Hamburg entwickelt sich zu einem der innovativsten Testfelder für autonomes Fahren in Europa. Mitten im realen Stadtverkehr sammeln Fahrzeuge aller Automatisierungsstufen wertvolle Erfahrungen – unter den Augen von Forschern, Verkehrsexperten und einer zunehmend interessierten Bevölkerung. Doch wie funktioniert das autonome Fahren wirklich in einem komplexen urbanen Umfeld?
Lebendiges Labor: Hamburgs Straßen als Testumgebung
Seit der Gründung des „Testfeldes Hamburg“ im Jahr 2018 arbeitet die Hansestadt aktiv daran, die Mobilität der Zukunft greifbar zu machen. In Kooperation mit der Hamburger Hochbahn, dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI), sowie Technologiepartnern wie Siemens Mobility, Continental und IAV entstand eine offene Testumgebung für automatisierte und vernetzte Mobilitätslösungen. Stand Mitte 2025 umfasst das innerstädtische Testareal über 20 Kilometer öffentlicher Straßen, bestückt mit Sensorik- und Kommunikationsinfrastruktur.
Ein bedeutender Meilenstein war das Hamburger ITS-Weltkongressjahr 2021, in dessen Rahmen zukunftsweisende Projekte wie HEAT („Hamburg Electric Autonomous Transportation“) präsentiert wurden: Ein autonomen Kleinbus, der im Stadtteil HafenCity auf einer festgelegten Route unterwegs war – zunächst ohne Passagiere, später mit Sicherheitspersonal und bis Projektende mit echten Fahrgästen.
Technologische Herausforderungen im komplexen Verkehrsalltag
Der städtische Raum stellt KI-gesteuerte Fahrzeuge vor besonders hohe Anforderungen. Während auf Autobahnen strukturierte Umgebungen und vorhersehbare Verkehrsdynamiken dominieren, herrscht innerstädtisch ein hochgradig heterogenes Bild: unregelmäßig platzierte Hindernisse, schlecht sichtbare Verkehrszeichen, dichter Fußgänger- und Radverkehr sowie unvorhersehbare Situationen wie Bauarbeiten oder parkende Lieferdienste.
Autonome Fahrzeuge in Hamburg setzen auf eine Vielzahl an Sensoren – darunter Lidar, Kamera, Radar und GPS –, kombiniert mit hochauflösenden Karten und V2X-Kommunikation (Vehicle-to-Everything). Dennoch bleibt der Datenabgleich in Echtzeit eine Herausforderung. „Die Umgebung verändert sich sekündlich. Unsere Systeme müssen auf dieser Basis präzise und sicher agieren – gerade wenn Regen, Dunkelheit oder reflektierende Flächen die Sensorleistung beeinträchtigen“, erklärt Dr. Andrea Reinhold, leitende Systemingenieurin bei IAV in einem Interview mit unserem Magazin.
Ein weiteres technisches Hindernis betrifft die Integration ins bestehende Verkehrsnetz. Ampelkommunikation, Echtzeitdaten von Verkehrslenkungssystemen und die Priorisierung von Einsatzfahrzeugen müssen in die Entscheidungsmodelle autonomer Fahrzeuge zuverlässig eingebunden werden. Der Aufbau einer belastbaren IT-Infrastruktur entlang der Teststrecke war hierfür unerlässlich.
Erfahrungen der Bevölkerung: Zwischen Skepsis und Neugier
Die Akzeptanz der Hamburgerinnen und Hamburger gegenüber autonomen Fahrzeugen ist bislang durchwachsen – aber im Wandel. Während zu Projektbeginn 2019 laut einer Bitkom-Studie noch 58 % der Deutschen autonomen Fahrzeugen misstrauten, zeigte eine 2025 von der TU Hamburg durchgeführte Befragung im Rahmen des Projekts SmartCityX eine zunehmende Offenheit: 62 % der befragten Testfeldnutzer gaben an, sich einen regelmäßigen Einsatz autonomer Mobilität in ihrer Stadt vorstellen zu können.
Ein Passant am Jungfernstieg, der während einer Testfahrt des autonomen Shuttles „Holon Mover“ interviewt wurde, fasst es so zusammen: „Anfangs hatte ich Bedenken. Aber nach einer Mitfahrt war ich überrascht, wie ruhig und sicher das Fahrzeug fuhr. Sogar bei heftigem Verkehr blieb es souverän.“ Solche Erfahrungsberichte sind auch für die Systementwicklung bedeutsam – denn sie offenbaren blinde Flecken oder Kommunikationsdefizite zwischen Technik und Nutzererwartung.
Marktbewegungen und regulatorische Entwicklungen
Hamburg ist nicht allein im Rennen um die urbane Zukunftsmobilität – sondern Teil eines europaweiten Trends. Die EU-Kommission verfolgt mit ihrem Strategiepapier „Sustainable and Smart Mobility Strategy“ klare Ziele zur CO₂-Reduktion und Automatisierung bis 2030. Deutschland bietet mit dem Gesetz zum autonomen Fahren (2021) bereits den weltweit ersten gesetzlichen Rahmen, der autonomes Fahren der Stufe 4 im öffentlichen Straßenverkehr erlaubt – seit Mai 2022 in Kraft.
Unternehmen wie VW, ZF Friedrichshafen oder Mobileye testen derzeit autonome Fahrzeuge in mehreren deutschen Städten. 2023 kündigte Moia, der Ridesharing-Ableger von Volkswagen, an, ab 2025 gemeinsam mit Argo AI autonome Shuttles auch in Hamburgs Innenstadt zu betreiben. Zwar verzögerte sich das Projekt aufgrund Argo AIs Einstellung, doch Moia verfolgt zusammen mit der VW-Tochter Cariad eine Fortsetzung mit neuer Technologieplattform.
Statistisch gesehen steigt das Marktinteresse kontinuierlich: Laut einer Erhebung von Statista (2024) beläuft sich das geschätzte Marktvolumen für autonomes Fahren in Deutschland im Jahr 2026 auf 4,2 Milliarden Euro – mit einem prognostizierten jährlichen Wachstum von knapp 20 % bis 2030.
Einblicke in die Praxis: Drei Perspektiven
1. Verkehrsgesellschaft: Hamburger Hochbahn
„Unser Ziel ist es, Mobilität neu zu denken. Autonome Fahrzeuge bieten die Chance, Angebotslücken flexibler abzudecken und emissionsarme Alternativen zu schaffen – besonders in den Randlagen“, erläutert Jens Möller, Leiter Neue Mobilität, in einem Gespräch mit unserer Redaktion. Die Hochbahn testet derzeit mehrere autonome Kleinbusse im Verbund mit dem ÖPNV-Fahrplan.
2. Technikpartner: Siemens Mobility
Laut Siemens-Ingenieurin Mina Rajabi steht die Systemintegration im Fokus: „Autonomes Fahren funktioniert nur, wenn Fahrzeuge mit Ampeln, Verkehrsschildern und Leitstellen kommunizieren. Wir arbeiten aktiv an sicheren Informationskanälen und KI-Systemen, die auf menschliches Verhalten vorbereitet sind.“
3. Nutzerperspektive: Familie Thomsen aus Eimsbüttel
„Ich fahre fast täglich mit meinen Kindern autonom zur Kita“, berichtet Jana Thomsen. „Anfangs habe ich jede Fahrt per App überwacht. Inzwischen vertraue ich dem System. Ich glaube, dass meine Kinder damit aufwachsen werden wie mit Smartphones.“
Handlungsempfehlungen für Städte und Verantwortliche
- Verkehrsplanung anpassen: Bereits in der Stadtplanung sollten Sonderfahrstreifen, Ladezonen und Übergabepunkte für autonome Fahrzeuge mitgedacht werden.
- Infrastruktur digitalisieren: Investitionen in V2X-Systeme, Kameras an wichtigen Kreuzungen und Open-Data-Plattformen erleichtern die Integration autonomer Lösungen.
- Dialog mit der Bevölkerung führen: Akzeptanz wächst durch Transparenz, frühzeitige Einbindung und die Möglichkeit, eigene Erfahrungen zu sammeln.
Fazit: Der Weg in die Zukunft ist machbar – aber nicht trivial
Hamburg zeigt eindrucksvoll, wie technologischer Fortschritt mit gesellschaftlicher Einbindung zusammenspielt. Autonomes Fahren funktioniert nicht auf der grünen Wiese, sondern im echten Alltag – mit all seinen Herausforderungen. Je enger Städte, Technologieanbieter und Bevölkerung zusammenarbeiten, desto größer die Chance auf ein sicheres, nachhaltiges und komfortables Mobilitätssystem von morgen.
Diskutieren Sie mit: Welche Erfahrungen haben Sie mit autonomer Mobilität gemacht? Schreiben Sie uns in den Kommentaren oder teilen Sie Ihre Meinung unter #AutonomesHamburg auf sozialen Netzwerken.



