Sie sehen auf einmal tausende E-Mails in Ihrem Posteingang – scheinbar harmlose Supportanfragen, automatisiert über ein legitimes Ticketsystem versendet. Was wie ein technischer Defekt wirkt, ist in Wahrheit ein gezielter Spamangriff über die Plattform Zendesk. Diese neue Angriffswelle wirft nicht nur Fragen zur Plattformhygiene auf, sondern zeigt erneut, wie wichtig robuste Abwehrmechanismen gegen Manipulation selbst seriöser Infrastruktur sind.
Zendesk: Vom Support-Tool zur Spam-Schleuder?
Zendesk, vielen Unternehmen als führendes Customer-Support-System bekannt, hat sich in den letzten Jahren als verlässliche Plattform für die strukturierte Bearbeitung von Kundenanfragen etabliert. Weltweit nutzen über 160.000 Unternehmen Zendesk für ihren Kundensupport. Doch seit 2023 mehren sich Berichte, dass genau diese Plattform zunehmend von Cyberkriminellen missbraucht wird – als Vehikel massiver Spam-Kampagnen.
Dabei erfolgt der Angriff nicht durch klassische Hacks, sondern über das integrierte Ticket-Submission-System von Zendesk. Angreifer nutzen dafür legitime Anfragemasken auf Unternehmenswebseiten oder generieren automatisiert Tickets via öffentliche API-Endpunkte. Die Folge: Automatisch generierte Bestätigungsmails, Weiterleitungen und interne Supportnachrichten überfluten Zielpostfächer – teilweise mit zehntausenden Nachrichten innerhalb weniger Stunden.
Besonders perfide ist dabei der „Inbox Bombing“-Effekt: Die eigentliche Spam-Mail wird durch eine derart hohe Anzahl harmlos erscheinender Nachrichten überdeckt. Ziel ist, dass etwaige Hinweise auf Passwortänderungen, Phishing-Versuche oder kompromittierte Konten übersehen werden.
Ein global wachsendes Problem
Die zunehmende Häufung solcher Angriffe spiegelt sich auch in den Zahlen wider. Laut einem Bericht von Cisco Talos vom Mai 2025 hat sich die Zahl der registrierten Abuse-Versuche über legitime Support-Dienste wie Zendesk und Freshdesk im Jahresvergleich mehr als verdoppelt. Insbesondere zwischen Oktober 2024 und Januar 2025 wurden zahlreiche koordinierte Kampagnen dokumentiert, bei denen Zielpersonen mit mehreren tausend automatisierten Support-Mails pro Stunde attackiert wurden.
Eine Untersuchung der Sicherheitsforscher von Proofpoint zeigt, dass rund 78% der beobachteten Spam-Wellen im Jahr 2025 entweder über legitime Drittanbieter-Plattformen oder schlecht gesicherte API-Endpunkte orchestriert wurden. Zendesk wurde dabei besonders häufig als Vektor verwendet – nicht zuletzt aufgrund seiner einfachen Integrationsmöglichkeiten, die Angreifern Spielraum lassen, wenn Unternehmen ihre Helpdesk-Formulare öffentlich und ohne Captcha-Logik verfügbar machen.
Warum ist Zendesk so anfällig?
Zendesk selbst bietet zahlreiche Sicherheitsfunktionen, darunter IP-basiertes Rate Limiting, E-Mail-Authentifizierung via SPF, DKIM und DMARC sowie optionale Captcha-Integrationen. Das Problem liegt weniger im System selbst, sondern in der unzureichenden Konfiguration durch manche Unternehmen. Für automatisierte Spam-Kampagnen stellen öffentlich zugängliche Zendesk-Formulare ohne Bot-Schutz ein offenes Tor dar.
Darüber hinaus können angreifende Parteien auch kompromittierte APIs ausnutzen, bei denen Authentifizierungs-Token oder Webhooks falsch abgesichert sind. Eine gängige Methode besteht beispielsweise darin, massenhaft „Anfragen im Namen anderer“ zu erstellen, wodurch automatisch generierte Bestätigungsmails an Dritte gesendet werden. Diese Technik ist keine neue Angriffsform, wird jedoch durch die Massenautomatisierung auf Supportsystem-Ebene strategischer eingesetzt denn je.
Der Impact auf Alltag und Infrastruktur
Die unmittelbaren Auswirkungen auf Betroffene sind erheblich: Nutzer können durch die Überflutung legitimer Postfächer den Überblick über sicherheitsrelevante Hinweise wie Kontoänderungen, Multi-Faktor-Login-Anfragen oder Transaktionen verlieren. In Unternehmen kann eine solche Angriffswelle dazu führen, dass interne Supportprozesse blockiert, Ressourcen überbeansprucht und SLA-Fristen überschritten werden.
Auf infrastruktureller Ebene belegen diese Angriffe signifikant Mailserver-Kapazitäten. Laut einer Analyse von ExchangeDefender (2025) führen großflächige Inbox-Bombing-Kampagnen regelmäßig zu temporären Systemüberlastungen, bei denen SMTP-Queues stagnieren. Darüber hinaus ergeben sich mittelfristig Auswirkungen auf Reputation und Zustellbarkeit von Mails, da involvierte IP-Adressen häufiger auf Blocklisten landen.
Schutzmaßnahmen für Endnutzer und Organisationen
Um sich besser gegen solche Spam-Kampagnen über Plattformen wie Zendesk zu schützen, können sowohl Endanwender als auch Unternehmen proaktive Maßnahmen ergreifen. Dabei gilt es, auf beiden Seiten – dem Sender und Empfänger – die Angriffsfläche systematisch zu reduzieren.
- Nutzen Sie E-Mail-Filter intelligent: Moderne Mail-Clients wie Outlook, Gmail oder ProtonMail bieten erweitertes Filter-Management und Automatisierungsregeln basierend auf Absender, Betreff und Inhaltsschlüsselwörtern. Ein temporäres Whitelisting kritischer Kontakte kombiniert mit Blacklisting bestimmter Begriffe kann helfen, die unerwünschte Flut schnell einzudämmen.
- Aktivieren Sie Zwei-Faktor-Authentifizierung (2FA): Sollte Ihr Postfach Ziel eines solchen Spam-Bombings sein, besteht häufig der Verdacht, dass Kontodaten zuvor abgegriffen wurden. 2FA schützt Ihre digitalen Zugänge zusätzlich – insbesondere in Kombination mit Hardware-Sicherheitssticks oder Authenticator-Apps.
- Für Unternehmen: Captcha, Rate-Limiting und Webhook-Härtung einsetzen: IT-Abteilungen, die Zendesk oder ähnliche Plattformen einsetzen, sollten Webformulare mit reCAPTCHA schützen, API-Zugriffe limitieren und automatisierte Prüfmechanismen einbauen, um Missbrauch frühzeitig zu erkennen. Zendesk bietet modulare Sicherheitserweiterungen an, deren Nutzung dringend empfohlen wird.
Expertenstimmen und Reaktionen aus der Branche
Die Reaktionen auf die derzeitige Spam-Welle über Zendesk lassen nicht auf sich warten. Der Security-Software-Anbieter Mimecast warnt in einem Blogpost von Dezember 2025 vor der steigenden Zahl technisch raffinierter Social-Engineering-Angriffe, bei denen legitime Plattformen als Tarnung dienen. „Angreifer zielen nicht mehr auf Schwachstellen im Code, sondern auf die fehlerhafte Implementierung und das Vertrauen der Nutzer in bekannte Markennamen“, so ein Sprecher.
Auch der deutsche IT-Sicherheitsverband eco e. V. äußerte sich im Januar 2026 besorgt über das zunehmende Volumen manipulierter Benachrichtigungsdienste in Unternehmenssystemen. In einem Statement heißt es: „IT-Entscheider müssen künftig bei der Auswahl und Konfiguration von Drittanbieterdiensten stärker auf Abuse-Prevention-Strukturen achten.“
Was tut Zendesk selbst?
Zendesk reagierte bereits im Sommer 2025 mit zusätzlichen Schutzmaßnahmen, darunter einer standardmäßig aktivierten Bot-Erkennung für Free-Tier-Konten sowie neuen Schwellenwerten für API-Zugriffe. Im offiziellen Zendesk-Security-Bulletin von August 2025 kündigte das Unternehmen zudem die Einführung einer machine-learning-gestützten Abuse Detection Pipeline an, die ungewöhnliches Ticketverhalten automatisch erkennen und melden soll.
Dennoch bleibt vieles in der Verantwortung der anbietenden Unternehmen. Zendesk kann die Sicherheit seiner Plattform nur bis zu einem gewissen Punkt zentral steuern – Konfigurationsverantwortung und Integrationssicherheit liegen beim Kunden. Das Bewusstsein hierfür scheint allerdings erst langsam zu wachsen.
Fazit: Mehr Wachsamkeit und Konfiguration statt blinden Vertrauens
Die Spam-Welle über Zendesk zeigt einmal mehr: Selbst etablierte und als vertrauenswürdig geltende Plattformen können zu Einfallstoren werden, wenn Sicherheitsgrundlagen vernachlässigt werden. Besonders problematisch ist, dass diese Attacken nicht immer technischer Natur sind – sondern strukturell begünstigt durch Nachlässigkeit in Implementierung und Wartung.
Entscheidend ist daher ein zweigleisiger Ansatz: Unternehmen müssen ihre Helpdesk-Infrastruktur konsequent härten, während private und geschäftliche Nutzer sich mit intelligentem Spam-Management und Sicherheitspraktiken vor den Folgen schützen. Nur so lässt sich verhindern, dass legitime Systeme dauerhaft unterwandert werden.
Diskutieren Sie mit: Haben Sie bereits Erfahrungen mit Zendesk-Spam gemacht? Welche Schutzmaßnahmen haben bei Ihnen gewirkt? Teilen Sie Ihre Tipps und Eindrücke mit der Community in den Kommentaren.




