Während künstliche Intelligenz unaufhaltsam in alle Wirtschafts- und Lebensbereiche vordringt, geraten die darunterliegenden Infrastrukturen zunehmend ins Visier einer neuen Generation von Cyberkriminellen. KI-Fabriken — also die hochspezialisierten Rechenzentren, die KI-Modelle trainieren und betreiben — stehen im Zentrum einer wachsenden Bedrohungslage im digitalen Raum.
Warum KI-Infrastrukturen zur neuen Zielscheibe werden
Das exponentielle Wachstum von KI-Systemen hat eine neue Klasse von IT-Infrastrukturen hervorgebracht, die extrem rechenintensiv, datengetrieben und technologisch hochkomplex sind. Diese sogenannten KI-Fabriken bestehen häufig aus Clustern tausender GPUs, riesigen Datenpools, agilen Pipelines für Machine-Learning-Modelle und tief integrierten Software-Infrastrukturen. Gerade diese hochkomplexen Strukturen bieten eine breite Angriffsfläche für Cyberkriminelle.
Laut IBM X-Force Threat Intelligence Index 2024 wurden im Jahr 2023 allein 37 % mehr Angriffe auf cloudbasierte KI- und Analytik-Plattformen registriert als im Vorjahr — insbesondere über APIs, unzureichend abgesicherte Zugriffspunkte und durch kompromittierte Entwicklerkonten (Quelle: IBM X-Force, 2024).
Der zunehmende Einsatz von KI in sicherheitskritischen Branchen wie Finanzwesen, Gesundheitswesen und Verteidigung macht KI-Systeme zu attraktiven Angriffszielen. Dabei verfolgen Angreifer unterschiedliche Ziele: Sabotage von Modelltrainings, Industriespionage, Austesten manipulierter Trainingsdaten (Data Poisoning) oder sogar das Umleiten von Rechenressourcen auf eigene Zwecke — wie zum Beispiel verdecktes Kryptomining.
Fünf Gründe, warum Hacker zunehmend KI-Fabriken attackieren
- Wertvolle Trainingsdaten: KI-Systeme verarbeiten oft proprietäre oder hochsensible Daten. Der Diebstahl dieser Datensätze kann wirtschaftlich enormen Schaden anrichten.
- Fehlende Sicherheitsstandards: KI-Engineering ist ein noch junges Feld. Sicherheitsstandards sind in weiten Teilen unausgereift oder inkonsistent implementiert.
- Angriffsfläche durch offene Tools: Viele KI-Pipelines verwenden Open-Source-Toolsets wie TensorFlow, PyTorch und MLflow, die nicht immer sicher konfiguriert sind.
- Exzessive Cloud-Abhängigkeit: Moderne KI-Projekte laufen maßgeblich in Cloud-Infrastrukturen, was zusätzliche Angriffsvektoren über API-Zugriffe, IAM-Konfigurationen und Speicherlösungen schafft.
- Komplexität als Schwachstelle: Die Vielzahl an Komponenten, Bibliotheken, Datenformaten und Automatisierungsstufen erhöht die Fehleranfälligkeit und macht Sicherheitslücken schwer auffindbar.
Spionage, Manipulation und Rechenklau — reale Angriffsbeispiele
Im Februar 2024 deckte die US-Cybersecurity and Infrastructure Security Agency (CISA) eine gezielte Hackergruppe auf, die versucht hatte, das Trainingsverhalten eines multimodalen KI-Modells bei einem US-Rüstungszulieferer zu manipulieren. Die Angreifer injizierten schädliche Daten in den Trainingssatz, um die Outputstabilität im Echtbetrieb zu kompromittieren – ein klassischer Fall von Data Poisoning.
Ein weiteres Beispiel stammt laut Microsofts „Cyber Signals Report“ vom März 2024 aus der Finanzbranche: Ein bislang unbekannter Akteur infiltrierte über kompromittierte Zugangsdaten einen Azure ML Workspace und versuchte, GPU-Cluster für verdecktes Mining der Kryptowährung Monero zu missbrauchen (Quelle: Microsoft, 2024). Die Angriffe blieben wochenlang unentdeckt und verursachten Schäden im hohen sechsstelligen Bereich.
Die Herausforderung Multi-Tenancy und Shared Responsibility
Ein zentrales Sicherheitsproblem moderner KI-Infrastrukturen ergibt sich durch die sogenannte Multi-Tenancy in Cloud-Umgebungen. Dabei nutzen mehrere Kunden gemeinsame Plattformen, Rechenleistung und Speicherressourcen. Fehlerhafte Konfigurationen in Identity & Access Management (IAM) oder unsachgemäße Container-Isolierung führen dazu, dass Datenlecks und Seiteneffekt-Angriffe (z. B. Model Inversion Attacks) erleichtert werden.
Zudem führt das Cloud-Modell zu einer diffusen Verantwortungsverteilung. Während der Cloud-Anbieter für Infrastruktur-Sicherheit zuständig ist, tragen Anwender die Verantwortung für Zugriffssteuerung, Modellhärtung und API-Schutz – ein Umstand, den viele Unternehmen unterschätzen.
Schwachstellen im MLOps-Prozess
MLOps-Workflows bringen ihre eigenen Sicherheitsprobleme mit. Komponenten wie Feature Stores, Modelle in Transit (z. B. via Git oder CI/CD), Modellregister, Retraining-Jobs und Serving-Endpunkte sind häufig durch fehlende Authentifizierung, schwache Verschlüsselung oder minimale Logs gefährdet. Während klassische DevSecOps diese Bereiche berücksichtigt, mangelt es bei MLOps-Lösungen oft an gleichwertiger Absicherung.
Eine Studie des MITRE-Verbunds von 2023 zeigte, dass 62 % der befragten Unternehmen keine klar definierten Richtlinien für das Patchen oder das Monitoring von KI-Modellen implementiert haben (Quelle: MITRE, 2023).
Aktuelle Schutzmaßnahmen und Best Practices
Die Absicherung von KI-Fabriken erfordert einen Paradigmenwechsel in der IT-Security. Klassische Schutzmechanismen wie Firewalls und Virenscanner reichen bei Weitem nicht aus, um komplexe KI-Stacks zu sichern. Unternehmen müssen auf spezialisierte Methoden und automatisierte Sicherheitsarchitekturen setzen, die speziell auf MLOps-Umgebungen abgestimmt sind. Dazu zählen unter anderem modellbasierte Sicherheitsstrategien (Model Hardening), kontinuierliche Risikoanalysen, automatisiertes Threat-Inferencing sowie Zero-Trust-Prinzipien in KI-Workflows.
Empfehlenswerte Maßnahmen zur Absicherung von KI-Fabriken:
- Einführung eines KI-spezifischen Security-Frameworks: Unternehmen sollten bestehende Sicherheitsrichtlinien um KI-spezifische Komponenten erweitern (z. B. NIST AI RMF bzw. ISO/IEC 42001:2023).
- Segmentierung und Monitoring: GPU-Cluster, Speicherzonen und Modellpäpeline-Endpunkte sollten logisch isoliert und durch Echtzeit-Monitoring-Lösungen überwacht werden.
- Sicherer Umgang mit Trainingsdaten: Integritätsprüfungen, Datenvalidierung vor dem Training und Auditing-Mechanismen können Data Poisoning signifikant erschweren.
Zukünftige Herausforderungen: KI-Systeme als Angreifer?
Ein Zukunftsszenario bereitet Sicherheitsexperten zunehmend Sorgen: KI-Systeme selbst könnten zur Waffe werden. Schon heute ist es möglich, mit Hilfe generativer Modelle wie GPT, Codex oder Claude schädlichen Code zu erzeugen — automatisiert, kontextbezogen und schwer zu erkennen. Noch brisanter wird die Lage, wenn KI-gestützte Angriffe auf andere KI-Systeme zielen – etwa durch “Adversarial Examples”, die gezielt Schwächen in der Modellinferenz ausnutzen.
Laut einer Einschätzung des National Institute of Standards and Technology (NIST) vom April 2024 bestehen erhebliche Defizite bei der Robustheit von KI-Modellen gegenüber bösartigen Inputs, insbesondere im Bereich Computer Vision. Die Weiterentwicklung von Methoden wie “Robustness Testing” oder “AESec Benchmarking” seien entscheidend, um diesen Risiken zu begegnen.
Fazit: Sicherheit neu denken – für das KI-Zeitalter
KI-Fabriken sind nicht nur Innovationsmotoren, sondern auch Risikozentren einer vernetzten Zukunft. Wer ihre Sicherheit vernachlässigt, riskiert weit mehr als Datenverlust: Geschäftsmodelle, Reputation und sogar kritische Infrastrukturen stehen auf dem Spiel. Es braucht ein neues Verständnis von Sicherheit – eines, das KI nicht nur als Werkzeug, sondern auch als Sicherheitsobjekt begreift. Unternehmen, Sicherheitsverantwortliche und Entwickler sollten jetzt die Chance nutzen, ganzheitliche Schutzarchitekturen zu etablieren.
Welche Maßnahmen haben Sie bereits ergriffen, um Ihre KI-Systeme zu schützen? Diskutieren Sie mit unserer Community und teilen Sie Ihre Erfahrungen und Best Practices im Kommentarbereich.




