Delphi – ein Name, der für viele Entwickler der 90er-Jahre leuchtete wie ein Fixstern am Programmiersprachenhimmel. Heute scheint die Sprache weitgehend aus dem Rampenlicht verschwunden zu sein. Doch während moderne Frameworks wie React, Angular oder Vue den Webentwicklungsmarkt dominieren, stellt sich die Frage: Hat Delphi tatsächlich ausgedient oder schlummert darin ein unterschätztes Potenzial – insbesondere in der Nischen-Webentwicklung?
Die historische Bedeutung von Delphi
Delphi wurde 1995 von Borland als objektorientierte Weiterentwicklung von Turbo Pascal veröffentlicht und verband erstmals visuelle GUI-Entwicklung mit Rapid Application Development (RAD). Schon bald etablierte es sich als bevorzugte IDE für Windows-Programme – nicht zuletzt wegen seiner effizienten Compilerleistung und intuitiven Komponentenarchitektur. Zahlreiche Unternehmensanwendungen, insbesondere in der Finanz- und Industrieautomatisierung, entstanden mit Delphi.
In der Webentwicklung war Delphi jedoch nie die erste Wahl, obwohl bereits in den 2000er-Jahren mit WebBroker oder IntraWeb serverseitige Webanwendungen möglich waren. Als .NET und JavaScript-basierte Frameworks aufkamen, verschob sich der Fokus endgültig.
Delphi heute: Wo wird es noch eingesetzt?
Entgegen mancher Erwartungen ist Delphi keineswegs tot. Gemäß der Entwicklerumfrage „Stack Overflow Developer Survey 2023“ wird Delphi/Object Pascal immerhin noch von 1,78 % der befragten professionellen Entwickler verwendet. Noch beeindruckender: Laut einer Studie von Embarcadero aus dem Jahr 2022 setzen rund 7 % aller mittelständischen Fertigungsunternehmen in Zentraleuropa Delphi-gestützte Lösungen in der Prozessautomatisierung ein.
Ihr Einsatzbereich hat sich jedoch verändert: Delphi fristet heute zunehmend ein Nischendasein – oft im Rahmen langlebiger Legacy-Systeme, insbesondere in Branchen wie Maschinenbau, medizinischer Software, Energie oder Bankenwesen. Aufgrund des stabilen Laufzeitverhaltens und der umfassenden Windows-Integration bleibt es dort bis heute schwer ersetzbar.
Doch es gibt auch Modernisierungsversuche: Mit Embarcaderos RAD Studio ist es heute möglich, via TMS Web Core oder UniGUI Webfrontends aus Delphi-Code zu generieren, die in HTML5 und JavaScript kompiliert werden. Diese Frameworks ermöglichen einerseits die Weiterverwendung vorhandener Geschäftslogik, andererseits Web-Oberflächen, die sich mit modernen Browsern verstehen.
Delphi trifft Web: Technologien und Frameworks
Die wohl interessantesten Tools zur Webentwicklung mit Delphi sind TMS Web Core, das auf dem WebAssembly-Compiler pas2js basiert, sowie UniGUI, das die Ext JS-Bibliothek von Sencha zur Darstellung der Weboberfläche nutzt. Beide erlauben Entwicklern, in Object Pascal zu bleiben und dennoch browserbasierte Interfaces bereitzustellen.
Ein Beispiel ist das Industrieunternehmen HTS GmbH aus München, das über TMS Web Core ein webbasiertes Bedienmodul bestehender SPS-Steuerungen implementiert hat – und dies vollständig aus Delphi heraus. Der Vorteil: vorhandene Backendlogik wurde übernommen, Entwicklungskosten reduziert und bestehendes Know-how genutzt.
Allerdings bringen diese Technologien auch Einschränkungen mit sich: So sind die Community-Größen gering, die Anzahl verfügbarer Module im Vergleich zu gängigen JavaScript-Ökosystemen erheblich limitiert und Continuous-Integration-Möglichkeiten komplexer umzusetzen. Dennoch bleiben sie für bestimmte Szenarien – etwa in regulierten Umgebungen, wo Compliance, Sicherheit und Legacy-Integration eine Rolle spielen – attraktiv.
Wirtschaftliche Relevanz und Migrationsrealitäten
Laut einer Analyse von Statista aus dem Jahr 2024 bestehen weltweit rund 16 % aller produktiven Business-Applikationen aus monolithischen Legacy-Systemen. Delphi nimmt dabei einen bedeutenden Anteil im Windows-Desktopbereich ein. Die Migration solcher Systeme zu neuen Technologien wie .NET oder Webtechnologie erweist sich oft als teuer und riskant.
Eine Studie von Gartner (2023) zeigt: 43 % aller Legacy-Migrationen überschreiten das geplante Budget, 26 % scheitern komplett oder werden abgebrochen. Unternehmen, die bereits seit Jahren unkritisch mit Delphi arbeiten, sehen daher selten einen Grund zur Ablösung.
- Erhaltung strategischer Delphi-Systeme: Bewerten Sie bestehende Systeme hinsichtlich Wartungsaufwand, Relevanz und Upgrade-Fähigkeit, bevor eine Migration geplant wird.
- Einbindung moderner Webtechnologien: Prüfen Sie Technologien wie TMS Web Core, um bestehende Delphi-Systeme ins Web zu verlängern statt sie komplett zu ersetzen.
- Know-how sichern: Fördern Sie aktiv die Ausbildung und Wissensdokumentation für Object Pascal im Unternehmen – auch über Mentorenprogramme.
Delphi im Vergleich: Gegenüberstellung mit JavaScript, .NET, Python
Im direkten Vergleich zeigt sich: JavaScript dominiert als Standard für Frontendentwicklung, während .NET Core und Python starke Positionen im Backend einnehmen. Delphi hingegen ist stark in der nativen Windows-Entwicklung und punktet bei Performance sowie tiefgreifender Hardwareintegration.
Webentwicklungstechnisch wirken Delphi-Lösungen oft über Umwege, da sie entweder auf Wrapper wie Electron oder WebAssembly setzen müssen. Dennoch haben sie einen entscheidenden Vorteil: eine durchgehende Toolchain von Backend über Businesslogik bis zur GUI – in einer Sprache.
Delphi eignet sich in Webprojekten daher weniger für klassische E-Commerce-Plattformen oder Public-Facing Sites, wohl aber für Intranet-Anwendungen, Embedded Panels oder konfigurationslastige Nischenlösungen mit geringen Releasefrequenzen.
Ausblick: Delphi 2030 – Droht das Ende oder kommt ein Revival?
Die zentralen Herausforderungen Delphis liegen weniger in der Plattform selbst, sondern im Nachwuchs- und Community-Bereich. Wenige junge Entwickler lernen noch Object Pascal, Tutorials stagnieren und moderne Entwicklungskulturen sind selten deckungsgleich mit klassischer RAD-Denke.
Gleichzeitig könnte Delphi von einem allgemeinen Trend zur Plattformdiversität profitieren. Low-Code, lokale Entwicklung und Edge Computing gewinnen an Bedeutung – und hier glänzt Delphi mit stabilen Executables, bindungsfreier Auslieferung und hoher Integrationsfähigkeit.
Embarcadero hat das Potenzial erkannt: RAD Studio 13 (2025 erschienen) verbessert u. a. die WebAssembly-Performance, bietet GitHub Copilot-Integration für Object Pascal und einen neuen GUI-Builder für mobile Webprojekte – ein Schritt in die richtige Richtung.
- Delphi-Nutzer: Evaluieren Sie den Einsatz neuer Features in RAD Studio 13 – besonders im Bereich WebAssembly und Deployment.
- IT-Leiter: Berücksichtigen Sie bei Technologieentscheidungen auch Nischenwerte wie Toolchain-Stringenz, Betriebssicherheit und TCO über zehn Jahre.
- Community-Mitglieder: Unterstützen Sie Open-Source-Initiativen für Delphi und fördern Sie den Wissenstransfer über Videotutorials und Meetups.
Fazit: Mehr als Retro – Delphi als funktionale Nische mit Berechtigung
Delphi in der Webentwicklung ist kein Massenphänomen – aber auch keine ausgeträumte Legende. Wer das Potenzial erkennt, etwa in der Verbindung von bestehender Businesslogik mit modernen Web-UIs, kann wirtschaftlich und technologisch profitieren. Ausgleichend müssen jedoch Grenzen akzeptiert und Komplexitätsaufwand realistisch eingeschätzt werden.
Für Unternehmen mit bestehenden Delphi-Codebasen, funktionierenden Wartungsstrategien und branchenspezifischen Anforderungen stellt Delphi auch im Webzeitalter eine funktionale Nische mit Potenzial dar – vorausgesetzt, man pflegt die Technologie aktiv weiter.
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