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Von C++ zu Rust: Was der Sprachenwechsel für die IT-Branche bedeutet

Ein heller, modern eingerichteter Arbeitsplatz mit einem aufgeschlagenen Laptop, auf dessen Bildschirm ein klar strukturierter Programmiercode in Rust zu sehen ist, umgeben von entspannt lächelnden Entwickler*innen in natürlichem Tageslicht, die in warmen Farbtönen eine positive Atmosphäre des Innovationswandels in der Softwareentwicklung ausstrahlen.

Rust statt C++? Was vor einigen Jahren als exotische Entscheidung galt, wird zunehmend zur Realität in der Softwareentwicklung – spätestens seit Microsoft angekündigt hat, zentrale Codebasen auf Rust umzustellen. Der Schritt signalisiert eine mögliche Zeitenwende in der Systemprogrammierung – mit weitreichenden Folgen für Entwickler, Unternehmen und die gesamte IT-Landschaft.

Microsofts Kurswechsel: Rust wird erste Wahl bei sicherheitskritischem Code

Im Mai 2023 kündigte David Weston, Vice President für OS Security and Enterprise bei Microsoft, in einem offiziellen Blogpost an, dass das Unternehmen in sicherheitsrelevanten Systemkomponenten der Windows-Entwicklung verstärkt auf Rust setzt – und langfristig C++ in Teilen ersetzen will. Schon seit 2021 wurde experimentell an Rust-Komponenten für Windows gearbeitet, darunter im Windows-Kernel und in Teilen des Drivers Subsystem. Nun wird aus dem Experiment eine strategische Migration.

Der Grund für die Entscheidung ist klar: Rust eliminiert durch sein Ownership-Modell und die damit verbundene Speicherverwaltung ganze Klassen von Bugs, die in C und C++ zum Alltag gehören – besonders sogenannte Use-after-free-Fehler und Buffer Overflows, die in Sicherheitskontexten gravierende Angriffsflächen darstellen. Laut Microsoft gingen rund 70 % aller CVEs (Common Vulnerabilities and Exposures) in Windows zwischen 2006 und 2018 auf Speicherfehler zurück.

Rust ist in der Lage, diese Probleme kategorisch auszuschließen. Durch Compiler-gestützte Garantie der Speicher- und Thread-Sicherheit zur Kompilierzeit lassen sich viele Sicherheitsrisiken bereits vor dem Deployment vermeiden. Dies verringert nicht nur die Angriffsfläche, sondern spart auch erheblichen Aufwand in Code Audits und der Wartung.

Branchenweite Signalwirkung: Wer folgt Microsoft?

Mit Microsofts Schritt rückt Rust endgültig auf die Ebene unternehmenskritischer Softwareentwicklung vor – und wird nicht mehr nur als „cooles Tool für Start-ups“ wahrgenommen. Tatsächlich hat der Trend zur Einführung von Rust in Low-Level-Code eine breite Bewegung ausgelöst, der nun auch Großunternehmen folgen.

Meta (ehemals Facebook) kündigte bereits 2023 an, Rust als primäre Sprache für die Entwicklung sicherer Backend-Services einzusetzen. Amazon Web Services (AWS) verwendet Rust in sicherheitsrelevanten Komponenten des Angebote wie Firecracker und Bottlerocket, einer Linux-basierten Container-Lösung. Auch Google entwickelt zunehmend sicherheitskritische Bibliotheken in Rust, darunter in Android.

Die Linux Foundation listet Rust offiziell als unterstützte Sprache für Kernel-Module. So wurde 2022 erstmals ein Patch in den Mainline-Kernel aufgenommen, der Rust als zusätzliche Sprache für Treiberentwicklung ermöglicht – ein historischer Schritt für das mehr als 30 Jahre alte C-zentrierte System.

Ein deutliches Zeichen, dass wir uns am Anfang eines strukturellen Paradigmenwechsels befinden: weg von C/C++, hin zu sichereren Alternativen mit moderneren Sprachfeatures.

Auswirkungen auf den Jobmarkt und die Entwicklerausbildung

Dieser Wandel hat auch spürbare Folgen für den Arbeitsmarkt: Rust-Entwickler sind gefragt wie nie. Laut dem Stack Overflow Developer Survey 2024 ist Rust zum achten Mal in Folge die „most loved language“, aber nur rund 9 % der Entwickler geben an, bereits signifikante Erfahrung mit Rust zu haben. Die Diskrepanz zwischen Beliebtheit und Verbreitung schlägt sich direkt in der Nachfrage nieder.

Eine LinkedIn-Jobsuche im dritten Quartal 2025 zeigt eine Steigerung um 320 % an Stellenausschreibungen mit „Rust“ im Titel im Vergleich zu 2022. Insbesondere Unternehmen aus den Bereichen Cloud-Infrastruktur, Automotive (z. B. Bosch, Continental), FinTech und Telekommunikation setzen zunehmend auf Rust.

Für Entwickler ergibt sich daraus eine konkrete Chance für Spezialisierung und Karriereaufbau. Gleichzeitig entsteht ein Bedarf an Curricula, Trainings und akademischen Wegen, Rust praxisnah zu lehren. Universitäten und Bootcamps reagieren darauf mit neuen rustbasierten Kursen – beispielsweise bieten US-amerikanische Hochschulen wie das MIT oder Stanford inzwischen Rust-Einheiten in ihren Systemprogrammierkursen an.

Technologische Vorteile: Warum Unternehmen auf Rust setzen

Rust kombiniert die Performance-Fähigkeiten von C++ mit der Sicherheit und Wartbarkeit moderner Sprachen wie Go oder Kotlin. Besonders geschätzt wird es in sicherheitskritischen Bereichen wie:

  • Betriebssysteme und Low-Level-Systemkomponenten
  • IoT-Software mit stark begrenztem Ressourcenbudget
  • Embedded Development (z. B. Automotive oder Medizintechnik)
  • Finanzanwendungen mit höchsten Vorgaben an Korrektheit
  • Blockchain-Protokolle und -Smart Contracts

Laut dem aktuellen „Rust in Production“-Report 2024 der Rust Foundation setzen mittlerweile 36 % aller befragten Unternehmen Rust produktiv ein – ein Zuwachs von 17 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Hauptgründe für den Einsatz sind Effizienz, Sicherheit und bessere Zuverlässigkeit im Deployment.

Darüber hinaus fördert Rust durch seine expressive, aber strenge Typsystematik auch Teamproduktivität: Viele Bugs werden früh entdeckt, Code Reviews sind klarer lesbar und API-Designs durchdachter. Damit eignet sich die Sprache besonders gut für langfristig wartbare Software mit hohen Anforderungen.

Herausforderungen bei der Umstellung: Kein leichter Weg

Obwohl der Nutzen klar scheint, darf die Umstellung nicht unterschätzt werden. Besonders Unternehmen mit gewachsenen Altcodebasen – etwa im Embedded-Bereich oder in der Telekommunikation – stehen vor erheblichen Migrationsaufwänden. C++-Code ist oft tief verzahnt mit Plattform-spezifischen Bibliotheken, Legacy-Systemen und Build-Toolchains.

Ein vollständiger Rewrite ist selten wirtschaftlich. Stattdessen setzen viele Firmen auf einen pragmatischen Weg der Koexistenz: neue Module werden in Rust geschrieben, bestehender C++-Code bleibt bestehen. Die Kompatibilität über Foreign Function Interfaces (FFI) macht dies technisch realisierbar, auch wenn zusätzliche Komplexität in der Integration entsteht.

Zudem ist das Ökosystem von Rust in gewissen Bereichen – etwa bei GUI-Anwendungen oder Machine Learning – noch weniger ausgereift als das von C++. Für manche Einsatzfelder ist ein völliger Umstieg daher (noch) nicht realistisch.

Handlungsempfehlungen für Unternehmen und Entwickler

Für Organisationen, die von den Vorteilen Rusts profitieren wollen, aber Hindernisse beim Umstieg fürchten, empfiehlt sich eine gestufte Migration. Hier einige praxisnahe Vorschläge:

  • Pilotprojekte definieren: Beginnen Sie mit isolierten Komponenten mit hohem Sicherheitsbedarf oder Performance-Anforderungen (z. B. Parsing, Netzwerkkommunikation), um Rusts Stärken gezielt zu nutzen.
  • Wissensaufbau fördern: Investieren Sie in interne Trainings, Pair Programming mit erfahrenen Rust-Entwicklern oder dedizierte Rust-Cohorts in Ihren Teams.
  • Toolchain vorbereiten: Evaluieren und integrieren Sie frühzeitig Build-Systeme (z. B. Cargo mit CMake), Linter, CI/CD-Integration und Testframeworks (z. B. Rust’s `proptest` oder `criterion`).

Auch für Entwickler lohnt sich der Einstieg:

  • Eigene Projekte starten: Tools wie `rustlings`, `tour of rust` oder die Open Source-Beteiligung (z. B. Servo) bieten praxisnahe Lerngelegenheiten.
  • Rust-Zertifizierungen verfolgen: Institutionen wie Udemy oder Coursera bieten mittlerweile Kurse mit anerkannten Abschlüssen für beruflichen Nachweis.
  • Netzwerken und sichtbar werden: Wer Zeit in Vorträge, Tutorials oder Repository-Builds investiert, erhöht seine Sichtbarkeit als Rust-Profi – gefragt wie selten zuvor.

Fazit: Ist Rust das neue C++?

Rust wird C++ nicht kurzfristig vollständig verdrängen – dazu sind die Legacy-Lasten, die Performance-Spezifika und die kulturellen Unterschiede der Unternehmen zu divers. Doch zeichnet sich klar ab, dass Rust das neue „Default“ für neue Projekte in sicherheitskritischen, performanten Umgebungen wird.

Microsofts Entscheidung ist mehr als ein Einzelfall – sie steht exemplarisch für eine Branche, die sich zunehmend sicherer, wartbarer und moderner aufstellen möchte. Gerade angesichts globaler Herausforderungen in IT-Security und steigender Komplexität von Systemen ist dieser Trend nicht nur sinnvoll, sondern notwendig.

Rust ist kein Allheilmittel, aber eine der stärksten Antworten der letzten 20 Jahre auf die strukturellen Defizite alter Systemsprachen. Mit wachsenden Tools, immer besseren Bibliotheken und einer aktiven Community steht es gut um die Zukunft der Sprache.

Was denken Sie? Nutzen Sie Rust bereits im Unternehmen oder stehen Sie vor der Umstellung? Diskutieren Sie mit unserer Community – wir freuen uns auf Ihre Perspektive!

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