Digitale Einkaufsassistenten, die unsere Produktwahl analysieren, Empfehlungen personalisieren und in Zukunft sogar autonome Käufe tätigen: Agentic Commerce, getrieben durch smarte KI-Agenten, verspricht nichts weniger als eine Revolution im Onlinehandel. Doch hält die Technologie, was sie verspricht? Und wie nah sind wir tatsächlich am „autonomen Shopping“?
Was ist Agentic Commerce? Eine neue Ära des E-Commerce
„Agentic Commerce“ beschreibt die Idee eines KI-gesteuerten, proaktiven Handels, in dem Software-Agenten stellvertretend für Nutzer:innen Produkte suchen, bewerten, vergleichen und häufig sogar bestellen – ganz ohne manuelle Interaktion. Damit reiht sich der Begriff in eine neue Evolution des E-Commerce ein: vom klassischen Online-Shopping über Mobile Commerce bis hin zum Conversational und jetzt Agentic Commerce.
Getrieben wird diese Entwicklung durch das Zusammenspiel aus Natural Language Processing (NLP), Recommendation Engines, Behavioral Modelling, Echtzeitdatenverarbeitung und nicht zuletzt Large Language Models (LLMs) wie GPT-4 oder Claude 3. Letztere ermöglichen es, komplexe Anfragen in natürliche Sprache zu verstehen und in strukturierte Handlungen zu übersetzen.
Wie GPT-basierte Systeme den digitalen Handel verändern
Seit dem Durchbruch von LLMs wie ChatGPT hat sich die Interaktion zwischen Konsument:innen und Online-Plattformen grundlegend gewandelt. Statt starrer Menüs nutzen viele Plattformen heute KI-gestützte Assistenten, die in Dialogform Bedürfnisse identifizieren und passende Angebote liefern können. Diese Systeme analysieren historische Präferenzen, Umfeldbedingungen und Produktspezifikationen in Echtzeit.
Ein Beispiel: Statt „Sneaker Größe 43“ in eine Suchleiste einzutippen, sagt der Nutzer einfach: „Ich suche einen nachhaltigen Sneaker für Alltag und leichte Wanderungen, optimal für nasses Herbstwetter.“ Der KI-Agent ermittelt daraufhin passende Modelle, filtert Bewertungen, visualisiert Vor- und Nachteile – und kann in manchen Fällen direkt zur Kasse leiten. Dabei greift er auf ein fein abgestimmtes KI-Backend zurück, das ständig aus Nutzererfahrungen lernt.
Praxistest: ChatGPT im Shoppingalltag
Wir haben exemplarisch den Praxistest gemacht: Wie gut schlägt sich ein generativer KI-Agent in der realen Produktempfehlung? Mithilfe von ChatGPT-4 Turbo mit Web-Browsing und Plugin-Funktionen simulierten wir eine umfassende Kaufberatung für eine Kaffeemaschine unter 300 Euro für einen Zwei-Personen-Haushalt mit Fokus auf Komfort, Qualität und Wartungsaufwand. Der Agent analysierte in Sekundenschnelle diverse Testberichte (u. a. von Stiftung Warentest), verglich Preise in Echtzeit via externen Datenquellen und lieferte drei verständlich erklärte Vorschläge mit Pros und Kontra.
Das Ergebnis war eindrucksvoll – zumindest auf konversationeller Ebene. Die Empfehlungen waren sachlich korrekt, nachvollziehbar begründet und kamen ohne aggressive Upselling-Taktiken aus. Doch beim abschließenden Schritt, also der Weiterleitung zum Webshop, versagte der autonome Kauf: Die von ChatGPT vermittelten Links führten nicht direkt zum Checkout, sondern oft auf überladene Produktübersichten oder fehlerhafte URLs. Hier zeigt sich eine der praktischen Grenzen heutiger Systeme.
Marktentwicklung und wirtschaftliches Potenzial
Die Marktdynamik ist vielversprechend: Eine Analyse des Beratungshauses McKinsey beziffert das Einsparpotenzial personalisierter KI-E-Commerce-Lösungen auf bis zu 1,4 Billionen US-Dollar jährlich weltweit durch effizientere Kaufentscheidungen, sinkende Retourenquoten und gesteigerte Kundenzufriedenheit (McKinsey, „The Economic Potential of Generative AI“, Juni 2023).
Laut dem „E-Commerce Trends 2025“-Report von Statista wird erwartet, dass bis 2027 rund 38 % aller Onlinekäufe weltweit durch autonome oder halbautonome KI-Agenten initiiert werden – aktuell liegt der Anteil laut eMarketer bei rund 9 % (Stand: Q3/2025).
Big Tech hat ebenfalls längst investiert: Amazon experimentiert mit dem hauseigenen KI-Modell „Rufus“ in Kombination mit Alexa, während Google mit „Shopping Concierge“ eine multimodale Kaufberatung über Bard-Integration testet. Auch Shopify rollt KI-Co-Piloten für Händler aus, die automatisch Produktempfehlungen und personalisierte Warenkörbe generieren.
Grenzen und Herausforderungen im Agentic Commerce
Trotz vielversprechender Ansätze ist der Agentic Commerce noch nicht alltagstauglich für die breite Masse. Es bestehen zahlreiche Herausforderungen:
- Datenschutz & Transparenz: Viele Systeme operieren als „Black Box“ ohne nachvollziehbare Erklärung, weshalb ein bestimmtes Produkt empfohlen wurde. Auch die Datenherkunft ist nicht immer ersichtlich.
- Schnittstellen & Interoperabilität: Die Verbindung zu Online-Shops, Lieferdiensten oder Zahlungsprovidern ist oft bruchstückhaft oder nicht in Echtzeit synchronisiert.
- Kognitives Vertrauen: Nutzer:innen zögern, Kaufentscheidungen an Maschinen abzugeben – insbesondere bei finanziell oder emotional relevanten Produkten.
Ein weiterer limitierender Faktor ist die fehlende Standardisierung: Jeder Anbieter entwickelt eigene Agenten-Architektur, oft inkompatibel mit anderen Plattformen. Hier könnten branchenweite Protokolle wie Open Agent Protocols oder die Integration in bestehende Voice Commerce-Standards künftig Abhilfe schaffen.
Agentenökonomie: Wie Unternehmen jetzt handeln sollten
Für Händler, Plattformbetreiber und Entwickler ergibt sich eine zentrale Frage: Wie positionieren wir uns im zukünftigen agentengesteuerten Commerce-Ökosystem? KI-Systeme ersetzen nicht den klassischen Online-Shop, sie erweitern ihn – und verändern die Customer Journey fundamental.
- Investieren Sie in KI-kompatible Schnittstellen: APIs und standardisierte Datenformate sorgen dafür, dass Agenten Ihre Produkte korrekt identifizieren und verarbeiten können.
- Trainieren Sie eigene Domänenagenten: Statt auf generische LLMs zu setzen, lohnt sich die Feinjustierung branchenspezifischer Modelle für höhere Relevanz und Präzision.
- Schaffen Sie vertrauenswürdige Audit-Strukturen: Offenlegung von Datenquellen und Empfehlungsmetriken stärkt das Vertrauen der Nutzer:innen in die Entscheidungsfindung durch KI.
Zudem sollten Unternehmen sich mit regulatorischen Entwicklungen auseinandersetzen: Die EU-AI-Verordnung verpflichtet Anbieter ab 2026 zur Erklärungspflicht bei automatisierten Konsumentenentscheidungen – das betrifft auch Agentic Commerce.
Ausblick: Der Weg zur echten Shopping-Autonomie
Agentic Commerce steht vielleicht am Anfang – doch erste Ergebnisse sprechen eine klare Sprache: Personalisierte, bedarfsgerechte und dialogbasierte Einkaufsströme senken Kaufabbrüche und erhöhen Kundenbindung. Unternehmen, die frühzeitig auf diese neuen Paradigmen setzen, verschaffen sich strategische Vorteile in einem zunehmend fragmentierten Markt.
Entscheidend wird sein, wie effizient technische Standards, rechtliche Rahmenbedingungen und UX-Gestaltung ineinandergreifen. Die Vision ist klar: Ein KI-System, das unsere Wünsche besser versteht als jeder Verkäufer – datenbasiert, vertrauenswürdig und sofort handlungsfähig.
Diskutieren Sie mit uns in den Kommentaren: Haben Sie bereits Erfahrungen mit KI-Shopping-Assistenten gemacht? Wo sehen Sie das größte Potenzial – und welche Risiken?




