Sie laufen, greifen zu und antworten: Humanoide Roboter sind längst mehr als futuristische Visionen – sie arbeiten in Lagerhallen, unterstützen Pflegekräfte und erscheinen in Bildungsumgebungen. Doch ein aktueller Vorfall bei einem renommierten Cybersecurity-Wettbewerb hat gezeigt, dass diese Maschinen nicht nur faszinierend, sondern auch erschreckend angreifbar sind.
Hack the Bot: Was der Wettbewerb enthüllte
Auf der International Cyber Defense Arena 2025 (ICDA) in Singapur traten führende Sicherheitsteams gegeneinander an, um reale Bedrohungsszenarien zu simulieren. Ziel: Die Sicherheitsarchitektur humanoider Roboter auf den Prüfstand zu stellen. Besonders im Fokus stand ein moderne Assistenzroboter der Firma RoboticsOne, ausgestattet mit aktueller KI-Software, kamerabasierter Navigation und einer modularen Cloud-Anbindung zur Echtzeit-Kommunikation. Innerhalb von nur vier Stunden gelang es einem Team, die Kontrolle über den Roboter zu übernehmen – inklusive Kamera-Feed, Audioaufnahme und Bewegungssteuerung.
Die Schwachstelle war ein ungepatchtes MQTT-Protokoll (Message Queuing Telemetry Transport), das zur Kommunikation mit der Cloud verwendet wurde. Über diese Angriffsfläche konnten sich die Hacker Authentifizierungsdaten erschleichen und ein Reverse Shell-Backdoor-Tool aufspielen. Die vollständige Kontrolle über den Roboter war damit in der Praxis realisierbar.
Dieses Szenario erinnert an frühere Sicherheitsvorfälle bei IoT-Geräten, gewinnt aber durch die körperliche Präsenz humanoider Roboter eine neue Dringlichkeit. Was, wenn ein Angreifer über manipulierte Roboter nicht nur Informationen ausspäht, sondern direkt in die physische Umgebung eingreift?
Die wachsende Bedrohung im Zeitalter smarter Maschinen
Die weltweite Anzahl eingesetzter humanoider Roboter befindet sich im rapiden Wachstum. Laut einer Studie von ABI Research (2025) soll der Markt für humanoide Service-Roboter bis 2030 auf über 76 Milliarden US-Dollar anwachsen. Bereits heute sind laut IFR (International Federation of Robotics) weltweit über 1,2 Millionen Serviceroboter mit humanoiden Funktionen in Betrieb – Tendenz steigend. Viele davon übernehmen sensible Aufgaben: Patientenbetreuung, Unterrichtsbegleitung, Zugangskontrolle in Büros oder Identitätsmanagement im öffentlichen Raum.
Doch was viele Hersteller als Fortschritt feiern, bringt aus Sicht der IT-Sicherheit erhebliche Herausforderungen mit sich. Die Komplexität der Systeme – oft bestehend aus KI, vernetzten Sensoren, Mikrocontrollern und Cloud-Backends – eröffnet zahlreiche Angriffsvektoren. Hinzu kommt: Entwicklungszyklen in der Robotik-Branche sind kurz, Sicherheitsstandards häufig proprietär und eine zentrale Zertifizierungsstelle fehlt bis heute.
Wie Hacker die Kontrolle übernehmen können
Die beim Wettbewerb aufgedeckte Schwachstelle ist kein Einzelfall. Bereits 2024 veröffentlichte eine Forschungsgruppe der University of California Berkeley eine Untersuchung, in der sie zehn populäre Robotermodelle mit industriellen oder Service-Funktionalitäten analysierten. In 80 % der Fälle fanden sie kritische Schwachstellen im Authentifizierungsmechanismus oder in der Firmware-Update-Schnittstelle. Besorgniserregend: Einige der Geräte waren ab Werk mit Standardpasswörtern versehen und kommunizierten über unverschlüsselte Ports.
Laut ENISA (European Union Agency for Cybersecurity, Bericht 2025) gelten die häufigsten Schwachstellen bei vernetzten Robotersystemen als:
- Fehlende Verschlüsselung bei Datenübertragung (z. B. zwischen Sensoren und Cloud-Plattform)
- Hardcoded Credentials in der Firmware
- Unzureichende Rechtekontrolle im Betriebssystem
- Offene API-Endpunkte ohne Rate Limiting
- Veraltete Open-Source-Bibliotheken ohne Patch-Management
Die Folgen sind potenziell gravierend: Neben Datenschutzverletzungen könnten Hacker beispielsweise einem Roboter gezielt falsche Bewegungsanweisungen geben, bestimmtes Verhalten manipulieren oder den Roboter als Spion in sicherheitskritischen Einrichtungen einsetzen.
Wer trägt Verantwortung – Hersteller, Nutzer oder Gesetzgebung?
Ein Blick in die rechtlichen Rahmenbedingungen zeigt: Die Verantwortung ist bislang diffus verteilt. Während in der EU mit dem Artificial Intelligence Act (verabschiedet 2025) erste Leitplanken für den Einsatz KI-gestützter Systeme gelegt wurden, fehlen nach wie vor einheitliche Sicherheitsprüfungen für physische Roboterprodukte. Die Hersteller setzen häufig auf Eigenverantwortung und Open-Source-Komponenten – beides potenziell risikobehaftet, wenn keine dedizierten Security-Teams in der Entwicklungsphase eingebunden sind.
Es ist eine Herausforderung, die auch Sicherheitsforscherin Dr. Helena Malik vom Fraunhofer IOSB benennt: „In der menschzentrierten Robotik wird viel über Ethik gesprochen, aber oft zu wenig über technische Robustheit. Was wir dringend brauchen, sind verbindliche Sicherheitsstandards für autonome und semi-autonome Systeme.“
Unternehmen sollten daher schon bei der Anschaffung humanoider Roboter hinterfragen, ob die eingesetzte Plattform regelmäßige Updates, Audit-Zugänge und Sicherheitszertifikate gemäß ISO/IEC 27001 oder ETSI EN 303 645 vorweisen kann.
Was getan werden kann – Sicherheit von Anfang an mitdenken
Es gibt klare Handlungsmöglichkeiten, um humanoide Roboter resistenter gegen Cyberattacken zu machen. Hersteller, Integratoren und Anwender können mit konkreten Schritten dazu beitragen, das Risiko signifikant zu senken:
- Security by Design implementieren: Roboter sollten von Anfang an mit einer dedizierten IT-Sicherheitsarchitektur entwickelt werden. Dazu zählen sichere Bootprozesse, verschlüsselte Kommunikationskanäle und modulare Rechteverwaltung.
- Regelmäßige Penetrationstests durchführen: Externe Prüfungen durch spezialisierte Security-Firmen helfen, Schwachstellen frühzeitig zu erkennen und zu beseitigen – idealerweise vor dem Launch.
- IT-Sicherheitsrichtlinien für den Betrieb definieren: Unternehmen sollten Rollen- und Rechtemanagement, dokumentierte Patchprozesse sowie ein Krisenreaktionsplan in ihre Robotik-Strategie integrieren.
Auch aus Nutzerperspektive ist Aufklärung entscheidend. Nur wer versteht, wie Attacken funktionieren, kann potenzielle Risiken im Alltag rechtzeitig erkennen und eingreifen.
Fazit: Zwischen Innovation und Verwundbarkeit
Humanoide Roboter eröffnen große Chancen – von automatisierter Pflege bis hin zu Industrie 5.0. Doch mit ihren Fähigkeiten steigt auch ihr Gefahrenpotenzial. Der Angriff beim Cybersecurity-Wettbewerb in Singapur war ein Weckruf für die Branche und zeigt: Sicherheit darf bei der Robotikentwicklung keine nachgelagerte Priorität sein.
Der künftige Erfolg dieser Technologien hängt maßgeblich davon ab, wie gut es gelingt, Vertrauen durch Sicherheit zu schaffen. Es braucht strenge Normen, verantwortungsbewusste Hersteller – und eine informierte Gesellschaft. Wie sind Ihre Erfahrungen mit vernetzten Robotiksystemen oder Sicherheitsbedenken in Ihrem Unternehmen? Teilen Sie Ihre Erkenntnisse in unserer Community!




