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Technische Umsetzung: So gelingt der Wechsel von US-Cloud-Diensten zu europäischen Alternativen

In einem modern gestalteten Büro mit großen Fenstern, durchflutet von warmem Tageslicht, sitzt ein fokussiertes, vielfältiges IT-Team um einen Tisch, auf dem Laptops, Tablets und technische Skizzen verteilt sind, während ein erfahrener Cloud-Experte mit freundlichem Lächeln gemeinsame Strategien für den Wechsel zu europäischen Cloud-Lösungen erläutert – eine lebendige Szene der digitalen Souveränität und kooperativen Innovation.

Die Abkehr von US-basierten Cloud-Diensten hin zu souveränen europäischen Alternativen ist mehr als eine politische Entscheidung – sie ist ein komplexes Projekt, das technisches Feingefühl, Planungssicherheit und strategisches Vorgehen verlangt. Der Wechsel kann sich jedoch auszahlen: für besseren Datenschutz, rechtliche Souveränität und nachhaltige IT-Infrastrukturen. Dieser Artikel beleuchtet, wie Unternehmen den Umstieg technisch erfolgreich umsetzen – Schritt für Schritt, praxisorientiert und auf Grundlage konkreter Erfahrungen.

Datenschutz, Regulierung und Abhängigkeit: Warum Unternehmen umdenken

Seit dem Wegfall des EU-US Privacy Shield durch das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (Schrems II) im Juli 2020 stehen US-basierte Cloud-Dienste wie Amazon Web Services (AWS), Google Cloud und Microsoft Azure unter spezifischer datenschutzrechtlicher Beobachtung. Die Nachfolgeregelung – das im Juli 2023 in Kraft getretene EU-U.S. Data Privacy Framework – bringt zwar eine neue rechtliche Grundlage, ist aber weiterhin umstritten und könnte erneut vor Gericht landen. Unternehmen, die auf Nummer sicher gehen wollen, suchen deshalb vermehrt nach europäischen Alternativen.

Laut einer Bitkom-Umfrage von 2024 nutzen 57 % der deutschen Unternehmen Cloud-Dienste in Europa bevorzugt gegenüber US-Anbietern – zehn Prozentpunkte mehr als noch 2022. Der Trend zur digitalen Souveränität wird durch die EU-Initiative GAIA-X ebenso befeuert wie durch nationale Strategien etwa in Frankreich, Deutschland und den Niederlanden.

Martijn Hols, IT-Architekt und Cloud-Spezialist aus den Niederlanden, begleitet Unternehmen seit mehreren Jahren bei der Migration von hyperscalern zu souveränen Cloud-Plattformen wie OVHcloud, Clever Cloud, Hetzner oder IONOS Cloud. Seine Erfahrungen zeigen: Mit der richtigen technischen Planung und einem klaren Modell gelingt die Umstellung sicher, performant und wirtschaftlich.

In den folgenden Abschnitten analysieren wir die wichtigsten Schritte für eine erfolgreiche Migration – von der Vorbereitungsphase über die Tool-Auswahl bis zur Implementierung und dem produktiven Betrieb.

Technische Grundlagen: Was beim Umstieg zu beachten ist

Bevor Daten oder Anwendungen bewegt werden können, braucht es eine Bestandsaufnahme der aktuellen Cloud-Architektur. Welche Services sind kritisch? Welche Daten müssen DSGVO-konform übertragen werden? Welche Workloads lassen sich direkt migrieren – und welche müssen in europäische Plattformmodelle überführt oder sogar neu entwickelt werden?

Typische Herausforderungen bei der Migration sind:

  • Proprietäre Schnittstellen (z. B. AWS Lambda oder Azure Functions), die auf europäischer Seite neu interpretiert oder abgelöst werden müssen
  • Datenlokalität: Rechtskonforme Migration sensibler Daten in Rechenzentren innerhalb der EU
  • Identitätsmanagement: Ablösung von US-zentrierten IAM-Modellen und Integration in europäische Authentifizierungs-Frameworks
  • Monitoring & Logging: Etablierung eines neuen Observability-Stacks auf europäischen Systemen

Holistische Projektplanung empfiehlt sich daher nicht nur aus organisatorischer, sondern vor allem aus technologischer Sicht. Martijn Hols zufolge muss insbesondere die Infrastruktur-Automation von Anfang an neu ausgerichtet werden. Infrastructure-as-Code-Tools wie Terraform oder Ansible sollten so konfiguriert sein, dass die Zielinfrastruktur mit Provider-agnostischen Resourcen arbeitet – ein Prinzip, das vor allem kleineren DevOps-Teams enorme Flexibilität verschafft.

Migrationsstrategie entwickeln: In fünf Phasen zur EU-Cloud

Auf Basis zahlreicher Praxisprojekte empfiehlt Hols ein fünfstufiges Rastersystem für die Umsetzung komplexer Cloud-Migrationen:

  • 1. Discovery & Analyse: Aufnahme aller Applikationen, Services, Datenströme und Sicherheitsanforderungen
  • 2. Zielarchitektur & Plattformwahl: Entscheidung für passende europäische Alternativen wie IONOS Cloud (Deutschland), Scaleway (Frankreich), Exoscale (Schweiz) oder Cleura (Schweden)
  • 3. Cloud-agnostische Abstraktion: Re-Factoring von Applikationen zur Reduktion von Anbieterbindung
  • 4. Migration & Validierung: Stufenweise Verlagerung mit Fokus auf Testbarkeit, Dokumentation und Business Continuity
  • 5. Betrieb & Optimierung: Übergang in den produktiven Betrieb inkl. Auditierung, Monitoring und Security Hardening

Tools und Plattformen für Ihre Migration

Die Auswahl technischer Werkzeuge ist zentral für den Erfolg. Europäische Cloud-Alternativen bieten mittlerweile eine Vielzahl kompatibler Dienste zu den Big Tech-Plattformen:

  • Infrastructure & Virtualisierung: OpenStack (z. B. bei IONOS, OVHcloud), Proxmox VE (Self-Hosting-Umgebungen)
  • Object Storage: Open-Source-Lösungen wie MinIO oder Ceph, integriert in Plattformen wie Hetzner Storage Box
  • Platform-as-a-Service: Clever Cloud (Frankreich) bietet Managed Runtime Environments mit Fokus auf europäische Compliance
  • Kubernetes & Container-Orchestrierung: Rancher, k3s oder Managed Kubernetes via Netcup, Scaleway oder Exoscale
  • DevOps & CI/CD: GitLab (Self-Hosted oder via europäischen Hostern), Jenkins, Drone.io (unterstützt S3-kompatiblen Storage)

Ein häufig genutztes Migrationswerkzeug ist Cloud66, das Container-basierte Anwendungen über Plattformen hinweg orchestrieren kann und sich über VPN-Verbindungen in Zielclouds automatisch integriert. Für Datenmigrationen eignet sich Rclone oder rsync bei SFTP-gestütztem Transfer. Für komplexere Plattformdienste empfiehlt sich der schrittweise Aufbau über Terraform Modules.

Realitätscheck: Erfahrungen aus der Praxis

Laut Hols unterschätzen viele Unternehmen, wie stark Cloud-native Architekturen an US-spezifische Services gebunden sind. Ein Beispiel aus einem niederländischen Energieversorger zeigt: Das Abkoppeln des IAM-Systems von Azure Active Directory erforderte nicht nur technische Umstellungen, sondern auch ein prozessgetriebenes Redesign der Zugriffskontrollen über Keycloak und OAuth2.

Im Gegenzug bringt die Migration aber auch Vorteile: geringere Abhängigkeit von US-Rechtsprechung (z. B. CLOUD Act), einfachere Compliance-Kontrollen und signifikante Kostensenkungen in spezifischen Szenarien. Eine Studie von EuroCloud Deutschland (2024) ergab, dass Migrationen zu europäischen Anbietern in 6 von 10 Fällen zu einer Reduktion der monatlichen Cloud-Ausgaben um durchschnittlich 28 % führten.

Sicherheit, Governance und regulatorische Kontrolle

Neben der technischen Migration ist der Aufbau eines funktionierenden Sicherheitskonzepts entscheidend:

  • Identity & Access Management: Nutzung europäischer IAM-Tools wie Keycloak oder Authstack zur Zugriffskontrolle
  • Audit & Compliance: Aufbau revisionssicherer Logging-Systeme mit EU-zertifizierter Speicherung (z. B. Graylog via Hetzner)
  • Datensicherung: Backup-Lösungen wie BorgBackup, Restic oder Duplicacy mit automatisierter Verschlüsselung und EU-Hosting

Beim Governance-Design sollten Unternehmen auf Sovereign Cloud Frameworks wie des BSI oder der Gaia-X Association zurückgreifen. Entsprechende Referenzarchitekturen helfen, regulatorische Anforderungen effizient zu erfüllen und maximalen Datenschutz umzusetzen.

Checkliste für Ihre Migration

  • Erfassen Sie alle Cloud-basierten Anwendungen mit ihren Abhängigkeiten
  • Prüfen Sie Datenflüsse auf DSGVO-Relevanz
  • Wählen Sie ein passendes europäisches Cloud-Angebot mit lokalem Rechenzentrum
  • Nutzen Sie Infrastructure-as-Code zur automatisierten Provisionierung der neuen Umgebung
  • Verifizieren Sie Sicherheit, Zugriffskontrolle und Datenverschlüsselung in der Zielplattform

Drei konkrete Handlungsempfehlungen

  • Setzen Sie frühzeitig auf Multi-Cloud-Fähigkeit: Minimieren Sie Abhängigkeiten über Containerisierung, APIs und agnostische Tool-Chains.
  • Bauen Sie interne Expertise auf: Schulen Sie DevOps-Teams in europäischen Cloud-Infrastrukturen und souveränen Frameworks.
  • Starten Sie mit Pilotprojekten: Migrieren Sie zunächst nicht-kritische Workloads, um Erfahrungen, Benchmarks und Lerneffekte zu gewinnen.

Fazit: Mehr Souveränität, weniger Abhängigkeit – der Umstieg lohnt sich

Der Wechsel von US-amerikanischen zu europäischen Cloud-Diensten ist kein trivialer Prozess – aber er ist möglich, sinnvoll und zunehmend notwendig. Die Kontrolle über Daten, rechtssichere digitale Infrastruktur und die strategische Unabhängigkeit vom US-Recht machen den Aufwand wert. Martijn Hols’ Erfahrungen zeigen: Mit technischer Stringenz, kluger Plattformwahl und einer sauberen Migrationsarchitektur kann der Wandel gelingen – auch in komplexen Multi-Service-Umgebungen.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit Cloud-Migrationen? Haben Sie bereits einen Umstieg vollzogen oder planen Sie eine Transformation? Tauschen Sie sich mit unserer Community aus und teilen Sie Ihre Best Practices!

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