Hosting & Infrastruktur

Die Rolle europäischer Cloud-Alternativen im Streben nach Unabhängigkeit

Ein lichtdurchflutetes modernes Büro mit motivierten europäischen Fachkräften in angeregtem Austausch vor großen Fenstern, durch die sanftes Tageslicht fällt und eine warme, vertrauensvolle Atmosphäre schafft, während dezente Hightech-Geräte unaufdringlich den Fokus auf digitale Innovation und souveräne Cloud-Lösungen unterstreichen.

Die digitale Souveränität Europas steht zunehmend im Fokus von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Mit dem wachsenden Bewusstsein über Risiken in Bezug auf Datenschutz und Abhängigkeiten von US-amerikanischen Tech-Konzernen gewinnt das Thema europäische Cloud-Alternativen rasant an Relevanz.

Digitale Abhängigkeit: Europas Problem mit den Hyperscalern

Der Markt für Cloud-Infrastrukturen wird seit Jahren von den sogenannten Hyperscalern dominiert – allen voran Amazon Web Services (AWS), Microsoft Azure und Google Cloud. Laut dem Synergy Research Group Market Share Report (Q1 2024) kontrollierten diese drei Anbieter zusammen etwa 66 % des weltweiten Marktes für Infrastructure-as-a-Service (IaaS). In Europa liegt ihr Marktanteil sogar bei über 70 %, wie eine aktuelle Analyse von Statista und Eurostat bestätigt.

Diese Marktdominanz hat weitreichende Folgen: Unternehmen und öffentliche Einrichtungen geraten in eine technologische Abhängigkeit von ausländischen Anbietern, mit allen damit verbundenen Risiken – von fehlender Kontrolle über Datenhoheit bis hin zu regulatorischen Unsicherheiten im Rahmen der US-Cloud-Acts (CLOUD Act 2018). Die geopolitischen Spannungen und Debatten um Datenschutz verschärfen diesen Misstrauenskonflikt zusätzlich.

Europäische Cloud-Initiativen: Der Wille zur Unabhängigkeit

Als Reaktion hat Europa eigene Projekte ins Leben gerufen. Die prominenteste Initiative ist GAIA-X, gegründet 2020 unter Führung Deutschlands und Frankreichs. Ziel des Projekts ist der Aufbau eines offenen, föderierten und sicheren europäischen Daten-Ökosystems. Beteiligte Unternehmen wie Deutsche Telekom, Orange, Atos, OVHcloud oder SAP koordinieren sich dabei auf gemeinschaftlicher, technikneutraler Basis.

Parallel entstehen weitere Angebote und Allianzen, etwa das CISPE Data Protection Code of Conduct, eine von der EU anerkannte Selbstverpflichtung für datenschutzkonformes Cloud Hosting. Auch souveräne Cloud-Angebote wie „Sovereign Cloud“ von T-Systems oder „Trusted Cloud“ von OVHcloud gewinnen an Fahrt.

Chancen für Unternehmen und Verwaltung

Für Unternehmen bieten europäische Cloud-Alternativen einige entscheidende Vorteile:

  • Datensouveränität: Speicherung und Verarbeitung sensibler Daten innerhalb des europäischen Rechtsraums.
  • Rechtssicherheit: EU-Datenschutz-Compliance nach DSGVO statt Überwachungspflichten gemäß CLOUD Act.
  • Wettbewerbsförderung: Unterstützung lokal agierender Anbieter stärkt die digitale europäische Innovationskraft.

Auch die öffentliche Verwaltung in Ländern wie Deutschland, Frankreich oder den Niederlanden setzt zunehmend auf europäische Clouds. So verfolgt die Deutsche Verwaltung mit dem Projekt „Bundescloud“ eine eigene Cloudinfrastruktur mit Fokus auf Sicherheit und nationale Kontrolle. Frankreich hingegen startete 2021 die Numérique Souverain-Strategie mit dem Ziel, alle sensiblen Behörden-Workloads in vertrauenswürdige Cloud-Umgebungen zu migrieren.

Herausforderungen für europäische Anbieter

Trotz wachsender Nachfrage stehen europäische Anbieter vor essenziellen Herausforderungen:

  • Skalierung: Geringeres Investitionsvolumen und fehlende Infrastruktur im Vergleich zu Hyperscalern.
  • Tech-Stack-Kompatibilität: Rückstand bei fortschrittlichem Serviceangebot wie KI-gestützte Plattformdienste oder globale CDN-Kapazitäten.
  • Marktzugang: Schwierige Positionierung als Nischenanbieter gegen massiv subventionierte US-Unternehmen.

Hinzu kommt: Viele europäische Cloud-Lösungen sind entweder auf bestimmte Länder beschränkt oder nicht interoperabel. GAIA-X versucht dies durch offene Standards zu verbessern, aber der tatsächliche Marktimpact ist derzeit noch begrenzt – auch weil viele Initiativen noch im Aufbau sind oder an institutionellen Widerständen leiden.

Erste Erfolge und Marktbeobachtungen

Dennoch zeichnet sich ein Hoffnungsschimmer ab. So verzeichnete OVHcloud im Geschäftsjahr 2024 ein Umsatzwachstum von 13,5 % und konnte neue Großkunden aus Industrie und dem öffentlichen Sektor gewinnen. Auch IONOS Cloud erweiterte 2024 seine Zertifizierungen für Sicherheitsstandards (BSI C5, ISO/IEC 27001, ENS) und tritt verstärkt im Enterprise-Segment auf.

Laut Bitkom nutzten bereits 42 % der deutschen Unternehmen im Jahr 2024 Cloud-Dienste von EU-Anbietern, während diese Zahl 2020 noch bei unter 30 % lag. Das signalisiert einen spürbaren Mentalitätswechsel – weg von der Billiglösung hin zu strategischer Datenkontrolle.

Darüber hinaus entstehen durch den EU Data Act, in Kraft seit Januar 2024, zusätzliche Anreize für Anbieter und Nutzer: Er soll den Wechsel von Cloud-Diensten erleichtern und das „Vendor Lock-in“-Problem reduzieren. Damit verbessern sich die Marktchancen für europäische Clouds gegenüber Hyperscalern insbesondere bei mittelständischen und regulierten Kunden.

Praktische Handlungsempfehlungen für Unternehmen

Wer als Unternehmen seine Cloud-Strategie überdenkt und europäische Anbieter evaluieren will, sollte folgende Punkte berücksichtigen:

  • Cloud Readiness Assessment durchführen: Analysieren Sie Ihre bestehende IT-Landschaft – welche Daten und Dienste müssen zwingend in Europa bleiben?
  • Multi-Cloud-Ansatz verfolgen: Kombinieren Sie Leistungen von Spezialanbietern oder souveränen Clouds mit bestehenden Hyperscalern, um Flexibilität zu erhöhen.
  • Auditierbare Compliance prüfen: Fragen Sie bei Anbietern gezielt nach Nachweisen für DSGVO-konforme Verarbeitung und Sicherheitszertifikate.

Für öffentliche Institutionen bieten sich zusätzlich strategische Partnerschaften mit Anbietern wie IONOS, OVHcloud, SecuStack oder 3DS Outscale an, da diese entweder vollständig europäisch sind oder dedizierte Angebote für den öffentlichen Sektor bereitstellen.

Der Paradigmenwechsel braucht Zeit – und politischen Willen

Europäische Cloud-Angebote befinden sich im Aufschwung, aber der Weg zur digitalen Souveränität ist lang. Initiativen wie GAIA-X, der EU Data Act, sowie Förderprogramme der EU-Kommission sind ein richtiger Schritt, reichen allein aber nicht aus. Ohne gezielte Beschaffungspolitik, staatliche Digitalisierungsvorgaben und Steueranreize bleibt der flächendeckende Erfolg aus.

Bedeutend wird daher sein, wie Mitgliedstaaten regulatorische Rahmenbedingungen künftig gestalten. Entsprechende Vorstöße sind erkennbar: Frankreich verbietet seit 2023 gewisse Web-Dienste auf hyperscalerbasierter Infrastruktur (z. B. für Bildung oder Gesundheitsdaten), während Deutschland Anforderungen zur Nachvollziehbarkeit und Auditierbarkeit verschärft.

Fazit: Strategische Entscheidung für die Zukunft

Für europäische Unternehmen und Behörden ist der Wandel hin zu mehr Datensouveränität nicht nur eine politische Frage, sondern ein strategischer Imperativ. Die technologischen und rechtlichen Rahmenbedingungen verbessern sich – nun liegt es an Entscheidern, dieser Entwicklung mit konkreten Maßnahmen zu folgen.

Wie sehen Ihre Cloud-Erfahrungen mit europäischen Anbietern aus? Teilen Sie Ihre Einschätzungen und Tipps in den Kommentaren und bereichern Sie die Diskussion zur digitalen Souveränität in Europa.

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