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Deutschland und die Abhängigkeit von US-Technologien: Ein kritischer Blick auf die Infrastruktur

Ein lichtdurchflutetes, modernes Büro mit großen Fenstern, in dem ein konzentrierter IT-Experte an einem transparenten Bildschirm arbeitet, umgeben von warmen Holztönen und grünen Pflanzen, die eine harmonische Verbindung zwischen technologischer Vernetzung und menschlicher Nähe symbolisieren.

Clouds aus Kalifornien, Betriebssysteme aus Redmond, Router-Software mit Wurzeln in Kalifornien – Deutschlands technologische Infrastruktur ist in vielerlei Hinsicht eng mit amerikanischen Unternehmen und Plattformen verwoben. Diese Abhängigkeit birgt nicht nur wirtschaftliche Risiken, sondern gefährdet auch die digitale Souveränität der Bundesrepublik.

Digitale Abhängigkeiten: Status quo und strukturelle Ursachen

Deutschland stützt sich in vielen Kernbereichen der digitalen Infrastruktur fast ausschließlich auf Technologien und Dienste US-amerikanischer Anbieter. Laut einer Analyse des Digitalverbandes Bitkom aus dem Jahr 2022 nutzen 70 % der deutschen Unternehmen Cloud-Dienste von US-Anbietern, insbesondere Amazon Web Services (AWS), Microsoft Azure und Google Cloud Platform (GCP). Allein AWS hatte laut Synergy Research Group im Q4/2023 einen Marktanteil von rund 31 % am globalen Cloud-Markt – mit europäischen Anbietern weit abgeschlagen hinterher.

Doch nicht nur in der Cloud-Infrastruktur ist diese Dominanz sichtbar. Auch im Betriebssystembereich ist die Situation ähnlich: Windows bleibt mit über 70 % Anteil auf Desktop-Rechnern in Deutschland Marktführer – ungeachtet der vielfältigen Bemühungen, Open-Source-Betriebssysteme in Behörden oder Unternehmen zu implementieren. Im mobilen Sektor dominieren iOS und Android – beide mit US-Ursprung und damit unter direkter Kontrolle durch Apple und Google.

Ein weiterer neuralgischer Punkt: Netzwerktechnik. Kernkomponenten der Netzinfrastruktur – von Routern bis zu Managementsystemen – stammen zumeist von Cisco, Juniper oder Hewlett-Packard. Zwar setzen einige Netzbetreiber inzwischen vermehrt auf europäische Hersteller oder Open-Source-Initiativen wie OpenRAN, doch bleibt der technologische Rückstand schwer aufzuholen.

Gründe der Abhängigkeit: Marktversagen, Erfahrungslücken und Investitionsstau

Die Ursachen dieser strukturellen Abhängigkeit reichen tief. Vor allem drei Faktoren wiegen schwer: erstens ein historischer Mangel an strategischer Industriesubvention; zweitens die Trägheit öffentlicher IT-Strukturen; und drittens eine geringe Risikobereitschaft in der deutschen IT-Wirtschaft bei der Einführung alternativer Systeme.

Während US-Firmen wie Microsoft, Amazon oder IBM frühzeitig massiv in Forschung, Entwicklung und Skalierung investierten, entstanden in Deutschland keine vergleichbaren Plattform-Giganten. Stattdessen wurden vielversprechende Technologien häufig verkauft (siehe SAPs frühzeitiger Rückzug aus der Cloud-Infrastruktur) oder scheiterten an der Skalierbarkeit.

Hinzu kommt ein traditionelles Sicherheitsbedürfnis aufseiten deutscher Behörden und Unternehmen, das in der Praxis dennoch oft dazu führt, auf „bewährte“ US-Produkte zu setzen – ironischerweise auch nach öffentlich gewordenen Überwachungsprogrammen wie PRISM oder XKeyscore.

Risiken und Konsequenzen: Die digitale Souveränität in der Zange

Diese Abhängigkeiten gefährden die digitale Souveränität Europas in mehrfacher Hinsicht. Im Fall geopolitischer Spannungen oder veränderter Exportregimes könnten elementare Plattformdienste plötzlich nicht mehr zur Verfügung stehen. Zudem besteht ein strukturelles Abflussrisiko hinsichtlich sensibler Daten.

Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) wird in vielen Fällen durch US-Cloudanbieter nur oberflächlich beachtet – wie etwa das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) im Fall „Schrems II“ von 2020 bestätigte. Dieses kippte das Trans-Atlantic Privacy Shield, wodurch Datenübertragungen in die USA auf wackeliger rechtlicher Basis stehen.

Auch technologiepolitisch bezahlt Europa einen Preis: Fehlende Plattformanbieter bedeuten geringere Gestaltungsmacht auf internationaler Ebene, eine verringerte Innovationsdynamik im Binnenmarkt und strategische Abhängigkeit bei KI- und Cloud-Technologien.

Ansätze zur Stärkung digitaler Souveränität: Zwischen Vision und Realität

Die politische Debatte rund um digitale Souveränität ist in den letzten Jahren intensiver geworden. So verspricht etwa die Gaia-X-Initiative, eine föderierte, europäische Dateninfrastruktur als Alternative zu AWS & Co. zu etablieren. Hinter Gaia-X stehen neben deutschen Initiatoren auch Organisationen aus Frankreich, Italien und weiteren EU-Ländern. Ziel ist ein transparentes, interoperables System europäischer Cloud-Anbieter.

Doch die Ambitionen prallen auf harte Realitäten: Gaia-X wird noch immer stark von US-Firmen mitgestaltet – unter anderem sind Microsoft und Palantir als Partner involviert. Kritiker wie der französische Think Tank „Le Shift Project“ zweifeln daran, dass so echte Unabhängigkeit entsteht.

Parallel dazu investieren deutsche Behörden und Universitäten zunehmend in Open-Source-Infrastrukturen. Die Stadt München – bekannt für ihre wechselvolle Geschichte mit LiMux – und die Bundescloud von Dataport zeigen, dass pragmatische Alternativen durchaus funktionieren können, sofern sie politisch und technologisch konsequent gefördert werden.

Best Practices zeigen: Mit Hilfe von Nextcloud, Matrix, LibreOffice oder LibreWolf lassen sich viele klassische Office- oder Kommunikationsanwendungen ohne proprietäre US-Software realisieren – sofern die nötige Expertise intern aufgebaut wird.

Ein Blick auf das Beispiel Frankreichs zeigt, dass konsequente Regulierung und Förderung lokale Alternativen stärken können: Dort fördert die Regierung seit 2021 aktiv Sovereign-Cloud-Plattformen wie OVHcloud oder Scaleway, etwa durch Steuervergünstigungen und Rechtsvorgaben für öffentliche Ausschreibungen.

Drei praxisnahe Handlungsempfehlungen für Unternehmen und Behörden:

  • Audits und Inventarisierung der bestehenden Infrastruktur mit Blick auf US-Abhängigkeiten durchführen.
  • Schrittweise Implementierung von Open-Source-Lösungen in nicht-kritischen Systembereichen starten.
  • Regionale Anbieter bevorzugen, die nachweislich DSGVO-konform arbeiten und europäischen Rechtsraum einhalten.

Auch gesetzgeberische Maßnahmen sind gefragt. Experten fordern eine stärkere Anreizpolitik für den Aufbau europäischer Clouds, steuerliche Vorteile für Unternehmen mit souveräner Infrastruktur und das Recht von Bundesbehörden, Anbieter mit problematischen Datenschutzpraktiken auszuschließen.

Europäische Alternativen: Potenzial und Herausforderungen

Wie wettbewerbsfähig sind europäische Alternativen tatsächlich? Anbieter wie Hetzner, IONOS, Scaleway oder OVHcloud bieten längst performante Cloud-Dienste mit Rechenzentren ausschließlich in Europa an. Auch Lösungen wie Nextcloud Hub oder Seafile kombinieren Cloudtechnik mit Datensouveränität und Funktionsvielfalt.

Im Bereich Cybersecurity sind Unternehmen wie Rohde & Schwarz oder Secunet wichtige Player und sichern kritische Infrastrukturen, teils im Auftrag des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Dennoch fehlen europäischen Anbietern Skaleneffekte, internationale Kundenbasis und massives Risikokapital, wie es US-Firmen oft zur Verfügung steht.

Um zu einer echten Alternative zu werden, braucht es koordinierte politische, wirtschaftliche und technologische Maßnahmen – auf EU-Ebene ebenso wie innerhalb der Nationalstaaten.

Zwischen geopolitischem Druck und industrieller Neuorientierung

Russlands Krieg gegen die Ukraine und Chinas digitale Expansion haben die Fragilität technologischer Abhängigkeiten nochmals verdeutlicht. Fragen nach Ausfallsicherheit, Rechtssicherheit und Resilienz sind keine akademischen Debatten mehr – sie bestimmen bereits heute die Planungen von IT-Verantwortlichen in Staat und Wirtschaft.

Das Bundesministerium des Innern (BMI) arbeitet aktuell an einer Strategie zur Reduzierung systemischer IT-Abhängigkeiten, insbesondere in sogenannter kritischer Infrastruktur (KRITIS). Derzeit befinden sich über 1.800 Einrichtungen aus den Bereichen Energie, Wasserwirtschaft, Finanzen oder Gesundheit auf den entsprechenden Listen, laut Bundesanzeiger (Stand 2024).

Ein zukunftsweisender Ansatz: die Verknüpfung von Nachhaltigkeit und digitaler Souveränität. Denn energieeffiziente Rechenzentren mit Open-Tech-Infrastruktur im Inland könnten sowohl ökologische als auch politische Ziele erfüllen.

Fazit: Aufbruch zur digitalen Eigenständigkeit erfordert Mut und Ressourcen

Deutschland steckt technologisch tief in transatlantischen Verflechtungen. Doch angesichts zunehmender geopolitischer Unsicherheiten, wachsender Datenschutzansprüche und dem Ruf nach Transparenz gewinnt das Streben nach digitaler Souveränität an Bedeutung. Hierzu braucht es nicht nur neue Plattformen, sondern vor allem den Willen, bestehende Strukturen zu verändern.

Die Chancen sind vorhanden, die notwendigen Technologien existieren – es geht nun darum, sie zu skalieren und als europäische Alternative sichtbar zu machen. Dafür braucht es ein Zusammenspiel aus politischem Pragmatismus, wirtschaftlicher Kraft und technologischem Pioniergeist.

Welche Strategien verfolgen Ihre Unternehmen beim Thema digitale Souveränität? Kennen Sie Beispiele erfolgreicher Migration weg von US-Infrastruktur? Diskutieren Sie mit uns in den Kommentaren – Ihre Erfahrungen sind wertvoll für die Community.

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