IT-Sicherheit & Datenschutz

zlib-Bibliothek: Kritische Schwachstelle ermöglicht Codeschmuggel

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Eine kritische Schwachstelle in der weltweit eingesetzten zlib-Komprimierungsbibliothek sorgt derzeit in der IT-Sicherheits-Community für Unruhe. Angreifer können durch einen speziellen Angriff auf das Dienstprogramm untgz raffiniert manipulierten Code einschleusen – mit potenziell gravierenden Folgen für unzählige Systeme und Anwendungen.

Was ist zlib und warum ist sie so relevant?

Die zlib ist eine quelloffene Softwarebibliothek zur Datenkompression, entwickelt von Jean-loup Gailly und Mark Adler. Seit ihrer Erstveröffentlichung im Jahr 1995 ist sie zu einem de-facto-Standard geworden und wird in Betriebssystemen, Webbrowsern (darunter Chrome und Firefox), Netzwerkanalysen, Datenbanken (wie MySQL) und unzähligen eingebetteten Systemen eingesetzt. Auch populäre Programmiersprachen wie Python, Java und C++ greifen auf zlib zurück, wenn es um die effiziente Verarbeitung und Archivierung von Daten geht.

In vielen Fällen läuft zlib dabei unsichtbar im Hintergrund – ein Umstand, der ihre Verbreitung und Systemrelevanz weiter verstärkt. Zahlreiche Softwarepakete und Linux-Distributionen nutzen zlib automatisiert für das Entpacken von Archiven. Genau hier setzt die nun entdeckte Schwachstelle an.

Die Sicherheitslücke im Detail: Codeschmuggel via untgz

Im Dezember 2025 machte ein Sicherheitsforscherteam auf eine kritische Schwachstelle im zlib-Dienstprogramm untgz aufmerksam. Dieses Tool dient dem entpacken von .tar.gz-Archiven. Der Bug erlaubt es unter bestimmten Bedingungen, Schadcode innerhalb scheinbar harmloser Archive zu verstecken. Beim Entpacken kann dieser Code ohne weitere Interaktion ausgeführt werden – ein klassischer Fall von Code Smuggling.

Die Ursache liegt in einer fehlerhaften Validierung von Pfadnamen innerhalb der Archivstruktur. Angreifer können durch manipulierte Pfade („directory traversal“) Dateien außerhalb des vorgesehenen Entpackverzeichnisses platzieren. In Kombination mit bestimmten Systemkonfigurationen kann dies zur Ausführung schädlicher Dateien führen. Ähnliche Techniken wurden 2021 in der Sicherheitslücke CVE-2021-3156 („Baron Samedit“) bei sudo beobachtet, allerdings ist der neue zlib-Bug universeller einsetzbar, da er breitere Softwareebenen betrifft.

Ein Exploit-Beispiel demonstrierte, wie ein präpariertes .tar.gz-Paket beim Entpackvorgang unter root-Rechten kritische Systemdateien überschreiben konnte – ein Worst-Case-Szenario, insbesondere in DevOps-Umgebungen und CI/CD-Pipelines.

Betroffene Systeme und die Reichweite der zlib

Die Tragweite der Lücke ergibt sich aus der allgegenwärtigen Verwendung der zlib-Bibliothek. Laut einer Analyse von Sonatype (2024) sind mehr als 10 Millionen Softwareprojekte direkt oder indirekt von zlib abhängig. Laut GitHub-Datenbank „Dependency Graph“ nutzen über 68 % der aktiv gepflegten Open-Source-Projekte zlib in irgendeiner Form (Quelle: GitHub Octoverse 2024).

Besonders problematisch ist, dass viele Anwendungen zlib fest in ihren Binärcode einkompilieren oder statisch linken. Dadurch erfolgt das Verteilen von Sicherheitsupdates nicht automatisch – ein manueller Eingriff durch Entwickler oder Systembetreuer ist zwingend notwendig. Dies gilt insbesondere für eingebettete Systeme (IoT), industrielle Steuerungen (PLC) und legacy-nahe Software in medizinischen oder sicherheitskritischen Umfeldern, wo Aktualisierungen oft ausbleiben.

Bekannte Betriebssysteme, in denen zlib integraler Bestandteil ist, umfassen u. a. Debian, Ubuntu, CentOS, macOS und Android. Auch Kubernetes-Cluster und Docker-Container enthalten häufig Build-Tools mit zlib-Abhängigkeiten. Der potenzielle Angriffsvektor ist enorm.

Warum es aktuell kein offizielles Update gibt

Trotz der Schwere der Sicherheitslücke ist bislang keine offizielle zlib-Version mit einem Fix erschienen (Stand: 9. Januar 2026). Die Maintainer der zlib arbeiten nach eigenen Angaben an einer grundlegenden Refaktorierung des entpackenden Codes. Ein Patch sei in Arbeit, aber komplexer als ursprünglich erwartet, da er Abwärtskompatibilität wahren müsse. In der Open-Source-Gemeinschaft wurde Kritik laut: Die Reaktionsgeschwindigkeit sei der sicherheitstechnischen Bedeutung der Lücke nicht angemessen.

Einige Distributoren haben mittlerweile eigene Patches eingespielt. So hat das Debian Security Team einen temporären Schutz implementiert, der das Ausführen von untgz mit Root-Rechten blockiert und Administratoren warnt. Auch Ubuntu und Fedora arbeiten an Workarounds. Diese Lösungen sind jedoch kurzfristiger Natur und lösen nicht das Kernproblem innerhalb von untgz.

Was Unternehmen und IT-Administratoren jetzt tun sollten

Auch ohne offizielles Update können und müssen Verantwortliche aktiv werden. Die folgenden Maßnahmen können das Risiko signifikant begrenzen:

  • Audit von Systemen und Abhängigkeiten: Überprüfen Sie mit Tools wie „npm audit“, „OSV-Scanner“ oder „trivy“ Ihre Softwareprojekte auf direkte und indirekte zlib-Verwendungen. Auch Docker-Images sollten analysiert werden.
  • Vermeidung unsicherer Tools: Ersetzen Sie untgz nach Möglichkeit durch alternative Entpackwerkzeuge, die nicht von der betroffenen Logik abhängen, z. B. tar selbst mit expliziter Pfadangabe und hartem Chroot-Verzeichnis.
  • Least-Privilege-Prinzip durchsetzen: Prüfen Sie CI/CD-Konfigurationen, Skripte und Automatisierungen. Entpackvorgänge sollten niemals mit Root-Rechten oder erweiterten Berechtigungen ausgeführt werden.

Langfristig ist zudem zu überlegen, ob statisch gelinkte zlib-Bibliotheken in Projekten künftig vermieden und auf dynamische Verlinkung umgestellt werden können. So lassen sich Security-Patches zentral ausrollen statt umständlich an jeder Einzelstelle.

Ein Blick in die Zukunft: Mehr Angriffsflächen durch Software-Supply-Chains

Die zlib-Schwachstelle ist Teil eines größeren Trends: der Verwundbarkeit von Software-Lieferketten. Laut einer Untersuchung von ReversingLabs (2025) hat sich die Zahl der Supply-Chain-bezogenen Schwachstellen innerhalb von Open-Source-Projekten zwischen 2020 und 2025 vervierfacht.

Während früher einzelne Applikationen im Fokus von Angreifern standen, nehmen moderne Attacken zunehmend Bibliotheken und Abhängigkeitsbäume ins Visier. Sicherheitslücken wie jene in zlib werden oft heimlich ausgenutzt, bevor sie öffentlich bekannt sind (Zero-Day-Angriffe). Die Zahl der Supply-Chain-Zwischenfälle ist laut ENISA allein 2024 um 47 % gestiegen (ENISA Threat Landscape Report 2025).

IT-Sicherheitsverantwortliche und Entwickler stehen vor der Herausforderung, Transparenz in ihre Abhängigkeiten zu bringen, die Integrität verlinkter Komponenten zu prüfen – und die Zero-Trust-Philosophie auch auf Build-Prozesse auszuweiten. Zentrale Lösungen wie Software Bills of Material (SBOM) können hier Abhilfe schaffen.

Fazit: zlib wird zum Weckruf für den Umgang mit Basistechnologien

Die zlib-Schwachstelle in untgz ist weit mehr als ein singuläres Sicherheitsproblem – sie zeigt exemplarisch, wie dringlich ein Umdenken bei der Wartung kritischer Open-Source-Komponenten ist. Die verzögerte Reaktion auf eine bekannte Code Smuggling-Lücke in einem zentralen Tool wie zlib gefährdet Millionen Systeme – quer über Cloud, IoT und On-Premise hinweg.

Es braucht strukturelle Änderungen in der Open-Source-Governance, verbesserte Meldestrukturen für Schwachstellen und eine klare Verantwortlichkeit für den Patch-Fortschritt systemrelevanter Bibliotheken. Unternehmen sollten zlib nicht länger als unproblematische Blackbox behandeln, sondern als das erkennen, was sie ist: eine sicherheitskritische Infrastrukturkomponente.

Haben Sie zlib in Ihren Projekten schon überprüft? Teilen Sie uns Ihre Erfahrungen, Tipps oder Fragen in unserer Community-Sektion mit – der gemeinsame Austausch stärkt die kollektive Resilienz gegenüber neuen Angriffsformen.

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