Rechenzentren zählen zu den bedeutendsten Bausteinen der digitalen Infrastruktur – und gleichzeitig zu den größten Energieverbrauchern der Welt. Das belgische IT-Unternehmen Cegeka hat mit dem Bau eines unterirdischen Rechenzentrums einen innovativen Schritt gewagt, der nicht nur in puncto Nachhaltigkeit Maßstäbe setzen könnte, sondern auch neue Impulse für Sicherheit, Energieeffizienz und Flächennutzung im Rechenzentrumsbetrieb liefert.
Ein visionärer Bau unter der Erde
Cegeka, eines der führenden europäischen IT-Unternehmen mit Hauptsitz in Hasselt, hat den Spatenstich für ein ungewöhnliches Vorhaben gesetzt: den Bau eines komplett unterirdischen Rechenzentrums im südlich gelegenen belgischen Limburg. Das mehrstöckige Rechenzentrum, das voraussichtlich 2026 in Betrieb gehen soll, bleibt oberirdisch nahezu unsichtbar und fügt sich harmonisch in die bestehende Umgebung ein. Primäres Ziel der Anlage ist es, höchstmögliche Sicherheit, Energieeffizienz und Umweltverträglichkeit zu kombinieren – und das in einem Markt, der dringend nachhaltige Lösungen braucht.
Mit dieser Bauweise folgt Cegeka einem Trend, der zwar international erst in den Anfängen steckt, aber immense Potenziale verspricht. Während unterirdische Datenspeicherung bislang vor allem mit Bunkerarchitekturen assoziiert wurde – Beispiele sind etwa das Datensicherungszentrum in einem ehemaligen Bergwerksstollen in Norwegen (Lefdal Mine Datacenter) – schafft Cegeka mit dem Neubau eine moderne Interpretation dieser Idee.
Sicherheit durch Tiefe: physische Resilienz auf neuem Niveau
Der unterirdische Standort bringt entscheidende Sicherheitsvorteile mit sich. Natürlicher Schutz durch die Erddecke verringert Risiken durch Naturkatastrophen wie Stürme, Überschwemmungen oder Hitzeextreme signifikant. Auch gegen physische Angriffe sind unterirdische Strukturen weit widerstandsfähiger. Die Bauweise erfüllt höchste Standards gemäß ISO 27001 und EN 50600 – Normen, die für physische Sicherheit und Verfügbarkeit von Rechenzentren essenziell sind.
„Unsere Vision ist es, ein Rechenzentrum zu errichten, das nicht nur technologisch modern, sondern auch physisch resilient gegenüber den zunehmenden Klimarisiken ist“, sagt Stijn Bijnens, CEO von Cegeka. Die Anlage basiert auf redundanter N+1-Infrastruktur und ermöglicht durch automatisiertes Monitoring proaktive Wartung und Störfallmanagement.
Energieeffizienz im Fokus: Kühlung mit dem Vorteil der Tiefe
Ein maßgeblicher Nutzen unterirdischer Rechenzentren liegt im thermischen Vorteil: Bereits ab wenigen Metern unter der Erde herrschen stabile Temperaturen zwischen 10 und 15 °C – ideale Voraussetzungen für eine energiesparende Kühlung von Serveranlagen. Kühlsysteme können so deutlich effizienter betrieben werden, der PUE-Wert (Power Usage Effectiveness) sinkt signifikant.
Laut einer Uptime Institute Studie 2023 liegt der durchschnittliche PUE-Wert moderner Rechenzentren weltweit bei 1,55. Cegeka strebt für seinen unterirdischen Neubau einen Wert von maximal 1,2 an – ein ehrgeiziges Ziel, das durch eine Kombination aus geothermischer Kühlung, Wärmerückgewinnung und optimierten Luftströmungskonzepten erreicht werden soll.
Erneuerbare Energien als Eckpfeiler
Ein weiteres zentrales Element des Konzepts ist der Einsatz erneuerbarer Energien. Cegeka investiert parallel in mehrere Photovoltaik- und Windkraftprojekte in der Region Limburg, deren Strom lokal ins Rechenzentrum eingespeist wird. Ergänzt wird die nachhaltige Energieversorgung durch ein Batteriespeichersystem, das Lastspitzen ausgleicht und Netzstabilität sichert. Das Ziel: eine CO₂-neutrale Rechenzentrumsinfrastruktur bis 2030.
Der Trend zur Integration erneuerbarer Energien spiegelt sich global wider: Laut International Energy Agency (IEA) wird der weltweite Stromverbrauch durch Rechenzentren bis 2026 auf über 1.000 Terawattstunden steigen – das entspricht in etwa dem Verbrauch von ganz Japan. Gleichzeitig fordern Regulierungen wie die EU-Richtlinie für nachhaltige Rechenzentren (Green Data Centre Pact) konkrete Nachhaltigkeitsnachweise von Betreibern.
Platzersparnis und Urban Integration
Auch städtebaulich bietet die unterirdische Bauweise Vorteile. Während traditionell erbaute Rechenzentren wertvolle Gewerbeflächen blockieren und oft als ästhetisch störend empfunden werden, bleibt das Gelände über Cegekas unterirdischem Zentrum weiterhin nutzbar – etwa für Grünflächen, Parkanlagen oder Naherholung. Das Projekt ist so Teil einer umfassenden Stadtentwicklungsstrategie: IT-Infrastruktur als unsichtbares Rückgrat, nicht als öffentlicher Fremdkörper.
Damit schlägt Cegeka eine Brücke zwischen High-Tech und nachhaltiger Raumplanung – ein Ansatz, der Signalwirkung entfalten könnte.
Auswirkungen auf die Rechenzentrumsbranche
Cegekas Projekt trifft den Nerv der Zeit: Der Druck auf Rechenzentrumsbetreiber steigt kontinuierlich. Energiepreise, Netzausbauengpässe und wachsender ökologischer Fußabdruck verlangen nach neuen Konzepten. Unternehmen wie Microsoft oder Equinix verfolgen bereits ähnliche Maßnahmen, etwa den Einsatz von Flüssigkeitskühlung, Offshore-Serverparks oder modulare Containerlösungen.
Laut einer Studie von MarketsandMarkets wird der globale Markt für nachhaltige Rechenzentren bis 2027 auf 180 Milliarden USD anwachsen – ein klares Zeichen für einen strukturellen Wandel in der Branche. Unterirdische Bauweisen könnten darin künftig eine bedeutende Rolle spielen, besonders in Ballungsräumen mit begrenztem Bauland.
Praktische Handlungsempfehlungen für IT-Verantwortliche
- Investieren Sie in Energieeffizienz-Analysen: Durch gezieltes Benchmarking von Kühltechnologien und Stromverbrauch lassen sich schnell Potenziale zur Kosten- und CO₂-Reduktion identifizieren.
- Prüfen Sie alternative Rechenzentrumsstandorte: Unterirdische oder modulare Ansätze bieten erweiterte Sicherheits- und Platzvorteile – vor allem für stark wachsende Datenlasten.
- Setzen Sie auf erneuerbare Energien und Speicherlösungen: Die Kombination aus lokaler Produktion und Batteriespeicherung erhöht die Resilienz gegenüber Strompreisschwankungen und Netzausfällen.
Fazit: Innovation mit Tiefgang
Cegekas unterirdisches Rechenzentrum markiert mehr als nur ein technologisches Experiment – es steht exemplarisch für einen Paradigmenwechsel in der IT-Infrastruktur. Die Verbindung aus Energieeffizienz, Sicherheit, Nachhaltigkeit und smarter Flächennutzung setzt neue Standards und zeigt Perspektiven auf, die über klassische Lösungen hinausgehen.
Die Branche ist im Wandel, und Projekte wie dieses könnten schon bald Vorbildcharakter für neue Generationen intelligenter Rechenzentren haben. Wer frühzeitig in zukunftsfähige Konzepte investiert, sichert sich nicht nur technologische Vorteile, sondern auch gesellschaftliche Akzeptanz.
Wie sehen Sie die Entwicklung? Diskutieren Sie mit uns – Welche Rolle sollten unterirdische Rechenzentren in der Digitalstrategie Europas spielen?




