Illegale Streaming-Plattformen, Phishing-Attacken, digitale Erpressung – die Kriminalität im Netz nimmt in einem besorgniserregenden Ausmaß zu. Besonders Bayern steht unter Druck, wo sich die Fälle von Cybercrime in den letzten Jahren nahezu verdoppelt haben. Die für diese Delikte zuständige Spezialstaatsanwaltschaft geht auf dem Zahnfleisch – sowohl personell als auch technisch.
Cybercrime in Bayern: Die Zahlen sprechen eine klare Sprache
Laut dem Bayerischen Landesamt für Statistik wurden im Freistaat im Jahr 2025 rund 21.400 Fälle von Cyberkriminalität registriert – ein Anstieg von über 45 % im Vergleich zum Jahr 2022. Dabei handelt es sich lediglich um die bekannten und erfassten Straftaten. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen, wie Experten regelmäßig betonen.
Die Statistik zeigt, dass insbesondere Delikte wie Erpressung durch Ransomware, Online-Betrug und Datenlecks stark zugenommen haben. Auch das illegale Verbreiten von urheberrechtlich geschütztem Streaming-Content verzeichnet einen sprunghaften Anstieg – ein Phänomen, das sich parallel zur Preisentwicklung im Streaming-Markt beobachten lässt.
Streaming-Inflation und ihre Schattenseite
Die Zahl kostenpflichtiger Streaming-Plattformen und deren monatliche Abo-Kosten sind in den letzten vier Jahren weltweit gestiegen. Laut dem Branchendienst JustWatch zahlt ein durchschnittlicher Haushalt in Deutschland 2025 über 50 Euro monatlich für Streaming-Abos. Das ist ein Anstieg von mehr als 60 % gegenüber 2021.
Parallel dazu boomt der Schwarzmarkt. Torrent-Portale, IPTV-Streaming über illegale Boxen und Account-Sharing-Dienste florieren. Laut einer EUIPO-Studie von 2023 entgehen Rechteinhabern in Europa jährlich rund 3 Milliarden Euro durch illegales Streaming. Diese massive Umgehung legaler Angebote ist nicht nur ein wirtschaftliches, sondern zunehmend ein sicherheitspolitisches Problem. Plattformen mit illegalem Content dienen häufig auch als Vehikel für Malware-Verteilung oder Phishing-Kampagnen.
Spezialstaatsanwaltschaften überlastet – ein strukturelles Problem
In Bayern ist die Zentralstelle zur Bekämpfung von Cybercrime (ZCB) in Bamberg federführend bei der Verfolgung entsprechender Taten. Der bayerische Justizminister Georg Eisenreich zeichnete schon 2024 ein warnendes Bild: Die ZCB habe zwar ihre Mitarbeiterzahl verdoppeln können, stoße jedoch bei der Bearbeitung hochkomplexer, international verzweigter Fälle regelmäßig an organisatorische und rechtliche Grenzen.
Ein Grundproblem: Viele Täter agieren aus dem Ausland, nutzen Anonymisierungsdienste und Kryptowährungen zur Verschleierung. Die Strafverfolgung wird dadurch extrem langwierig – und häufig erfolglos. Auch das technische Know-how und die digitale Ausstattung vieler Behörden hinken dem in der Cybercrime-Szene eingesetzten Modus operandi deutlich hinterher.
Fallbeispiel: LeakBase – ein deutsches Darknet-Archiv mit globaler Wirkung
Ein spektakulärer Fall, der 2025 für Aufsehen sorgte, war der LeakBase-Hack. Eine Gruppe Unbekannter erbeutete bei einem Angriff auf Server eines Münchener Unternehmens Millionen Zugangsdaten, die sie über ein Darknet-Forum weiterverkauften. Die ZCB konnte den Betreiber zwar identifizieren, doch die Verhaftung des mutmaßlichen Haupttäters scheiterte an fehlenden Auslieferungsabkommen mit dem Zielland.
Es zeigt exemplarisch, wie ineffizient nationale Strafverfolgung ohne internationale Kooperation bleibt und wie dringend rechtliche sowie diplomatische Reformen im Bereich digitaler Kriminalität notwendig sind.
Tech-Drift: Warum Täter technologisch immer einen Schritt voraus sind
Cyberkriminelle operieren zunehmend wie professionelle IT-Dienstleister. Sie nutzen KI-generierte Phishing-E-Mails, Deepfakes, automatisierte Botnetze oder steuern ganze Plattformen zur Passwortverifizierung („Checkers“), wie sie besonders für Account-Diebstahl im Gaming- und Streaming-Bereich verwendet werden.
Der internationale Cybercrime-as-a-Service-Markt wächst rasant: Laut einem Bericht von Cybersecurity Ventures wird dieser Markt 2025 auf ein Volumen von weltweit 24 Milliarden US-Dollar geschätzt. Für viele Behörden ist das eine Größenordnung, gegen die institutionelle Ressourcen kaum konkurrenzfähig wirken.
Lösungsansätze: Mehr Prävention, mehr Zusammenarbeit, mehr Technik
Experten sind sich einig: Allein durch Strafverfolgung ist das Problem nicht in den Griff zu bekommen. Vielmehr braucht es einen holistischen, mehrgleisigen Ansatz, der auf technische Innovation, Bildung, internationale Kooperation und strukturelle Modernisierung der Justiz setzt.
Die wichtigsten Empfehlungen aus Sicht von Fachleuten:
- Frühzeitige Prävention und Aufklärung stärken: Breite Bildungsinitiativen in Schulen und Unternehmen zu digitaler Resilienz, Account-Sicherheit und Medienkompetenz können die Angriffsfläche deutlich reduzieren.
- Digitale Ausstattung und IT-Kompetenz von Ermittlern erhöhen: Die Einführung moderner Analysetools, forensischer Softwarelösungen und interdisziplinärer Fortbildungen muss zentraler Bestandteil der Personalentwicklung sein.
- Internationale Koordination verbessern: EU-weite Richtlinien zur Vorratsdatenspeicherung, gemeinsame Taskforces und rechtliche Harmonisierung sind essenziell, um Cyberkriminellen länderübergreifend das Handwerk zu legen.
Blick in die Zukunft: Ist eine Trendwende möglich?
Trotz düsterer Zahlen gibt es positive Entwicklungen. Die Kooperation zwischen Polizei, Justiz und IT-Wirtschaft wird zunehmend verbindlicher, erste Pilotprojekte zur automatisierten Analyse von Cyberindikatoren zeigen vielversprechende Resultate, und die Gesellschaft beginnt, die Bedrohung ernst zu nehmen.
Nicht zuletzt setzt das bayerische Justizministerium auf neue Spezialisierungseinheiten, die sich ausschließlich mit digitalen Großverfahren beschäftigen. Auch in der Ausbildung von Juristen gewinnt IT-Recht zunehmend an Relevanz – ein notwendiger Schritt angesichts der juristischen Komplexität digitaler Straftaten.
Die Bekämpfung von Cybercrime ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nicht nur Ermittlungsbehörden, sondern auch Wirtschaft, Bildungseinrichtungen und jeden Einzelnen betrifft.
Welche Bedeutung misst eure Organisation dem Thema Cybersicherheit bei? Welche Tools, Prozesse oder Strategien haben sich bei euch bewährt? Diskutiert mit uns in den Kommentaren und teilt eure Erfahrungen – denn Sicherheit beginnt mit Wissen und Dialog.




