IT-Sicherheit & Datenschutz

Wie der Verzicht auf internationale Datentransfers die Wettbewerbsfähigkeit beeinflusst

Ein warm beleuchtetes, modernes Büro mit freundlichen Geschäftspersonen in angeregtem Gespräch vor großen Fenstern, die durch sanftes Tageslicht eine Atmosphäre von Offenheit und Zuversicht schaffen und so das Spannungsfeld zwischen datenschutzkonformer Innovation und globaler Wettbewerbsfähigkeit symbolisieren.

Wenn Unternehmen den grenzüberschreitenden Datenverkehr einschränken müssen, leidet oftmals mehr als nur die IT-Infrastruktur – es geht um Innovationskraft, Skalierbarkeit und globale Wettbewerbsfähigkeit. Eine aktuelle Bitkom-Studie zeigt, dass Datenschutzanforderungen zunehmend zum Bremsklotz für international agierende Firmen werden. Doch wie stark sind diese Einschränkungen wirklich – und wie können Unternehmen darauf reagieren?

Internationale Datentransfers unter Druck – ein globales Problem mit europäischem Zentrum

Mit dem Wegfall des Privacy Shield im Juli 2020 und der darauf geregelten Nachfolge „Data Privacy Framework“, das im Juli 2023 in Kraft trat, wurde erneut deutlich, wie fragil die rechtliche Basis für internationale Datentransfers ist. Obwohl das neue Framework vorübergehend Rechtssicherheit schafft, bleiben viele Unternehmen vorsichtig. Die Unsicherheit im Umgang mit Standardvertragsklauseln, ergänzenden Maßnahmen sowie der anhaltenden Überwachung durch Datenschutzbehörden führt häufig zum Verzicht auf internationale Datenübertragungen – insbesondere in datensensiblen Branchen wie HealthTech, Finanzen oder Industrie 4.0.

Laut einer Bitkom-Studie aus dem Jahr 2024 geben 65 Prozent der deutschen Unternehmen an, bei Auslandsdatenübertragungen inzwischen erhebliche Compliance-Hürden zu spüren, während 38 Prozent bereits aktiv darauf verzichten, bestimmte Daten außerhalb der EU zu verarbeiten. Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst betont in der Pressemitteilung zur Studie, dass „Unternehmen klare, belastbare und langfristige Regelungen für Datenflüsse benötigen, um international wettbewerbsfähig agieren zu können.“

Wettbewerbsnachteile für Unternehmen – real und messbar

Der Verzicht auf internationale Datentransfers bedeutet in vielen Fällen, auf bewährte und leistungsfähige Cloud-Dienste aus den USA oder Asien zu verzichten. Gerade in Bereichen wie Big Data Analytics, KI-Modelltraining oder globalem Kunden-Support entstehen dadurch operative Nachteile. Ein Beispiel: KI-gestützte CRM-Systeme benötigen oft Zugriff auf globale Nutzerdaten, um personalisierte Interaktionen zu ermöglichen – ohne rechtssicheren Datenfluss droht eine Rückstufung auf weniger intelligente Systeme.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen sind erheblich. Laut einer IDC-Analyse von 2025 berichten 71 Prozent der befragten EU-Unternehmen, dass eingeschränkte Datenmobilität signifikante Mehrkosten verursacht – etwa durch redundante Infrastruktur in verschiedenen Regionen oder durch ineffiziente Lokal-Hosting-Strategien. Darüber hinaus verlieren Unternehmen an Geschwindigkeit und Innovationsdruck, wenn sie etwa nicht mehr auf globale KI-Plattformen mit hoher Rechenleistung zugreifen können.

Besonders betroffen sind technologiegetriebene Mittelständler, die sonst durch technische Exzellenz auf dem Weltmarkt punkten. Ohne Zugriff auf modernste cloudbasierte Infrastrukturen geraten diese ins Hintertreffen gegenüber internationalen Wettbewerbern, die keine vergleichbaren Datenschutzanforderungen haben.

Rechtlicher Rahmen zwingt zur Datenlokalisierung – mit Folgen

Die europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) schützt personenbezogene Daten umfassend – nicht zuletzt vor Überwachungsmaßnahmen außerhalb der EU. Doch diese hohe Datenschutzqualität stellt Unternehmen auch vor enorme Hürden, wenn sie Datenübertragungen in Drittländer planen.

Seit dem Urteil „Schrems II“ durch den Europäischen Gerichtshof 2020 liegt die Verantwortung für „angemessenen Datenschutz“ bei den Unternehmen selbst. Dies zwingt viele dazu, datentechnisch autonom innerhalb des europäischen Raumes zu agieren. Zahlreiche Konzerne setzen daher auf „Data Residency“-Strategien, also das bewusste Hosten aller kritischen Daten in EU-Rechenzentren. Doch das kostet: Laut einer Capgemini-Studie aus 2024 steigen die durchschnittlichen IT-Betriebskosten durch EU-Datenlokalisierung um 18 Prozent – bei Unternehmen mit mehr als 5.000 Mitarbeitenden sogar um bis zu 30 Prozent.

Darüber hinaus sind viele EU-Rechenzentren nicht in der Lage, die gleiche Servicegüte oder Verfügbarkeiten wie AWS, Azure oder Google Cloud USA zu bieten – was die Skalierbarkeit einschränkt und Innovationen verlangsamt.

Tech-Strategien im Spannungsfeld zwischen Datenschutz und Innovation

Unternehmen stehen heute vor einem Dilemma: entweder Datenschutz maximal einhalten und dafür mit veralteten oder ineffizienten Lösungen leben – oder Innovation vorantreiben und sich juristisch angreifbar machen. Einige haben kreative Wege gefunden, diese Spannung zu entschärfen.

So setzen immer mehr Organisationen auf „Privacy-Enhancing Technologies“ (PETs). Methoden wie Homomorphe Verschlüsselung, Föderiertes Lernen oder Differential Privacy ermöglichen es, Daten datenschutzkonform zu analysieren, ohne sie im Klartext über Grenzen hinweg zu übertragen.

Inzwischen bieten auch große Cloud-Provider lokal zertifizierte EU-Umgebungen an. Microsofts „EU Data Boundary“ etwa verpflichtet sich, bis Ende 2025 alle Kundendaten von EU-Unternehmen ausschließlich im Raum der Europäischen Union zu verarbeiten und zu speichern – inklusive technischer, rechtlicher und organisatorischer Schutzmaßnahmen.

Dennoch ist Vorsicht geboten. Datenschutzbehörden kritisieren häufig, dass solche Zusicherungen ohne tatsächliche Souveränität des Datenverantwortlichen nur begrenzte Wirkung haben. Selbst bei zertifizierten EU-Angeboten bestehen oft Abhängigkeiten zu US-Konzernen – was unter Umständen Problemfelder im DSGVO-Kontext eröffnet.

Handlungsempfehlungen für Entscheiderinnen und Entscheider

Vor dem Hintergrund wachsender Anforderungen und gleichzeitigem Innovationsdruck sollten Unternehmen folgende Maßnahmen ergreifen:

  • Datentransfer-Inventar erstellen: Identifizieren Sie alle internationalen Datenflüsse und prüfen Sie deren Rechtsgrundlage gemäß DSGVO. Nutzen Sie dabei strukturierte Methoden wie das Transfer Impact Assessment (TIA).
  • Rechtskonforme Datenarchitektur etablieren: Implementieren Sie hybride Cloud-Lösungen mit klaren Kontrollpunkten innerhalb der EU. Beziehen Sie dabei auch datenschutzfreundliche Technologien wie Pseudonymisierung und PETs ein.
  • Regelmäßige Schulungen und Audits durchführen: Schulen Sie Fach- und Führungskräfte regelmäßig zu DSGVO-Entwicklungen und überprüfen Sie Datentransfers durch externe Audits, um potenzielle Risiken frühzeitig zu erkennen.

Europa braucht eigene Cloud-Perspektiven – und Mut zur Reform

Langfristig führt kein Weg an einer tiefergreifenden europäischen Digitalsouveränität vorbei. Initiativen wie GAIA-X oder die European Alliance for Industrial Data, Edge and Cloud zielen darauf ab, eigene Infrastrukturen für sensible Sektoren bereitzustellen. Doch der Fortschritt ist schleppend: Laut EU-Kommission verfügten bis 2025 lediglich 15 Prozent aller KMUs über zertifizierte Cloudlösungen aus EU-Hand – ein deutlich zu niedriger Wert, um global zu skalieren.

Auch das derzeitige Datenschutzrecht braucht eine gewisse Öffnung für risikoangemessene Transferszenarien. Experten wie Prof. Dr. Nikolaus Forgó fordern längst differenziertere Regelwerke, die zwischen hochsensiblen Daten (etwa im Gesundheitsbereich) und operativen Plattformdaten unterscheiden. Ein risikoadaptierter Ansatz könnte den Unternehmen etwas Luft verschaffen – ohne Datenschutzstandards zu senken.

Die gute Nachricht: Erste Signale aus Brüssel deuten auf Reformbereitschaft hin. Mit dem „Data Act“ und begleitenden Regelwerken wird 2026 eine Phase erwartet, die neue Spielräume für sektorale Datenübertragungen schaffen könnte, ohne Freiheitsrechte zu kompromittieren.

Der Verzicht auf internationale Datentransfers stellt europäische Unternehmen vor erhebliche Herausforderungen – technologisch, wirtschaftlich und juristisch. Doch zugleich öffnet sich ein Raum für datenschutzfreundliche Innovationen und neue Geschäftsmodelle. Um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben, braucht es jetzt kluge Strategien, Investitionen in europäische IT-Infrastrukturen und ein offenes politisches Klima für datengetriebene Reformen.

Was denken Sie: Setzt Europa beim Datenschutz auf das richtige Maß – oder verlieren wir unseren technologischen Vorsprung? Diskutieren Sie mit uns in den Kommentaren!

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