Hosting & Infrastruktur

Marktverschiebung in Österreich: Was der Ausstieg von Drei aus dem Server Housing bedeutet

Ein warm ausgeleuchteter, modern ausgestatteter Serverraum in Wien, in dem konzentrierte IT-Profis in entspannter Atmosphäre an vernetzten Geräten arbeiten und so den Wandel der österreichischen Hosting-Landschaft lebendig vermitteln.

Wenn sich einer der großen Telekommunikationsanbieter aus einem marktprägenden IT-Segment zurückzieht, bleibt das nicht ohne Folgen. Der überraschende Rückzug von Hutchison Drei Austria aus dem Geschäftsfeld Server Housing wirbelt derzeit den österreichischen Hosting-Markt ordentlich durcheinander – mit Chancen und Risiken für Kund:innen, Mitbewerber und Anbieter gleichermaßen.

Rückzug von Drei: Hintergründe und Beweggründe

Im Sommer 2024 kündigte Hutchison Drei Austria (kurz „Drei“) an, sich aus dem Geschäftsfeld des Server Housing vollständig zurückzuziehen. Betroffen ist das Rechenzentrum in Wien Floridsdorf, das seit 2010 für Enterprise-Kunden im Bereich Colocation-Lösungen betrieben wurde. Als Gründe nannte das Unternehmen eine strategische Neuausrichtung mit dem Fokus auf Mobile-first-Dienste sowie Investitionen in 5G-, IoT- und Cloud-nahe Services.

Laut Drei sei die Nachfrage nach klassischem Server Housing – also physischer Unterbringung von Kundensystemen – in den letzten Jahren kontinuierlich rückläufig gewesen. Stattdessen verlagere sich der Trend verstärkt hin zu flexibel skalierbaren Cloud-Infrastrukturen. Eine Einschätzung, die auch aktuelle Marktanalysen bestätigen: Laut Statista wuchs das Marktvolumen für Public Cloud Services in Österreich 2024 auf über 1,12 Milliarden Euro – ein Zuwachs von 17 % gegenüber dem Vorjahr (Quelle: Statista, 2024).

Übernahme durch next layer: Nahtlose Übergänge und zukünftige Ambitionen

Mit dem Rückzug von Drei wurde rasch eine Nachfolgelösung präsentiert. Die Wiener Infrastrukturbetreiberin next layer GmbH übernahm mit Jahresbeginn 2025 das Housing-Geschäft inklusive der betroffenen Rechenzentrumsflächen. Besonders bemerkenswert: next layer übernimmt nicht nur die Infrastruktur, sondern auch bestehende Vertragsverhältnisse und einen Großteil des technischen Personals vor Ort.

next layer, ein auf Netzwerk-, Rechenzentrums- und Cloud-Infrastruktur spezialisierter Anbieter, bezeichnete den Deal als wichtigen Wachstumsschritt. Das Unternehmen betreibt bislang mehrere hochverfügbare Rechenzentren im Raum Wien und gilt als technologisch führend in Österreich. Geschäftsführer Peter Lampert betonte, man wolle das Rechenzentrum in Floridsdorf modernisieren, „CO2-optimiert betreiben“ und langfristig als Regionalknoten im eigenen Netzwerk integrieren.

Auswirkungen auf den Hosting-Markt in Österreich

Mit dem Strategiewechsel von Drei und dem Ausbau von next layer zeigen sich deutlich die Umbrüche im österreichischen Hosting-Markt. Klassische Colocation-Angebote werden zunehmend Teil hybrider Infrastrukturen: Die Nachfrage nach gemischten Public-/Private-/On-Premise-Lösungen steigt laut IDC Europe auch in Zentraleuropa stark an (IDC European Enterprise Infrastructure 2024 Outlook).

Insbesondere kleinere Unternehmen und mittelständische Betriebe, die noch auf eigene physische Systeme setzen, sind nun gefordert, ihre Strategien zu überdenken. Die Konsolidierung im Hosting-Sektor bedeutet auch, dass Alternativen rarer werden – eine Tendenz, die Preisdruck, längere Vertragslaufzeiten und steigende Abhängigkeiten erzeugen kann.

Strategische Chancen für Mitbewerber

Drei war bislang – insbesondere für Unternehmen aus den Branchen Gesundheitswesen, Energie und öffentliche Verwaltung – ein verlässlicher Partner. Der spontane Ausstieg hinterlässt hier einen Angebotsgap, der nun von Anbietern wie Interxion Austria, Anexia, A1 Digital oder eben next layer geschlossen werden soll – teils mit expressiv beworbenen Abwerbungsangeboten.

Technologisch besonders interessant: Einige Anbieter setzen vermehrt auf sogenannte Edge-Rechenzentren zur Reduktion von Latenzzeiten und zur besseren Anbindung an 5G-Core-Netzwerke. Auch sogenannte Micro-Colocation-Modelle erleben derzeit im DACH-Raum einen regelrechten Investitionsschub.

Ein Beispiel: Laut Eco-Verband wird der Umsatz im Bereich Edge- und Micro-DCs in Europa bis 2026 um durchschnittlich 24 % jährlich wachsen (Eco-Trendreport 2024).

Handlungsbedarf für bestehende Kunden

Für Unternehmen mit bestehenden Colocation-Verträgen bei Drei bedeutet der Eigentümerwechsel zunächst Kontinuität. next layer hat zugesichert, die Verträge unverändert fortzuführen. Trotzdem sollten Kunden folgende Punkte prüfen:

  • Vertragskonditionen und SLAs: Stimmen Kosten, Verfügbarkeitsgarantien und rechtliche Rahmenbedingungen mit den bisherigen Vereinbarungen überein?
  • Zukunftssicherheit der Infrastruktur: Welche Ausbau- und Migrationspläne verfolgt next layer hinsichtlich Stromversorgung, Kühlung und Sicherheit?
  • Integration vorhandener Cloud-Lösungen: Besteht Potenzial, bestehende Serverstrukturen in hybride Modelle zu überführen, um Flexibilität zu steigern?

Unternehmen sollten diese Fragen möglichst frühzeitig mit ihrem neuen Anbieter klären, um Überraschungen bei der Vertragsverlängerung zu vermeiden. Auch regulatorische Anforderungen (wie etwa Datenschutz gemäß DSGVO oder branchenabhängige Standards wie ISO 27001) müssen individuell neu bewertet werden.

Cloud oder Colocation? Nachhaltigkeit als Entscheidungskriterium

Während der Cloud-Trend weiter Fahrt aufnimmt, stellt sich für viele Unternehmen die Frage: Bleibe ich bei eigener Hardware oder migriere ich infrastrukturell zumindest teilweise in die Cloud? Antworten können dabei auch ökologische Kriterien liefern.

next layer etwa betont, dass das übernommene Rechenzentrum in Wien-FH klimafreundlich optimiert werden soll. Unter anderem ist die Umstellung auf Direktverdunstungskühlung und der Einsatz von Grünstrom vorgesehen. Drei versorgte das Rechenzentrum laut eigener Angaben mit erneuerbarer Energie – ein Standard, den next layer laut Eigenkommunikation nicht nur übernehmen, sondern ausbauen möchte.

Die Relevanz nachhaltiger IT-Infrastruktur wächst: Laut einer ISG-Studie (Information Services Group, 2023) berücksichtigen mittlerweile 42 % der österreichischen Unternehmen Nachhaltigkeit als Hauptkriterium bei IT-Infrastrukturentscheidungen. Energieeffizienz ist nicht länger ein „Bonus“, sondern ein zentrales Governance-Thema.

Neue Dynamiken im Wettbewerb: Regulatorik und Marktstruktur

Der Hosting-Markt in Österreich konsolidiert sich – eine Entwicklung, die auch von europäischer Seite kritisch beobachtet wird. In der Diskussion steht dabei, ob zunehmende Konzentration zu Abhängigkeiten und Preissteigerungen führt oder ob sie im Gegenteil Investitionsanreize und Standardisierung fördert.

Die Österreichische Rundfunk- und Telekom-Regulierungs-GmbH (RTR) beobachtet diese Entwicklungen genau. In einem Branchenausblick 2025 stellt die RTR klar: Die Förderung dezentraler Rechenzentrumsstrukturen sei essenziell für Resilienz, Datenschutz und Innovationsförderung im digitalen Binnenmarkt.

Der Ausstieg von Drei gibt in diesem Zusammenhang auch Anlass, über die Rolle klassischer Telkos in der IT-Infrastruktur nachzudenken. Welche Position werden sie künftig einnehmen? Verstärkte Kooperationen mit Hyperscalern oder Rückzug in eigene mobile Ökosysteme?

Praktische Empfehlungen für IT-Verantwortliche und Entscheider

Der Rückzug von Drei zeigt exemplarisch, wie schnell sich strategische Parameter im Hosting- und Infrastrukturmarkt ändern können. Wer heute auf stabile Services angewiesen ist, braucht solide, langfristige Entscheidungen. Drei praktische Empfehlungen für Unternehmen:

  • Provider-Abhängigkeit aktiv managen: Prüfen Sie regelmäßig Ihre Vertragspartner hinsichtlich Stabilität, Eigentümerstruktur und strategischer Ausrichtung.
  • Hybride Infrastrukturen implementieren: Wer lokal gehostet bleibt, sollte Cloud-Anteile integrieren – etwa zur Lastenverteilung, Datensicherung oder für Testumgebungen.
  • Nachhaltigkeitskennzahlen einfordern: Fragen Sie aktiv nach CO₂-Bilanz, genutzter Primärenergie und Green-IT-Zertifizierungen Ihres Rechenzentrumsdienstleisters.

Fazit: Chance für Transformation und Digitalisierung

Der Ausstieg von Drei aus dem Server Housing ist mehr als nur ein Marktmanöver – er reflektiert einen fundamentalen Wandel der IT-Infrastrukturlandschaft in Österreich. Die nächste Phase wird geprägt sein von hybriden Architekturen, dezentralen Knotenpunkten, steigender Servicequalität und nachhaltigen Betriebskonzepten. Unternehmen, die diese Transformation aktiv mitgestalten, können sich langfristig Wettbewerbsvorteile sichern.

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