen wird zunehmend auf Datenschutz- und Herkunftskriterien sensibilisiert, was europäischen Anbietern Wettbewerbsvorteile verschaffen kann.
Allerdings bleibt die kritische Frage, wie sich Innovationsförderung, Datenschutz und Wettbewerbsfähigkeit ausgewogen kombinieren lassen. Kritiker warnen vor einem „Digitalprotektionismus“, der Europa von globalen Entwicklungen abschneiden könnte.
Praxisbeispiele: Souveränität in Aktion
Was bedeutet Datensouveränität konkret? Hier einige Beispiele:
- Die nationale Gesundheitsplattform Frankreichs – Health Data Hub – wurde ursprünglich auf Microsoft Azure aufgebaut. Nach breiter Kritik entschied sich die Regierung 2023 für eine Migration hin zu souveräner Infrastruktur mit OVHcloud und Scaleway.
- Das deutsche Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) setzt bei internen Cloud-Szenarien ausschließlich auf datensouveräne Infrastrukturen, betrieben durch Rechenzentren in Deutschland mit staatlicher Zertifizierung.
- Das Smart-City-Projekt „UrbanPulse“ in Barcelona nutzt ein föderiertes Datenmodell auf europäischer Edge-Infrastruktur, um Datenanalyse lokal und DSGVO-konform zu ermöglichen.
Handlungsempfehlungen für Unternehmen
- Cloud-Strategie überarbeiten: Prüfen Sie bestehende Abhängigkeiten zu außereuropäischen Anbietern. Definieren Sie Souveränität als Kriterium bei Neuvergaben.
- Interne IT-Kompetenzen ausbauen: Schulen Sie Ihre Teams in souveräner Infrastrukturarchitektur, Open Source-Tools und datenzentrierten Sicherheitskonzepten.
- Souveränitäts-Assessment durchführen: Entwickeln Sie Kontrollmechanismen zur Sicherstellung, dass Daten nur unter europäischer Gerichtsbarkeit verarbeitet werden.
Fazit: Europas digitale Zukunft durch Gestaltungswillen sichern
Die Diskussion um Datensouveränität ist nicht bloß technisch oder juristisch – sie ist ein Ausdruck digitalpolitischer Reife und strategischer Selbstbestimmung. Die kommenden Jahre werden entscheiden, ob Europa eine digitale Infrastruktur erschaffen kann, die innovativ, tragfähig und zugleich wertebasiert ist.
Die Herausforderungen sind vielfältig: fehlende Marktanteile, technische Rückstände und politische Reibung. Doch mit Initiativen wie GAIA-X, fortschreitenden Gesetzgebungen und wachsendem öffentlichen Bewusstsein nimmt Europa Kurs auf mehr digitale Souveränität.
Jetzt ist der Zeitpunkt für Unternehmen und Institutionen, sich aktiv einzubringen – sei es durch Technologieinvestitionen, Partnerschaften oder politische Debatten. Welche Rolle möchten Sie in der datensouveränen Zukunft Europas spielen?




