Modernes Webdesign ist mehr als nur Ästhetik – es geht um Empathie. Wer heute digitale Produkte entwickelt, steht vor der Herausforderung, nicht nur schöne, sondern vor allem nutzerzentrierte Interfaces zu bauen. Hier setzt User Research an – doch wie gut ist diese Disziplin wirklich in bestehenden Designprozessen verankert?
Die Rolle von User Research im modernen Webdesign
User Research ist das methodisch fundierte Erforschen von Nutzerbedürfnissen, -erwartungen und -verhalten. Im Zentrum steht die systematische Untersuchung, wie Menschen digitale Produkte nutzen – mit dem Ziel, Designentscheidungen datenbasiert und empathisch zu treffen. Ob durch Interviews, Usability-Tests oder Analytics-Auswertungen: User Research liefert substanzielle Einblicke, die sich direkt auf die User Experience (UX) auswirken.
In einem zunehmend kompetitiven Markt entscheidet nicht selten die Qualität der UX über den Erfolg digitaler Services: Eine Studie von Forrester Research zeigt, dass jeder in UX investierte US-Dollar im Schnitt eine Rendite von 100 Dollar bringt (Forrester, 2016).
Warum User Research oft unterschätzt wird
Trotz seines strategischen Potenzials fristet User Research in vielen Unternehmen noch ein Schattendasein. Gründe dafür sind vielfältig: Begrenzte Budgets, enge Timelines oder eine historisch gewachsene Designkultur, die auf Annahmen statt auf Daten basiert. Viele Organisationen integrieren User Research erst spät oder gar nicht in den Workflow. Das Ergebnis sind Produkte, die an den tatsächlichen Bedürfnissen der Nutzer:innen vorbeientwickelt werden.
Eine Umfrage von User Interviews aus dem Jahr 2023 ergab, dass 47 % der befragten UX-Professionals angaben, Research werde in ihrem Unternehmen nicht als integraler Bestandteil des Designprozesses betrachtet (UserInterviews.com, 2023).
Von Silos zu Synergien: Kulturwandel im Team
Ein zentraler Hebel für bessere UX liegt in einer aufrichtigen Research-Kultur. UX Research darf keine isolierte Disziplin bleiben, sondern muss als natürlicher Bestandteil interdisziplinärer Kollaboration gesehen werden. Design, Entwicklung, Produktmanagement und Marketing ziehen idealerweise an einem Strang – und User Research liefert die gemeinsame Erkenntnisgrundlage.
Dafür muss sich jedoch auch die Unternehmenskultur verändern: Weg von einem projektgesteuerten hin zu einem lernorientierten Mindset. Teams sollten dazu befähigt sein, kontinuierlich zu testen, zu iterieren und zu lernen – ohne dass Research als reiner Validierungsschritt am Ende eines Prozesses missverstanden wird.
Typische Herausforderungen bei der Implementierung
Die Etablierung wirksamer User-Research-Praktiken scheitert häufig an fehlenden Ressourcen oder methodischer Unsicherheit. Viele kleinere Teams verfügen weder über ausgebildete UX Researcher noch über strukturelle Zugänge zu ihren Nutzer:innen. Hinzu kommt häufig ein Missverständnis über die Bedeutung qualitativer Daten: Während A/B-Tests oder Session Recordings beliebt sind, werden ethnografische Interviews oder Kontextanalysen oft vernachlässigt – obwohl gerade sie tiefere Einsichten ermöglichen.
Ein weiteres Hindernis: Stakeholder sehen Research-Aufwände oft als Zeitverlust – besonders in agilen Entwicklungsprozessen mit hoher Feature-Frequenz. Doch je früher Research eingesetzt wird, desto günstiger und wirkungsvoller ist er. Fehlentwicklungen im frühen Stadium zu vermeiden, spart langfristig Zeit, Geld und Glaubwürdigkeit.
Best Practices: So gelingt nachhaltiger User Research
Wer User Research erfolgreich in die Designpraxis integrieren will, sollte strategisch vorgehen – unabhängig von der Unternehmensgröße. Folgende Maßnahmen haben sich branchenweit bewährt:
- Early Involvement und Stakeholder Buy-in: Research muss bereits in der Konzeptionsphase beginnen. Zeigen Sie Entscheidern den ROI erfolgreicher UX, um interne Unterstützung zu gewinnen.
- Mixed Methods nutzen: Kombinieren Sie qualitative und quantitative Methoden, um valide und kontextreiche Erkenntnisse zu gewinnen. Z. B. Interviews + Analytics + Diary Studies = umfassender Blick.
- Research-Repository aufbauen: Zentralisieren und dokumentieren Sie alle Studien, Erkenntnisse und User-Zitate. Das fördert Knowledge-Sharing und kontinuierliches Lernen im Team.
Technologische Hilfsmittel und Tools
Moderne Research-Tools machen Methodeneinsatz heute leichter denn je. Plattformen wie Lookback, Dovetail oder Maze bieten eine nahtlose Integration qualitativer und quantitativer Formate. Analyse-Dashboards, tagbare Videoannotationen und automatisierte Transkriptionen senken die Einstiegshürde und tragen zur Skalierbarkeit von Research-Aktivitäten bei.
Außerdem wächst der Trend zu ResearchOps – der systematischen Organisation von Research-Prozessen. Ziel ist es, wiederverwendbare Strukturen zu schaffen, mit denen Teams effizienter und konsistenter arbeiten können. Besonders bei skalierenden Organisationen ist das ein entscheidender Vorteil.
Defizite identifizieren, Potentiale freilegen
Ein Blick auf aktuelle Praxis zeigt aber auch: Viele Research-Aktivitäten sind entweder punktuell oder opportunistisch – und selten strategisch verankert. Laut der Nielsen Norman Group (2023) betreiben nur 21 % der befragten Unternehmen kontinuierlichen Research als Teil eines systematischen UX-Prozesses. Der Rest greift auf Research „nach Bedarf“ oder zur Risikoabsicherung zurück.
Verbesserungspotenzial liegt insbesondere in der systematischen Priorisierung von Research-Zeit im Sprint-Planing, der Schulung interner Teams (insbesondere Designer:innen, die Research mittragen sollen) sowie in stärkerer Einbindung der gewonnenen Erkenntnisse in strategische Produktentscheidungen.
Fallbeispiel: Nutzerfokus bei GOV.UK
Ein gutes Praxisbeispiel liefert der digitale Relaunch des britischen Regierungsportals GOV.UK. Bereits während der Konzeptphase setzte das Government Digital Service (GDS) auf kontinuierliche User Research-Iterationen – mit wöchentlichen Usability-Tests und Nutzerinterviews. Das Ergebnis: Ein hochgradig benutzbares Portal, das kontinuierlich weiterentwickelt wird und international als UX-Vorbild gilt (Quelle: gov.uk, 2022).
Der Schlüssel lag laut GDS nicht in mehr Ressourcen, sondern in einer neuen Haltung: „Start with user needs, not government needs“ wurde zum Leitspruch – und stellte klassische Projektlogiken auf den Kopf.
Empfehlungen für den Einstieg oder Ausbau der Research-Praxis
Egal ob Start-up oder Konzern – der Aufbau einer effektiven User-Research-Kultur ist machbar. Beginnen Sie mit kleinen Schritten und bauen Sie systematisch Kompetenzen auf. Diese drei Empfehlungen helfen beim Einstieg:
- Low-Budget-Research etablieren: Nutzen Sie Remote-Interviews, Think-Aloud-Sessions mit internen Mitarbeiter:innen oder Kundenumfragen per E-Mail, um kostengünstig erste Daten zu sammeln.
- Design Sprints mit Usability-Tests kombinieren: Integrieren Sie Testphasen systematisch in agile Workflows – z. B. in der Validierungsphase eines Sprints.
- UX-Research-Guidelines entwickeln: Schaffen Sie interne Standards, an denen sich alle Projektbeteiligten orientieren können – von der Fragebogenerstellung bis zur Ergebnissynthese.
Fazit: Perspektiven für eine empathische Zukunft des Webdesigns
User Research ist kein „Nice to have“, sondern eine der stärksten Waffen gegen digitale Beliebigkeit. Wer Nutzer:innen versteht, kann relevante Erlebnisse gestalten – jenseits von Designtrends und Business-Hypothesen. Die Zukunft des Webdesigns gehört Teams, die zuhören, analysieren und daraus handlungsfähige Impulse generieren.
Wie sieht es in Ihrem Unternehmen aus? Teilen Sie Ihre Erfahrungen mit uns in den Kommentaren: Welche Methoden funktionieren, wo hakt es – und wie bauen Sie eine nachhaltige User-Research-Kultur auf?




