Es begann mit großem Aufsehen: Nikola Motors sollte Tesla in der Nutzfahrzeugbranche Konkurrenz machen, emissionsfreie Trucks revolutionieren und ein neues Kapitel für die Elektromobilität aufschlagen. Doch nur wenige Jahre später zerfiel die Hoffnung – und mit ihr der Börsenwert, das Vertrauen der Anleger und die Glaubwürdigkeit eines der ambitioniertesten Clean-Tech-Unternehmen der letzten Dekade.
Die Gründungsidee: Elektroträume mit Wasserstoffantrieb
Gegründet 2014 von Trevor Milton, hatte Nikola Motors von Beginn an ein klares Ziel: Schwerlastfahrzeuge mit alternativen Antrieben zu bauen – zuerst mit Wasserstoff-Brennstoffzellen, später auch rein elektrisch. Das Unternehmen benannte sich bewusst als antithetisches Pendant zu Tesla. Bereits das erste Konzeptfahrzeug, der Nikola One, sorgte 2016 medienwirksam für Furore.
Die Vision war kühn: Ein emissionsfreier Semi-Truck mit Wasserstoffantrieb, kombiniert mit einer eigenen Wasserstofftankstellen-Infrastruktur und einem innovativen Businessmodell à la „Truck-as-a-Service“. Investoren sprachen von “dem nächsten Tesla”, und an der Börse warteten Millionen auf eine skalierbare Lösung für grüne Logistik.
Nikola Motors gelang im Juni 2020 der Börsengang über ein SPAC (Special Purpose Acquisition Company) mit VectoIQ – inmitten eines Hypes um EV-Start-ups. Nur wenige Tage später überstieg der Unternehmenswert zeitweise 30 Milliarden US-Dollar – obwohl noch kein marktreifes Produkt existierte.
Der Fall: Wie ein Betrugsvorwurf ein Imperium erschütterte
Im September 2020 brachte der Shortseller Hindenburg Research einen explosiven Bericht heraus. Er warf Nikola Motors gezielte Täuschung vor – inklusive gefälschter Produktdemonstrationen und technologischer Irreführung. Ein zentrales Beispiel: Ein Video des Nikola One, der scheinbar selbstständig fuhr, entpuppte sich als schlichte Schwerkraftfahrt bergab. Das Fahrzeug war nicht eigenständig fahrtüchtig.
Die Enthüllungen lösten eine Kettenreaktion aus: Trevor Milton trat als Executive Chairman zurück. Die US-Börsenaufsicht SEC und das Justizministerium starteten Ermittlungen. 2021 wurde Milton offiziell wegen Betrugs angeklagt – 2022 sprach ein New Yorker Geschworenengericht ihn in mehreren Punkten schuldig. 2024 folgte die finale Verurteilung: vier Jahre Haft und hohe Geldstrafen.
Der Schaden für Nikola war immens. Verträge platzten, Partnerschaften – darunter mit General Motors – lösten sich auf oder wurden stark eingeschränkt. Das Vertrauen der Märkte verflüchtigte sich. Der Börsenwert fiel zwischen 2021 und 2023 um über 95 %. Im vierten Quartal 2023 hatte Nikola laut SEC-Filing nur noch rund 80 Millionen Dollar an liquiden Mitteln – bei einem operativen Verlust von 169 Millionen US-Dollar im selben Zeitraum.
Technologische und strategische Versäumnisse
Neben den rechtlichen Problemen offenbarte der Niedergang auch grundlegende technologische und unternehmerische Schwächen. Nikola setzte frühzeitig auf die noch nicht ausgereifte Wasserstoff-Brennstoffzellen-Technologie und unterschätzte sowohl die Infrastrukturkosten als auch die technischen Herausforderungen rund um Speicher, Betankung und Betrieb.
Während Rivalen wie Tesla und BYD konsequent batterieelektrische Konzepte verfolgten und Fahrzeuge in Serie brachten, scheiterte Nikola häufig an der Umsetzung. Selbst 2024 lieferte das Unternehmen nur ca. 50 Nutzfahrzeuge aus – weit entfernt von den angekündigten Produktionszielen.
Auch der eigene Versuch, eine Wasserstoffinfrastruktur aufzubauen, blieb in Ansätzen stecken. Laut einem Bericht von Reuters (Sep. 2023) war erst eine einzige funktionierende betriebsinterne Wasserstofftankstelle in Betrieb. Pläne für ein Netzwerk aus über hundert Stationen verschwanden weitgehend aus den Geschäftsberichten.
Stimmen aus der Branche und Lehren für Start-ups
Branchenanalysten wie Sam Abuelsamid vom Marktforschungsunternehmen Guidehouse Insights sehen im Fall Nikola eine Mahnung: „Der technologische Reifegrad und die Realitätsnähe müssen das Narrativ dominieren – nicht umgekehrt.“
Start-ups im Cleantech- und Mobilitätssektor stehen zunehmend unter dem Druck, skalierbare Geschäftsmodelle vorweisen zu können. Gleichzeitig verführt der Börsenhype rund um SPACs und grüne Technologien dazu, unausgereifte Produkte zu früh zu versprechen. Nikola ist damit nicht allein: Auch Canoo, Arrival oder Faraday Future kämpften 2023 mit ähnlichen Finanzierungs- und Produktionsproblemen.
Dabei ist der Markt grundsätzlich wachstumsstark. Laut dem Marktforschungsinstitut Precedence Research wird der globale Markt für elektrische Nutzfahrzeuge bis 2030 auf über 250 Milliarden US-Dollar wachsen (CAGR: 26,5 %). Gleichzeitig prognostiziert BloombergNEF, dass bis 2040 rund 60 % aller leichten Nutzfahrzeuge weltweit elektrisch betrieben sein werden.
Drei zentrale Lektionen für EV-Start-ups
Der Fall Nikola bietet zahlreiche Erkenntnisse für Gründer, Investoren und Innovationsverantwortliche. Besonders drei Aspekte stechen heraus:
- Transparente Kommunikation ist essenziell: Falsche Versprechen und überzogene Darstellung von Prototypen führen unweigerlich zu einem Reputations-GAU. Start-ups sollten ihren technologischen Stand klar und ehrlich kommunizieren – auch gegenüber Investoren.
- Nicht jedem Trend blind folgen: Der Hype um Wasserstoff war – und ist – real, aber nicht alle Anwendungen sind derzeit technisch oder ökonomisch sinnvoll. Eine realistische Bewertung von Infrastruktur- und F&E-Kosten schützt vor strategischen Fehlentscheidungen.
- Fokus auf Lieferfähigkeit und Skalierbarkeit: Ein gutes Produkt allein reicht nicht. Ohne verlässliche Lieferketten, Produktionskapazitäten und Aftermarket-Strategien ist langfristiger Erfolg unwahrscheinlich.
Ausblick: Ist eine zweite Chance realistisch?
Trotz aller Rückschläge ist Nikola Motors nicht vollständig verschwunden. 2025 meldete das Unternehmen Umsätze in Höhe von 39 Millionen US-Dollar – vor allem durch den vollelektrischen Nikola Tre. Auch neue Führungsstrukturen und Kooperationen mit Speditionsfirmen sorgen für Stabilisierung. Dennoch bleibt unklar, ob Nikola mittelfristig im Wettbewerb mit Playern wie Volvo Trucks, Daimler Truck oder Tesla überleben kann.
Der Markt für Zero-Emission-Trucks ist umkämpft, aber zukunftsträchtig. Entscheidend wird sein, ob Nikola das Vertrauen wiedergewinnen kann. Dafür sind nicht nur Technologie und Kapital notwendig – sondern auch strukturelle Integrität, strategische Fokussierung und Demut gegenüber den Lehren der Vergangenheit.
Fazit: Hoffnungsträger, Mahnmal, Lehrstück
Der Aufstieg und Fall von Nikola Motors ist mehr als die Geschichte eines gefallenen Start-ups. Es ist ein Spiegelbild jener Dynamik, die die grüne Transformation weltweit prägt: große Visionen, technologische Komplexität, enorme Erwartungen und die Notwendigkeit wirtschaftlicher Bodenhaftung.
Für die Elektromobilitätsbranche bleibt Nikola ein Mahnmal – aber auch ein wertvolles Lehrstück. Vielleicht liegt genau darin die größte Chance: die Fehler nicht zu wiederholen, sondern aus ihnen eine robustere, realistischere und integer geführte Innovationskultur zu entwickeln.
Was denken Sie? Diskutieren Sie mit uns in den Kommentaren: Welche Technologien halten Sie für zukunftsfähig – und welche Start-ups verdienen das nächste Vertrauen der Branche?



