In einer Zeit, in der Künstliche Intelligenz zunehmend kreative Prozesse beeinflusst, hat Swen Vincke, Gründer und CEO von Larian Studios, ein bemerkenswertes Statement gesetzt: Für Spiele wie Divinity wird KI kontrolliert und bewusst begrenzt eingesetzt. Seine Haltung sorgt in der Gaming-Branche und darüber hinaus für Aufmerksamkeit – und setzt ein Zeichen für ethische Verantwortung im Umgang mit Technologie.
Ein Studio mit Haltung: Warum Larian auf KI-Kunst verzichtet
Im August 2023 veröffentlichte Swen Vincke ein öffentliches Statement auf X (vormals Twitter), in dem er sich klar gegen den Einsatz generativer KI in zentralen kreativen Bereichen wie Konzeptkunst und Charakterdesign positionierte. Hintergrund war die Diskussion darüber, ob und in welchem Umfang KI-generierte Assets in Spielen wie Baldur’s Gate 3 oder einem möglichen neuen Teil von Divinity eingesetzt werden könnten.
Vincke betonte, dass alle kreativen Inhalte des Studios – von der Musik bis zur visuellen Gestaltung – von Menschen erschaffen wurden. Der bewusste Verzicht auf generative KI-Modelle wie Midjourney, DALL·E oder Stable Diffusion sei eine „künstlerische und ethische Entscheidung“, so Vincke. Auch wenn KI zur Unterstützung bei Produktivitätsaufgaben wie Codeanalyse oder Tests zum Einsatz komme, bleibe der kreative Kern unberührt.
Diese Haltung ist nicht selbstverständlich. Viele Studios setzen aus Kostengründen oder Effizienzversprechen inzwischen routiniert generative KI in kreativen Prozessen ein. Studien wie der „State of AI in Creative Industries 2025 Report“ von Deloitte zeigen: Rund 39 % der Spieleentwickler in Europa integrierten 2025 bereits Tools wie Adobe Firefly, Runway oder ChatGPT in den Asset-Produktionsprozess. In Asien liegt diese Zahl sogar bei 51 % (Quelle: Deloitte, 2025).
Kreativität vs. Automatisierung: Wo liegt die rote Linie?
Die Diskussion um KI in der Kreativindustrie kreist oft um einen zentralen Konflikt: den zwischen Effizienz und Authentizität. Während Befürworter betonen, dass KI Kreative entlasten und neue künstlerische Möglichkeiten eröffnen könne, warnen Kritiker vor einer Entwertung menschlicher Kreativität – bis hin zum Verlust künstlerischer Identität.
„Wenn alle Spiele künftig auf generierten Konzepten basieren, verlieren wir die Vielfalt der Handschrift“, sagt etwa Anya Kroll, Gamedesign-Professorin an der Fachhochschule Köln. Sie sieht KI als Werkzeug mit Potenzial – aber warnt vor seiner Dominanz. „KI soll unterstützen, nicht ersetzen.“
Die Rechtssituation verschärft die Lage zusätzlich: Die meisten KI-Kunstgeneratoren basieren auf Trainingsdaten, die ohne Einwilligung von Künstler:innen gesammelt wurden. Die daraus resultierenden Werke bewegen sich juristisch im Graubereich – was Fragen nach Urheberrechten, Fair Use und geistigem Eigentum aufwirft.
Ethik als Wettbewerbsvorteil? Die Positionierung von Larian
Larian Studios, bekannt für hochgelobte Rollenspiele wie Divinity: Original Sin II oder Baldur’s Gate 3, ist durch diese Haltung in eine Vorreiterrolle geschlüpft. Die bewusste Entscheidung gegen generative KI in der künstlerischen Gestaltung wurde in der Branche vielfach gelobt, von der IGDA (International Game Developers Association) bis hin zu Branchenmedien wie Game Developer und Rock Paper Shotgun. Viele sehen darin ein mögliches Zukunftsmodell für Studios, die auf Qualität, Integrität und künstlerischen Anspruch setzen wollen.
„Transparenz und ethische Standards werden für Konsumenten immer wichtiger“, so Lena Maurer, Analystin beim GfK Tech Innovation Lab. Eine repräsentative Umfrage von YouGov aus dem November 2025 ergab: 57 % der deutschen Gamer geben an, Spiele lieber zu kaufen, wenn sie wissen, dass künstlerische Leistungen von Menschen und nicht von Maschinen stammen (Quelle: YouGov Online-Panel, DE, 2025).
Grenzen der Maschinenkreativität: Was kann KI – und was (noch) nicht?
Während KI-Modelle heute beeindruckende Ergebnisse generieren – von fotorealistischer Kunst bis zu durchdachten Storylines – stoßen sie bei kontextueller Tiefe und emotionaler Authentizität oft an Grenzen. Zwar können Modelle wie GPT-5 Pro oder DALL·E 4 inzwischen stilistisch hochpräzise arbeiten, doch fehlt ihnen das unverwechselbare Kreativprofil menschlicher Künstler:innen.
Auch ethische Dilemmata entstehen durch unkontrollierten KI-Einsatz: Wenn KI auf fremde Werke trainiert wird, geraten Urheberschaft und Originalität ins Wanken. Welche Rolle spielt der Mensch im kreativen Prozess noch, wenn Anleitungen reichen, um komplexe Inhalte zu erzeugen?
Swen Vincke argumentiert, dass kreative Prozesse eben mehr sind als das Ergebnis – sie seien Ausdruck individueller Erfahrung, Diskurs und Interpretation. Mit anderen Worten: Kreativität ist eine zutiefst menschliche Domäne.
Was bedeutet das für die Zukunft der Spieleindustrie?
Die Haltung von Larian könnte beispielgebend sein für eine neue Form der kreativen Unternehmensethik in der Gaming-Branche. Dabei geht es nicht nur um Moral, sondern auch um Markenwert, Kundenbindung und langfristige Glaubwürdigkeit.
Studios, die klare KI-Richtlinien etablieren, schaffen Vertrauen – bei der Community, Talenten und Investoren. Larian hat angekündigt, interne AI-Guidelines zu publizieren und regelmäßig zu evaluieren. Diese Art der Governance dürfte künftig ein Erfolgsfaktor werden, ähnlich wie ESG-Kriterien bei börsennotierten Firmen.
Auch Plattformen wie Epic Games oder Unity prüfen inzwischen, wie KI-generierte Inhalte gekennzeichnet und zur Lizenzierung reguliert werden können. Erste Entwürfe für Branchenstandards sind im Rahmen des AI Ethics & Gaming Summit 2025 vorgestellt worden.
Praktische Handlungsempfehlungen für Studios und Kreativschaffende
- Entwickeln Sie klare interne KI-Richtlinien: Legen Sie fest, in welchen Bereichen KI eingesetzt werden darf – und wo menschliche Kreativität unverzichtbar bleibt.
- Transparenz schaffen gegenüber der Community: Kommunizieren Sie offen, ob und wo KI im Entwicklungsprozess verwendet wird. Dies stärkt Vertrauen und kann ein differenzierendes Markenmerkmal sein.
- Binden Sie ethische Beratung frühzeitig ein: Arbeiten Sie mit Ethikbeiräten, Jurist:innen und Künstler:innen, um zukunftsfähige Entscheidungen zur KI-Nutzung zu treffen.
Fazit: Integrität als kreativer Anker
Die Entscheidung von Swen Vincke ist mehr als eine Stilfrage – sie ist ein Weckruf. In einer Ära techno-logischer Machbarkeit braucht es neue Leitplanken für kreative Prozesse. Nicht aus Angst vor Maschinen, sondern aus Respekt vor dem Menschlichen. Larian steht mit seiner Haltung nicht stellvertretend für Nostalgie, sondern für eine bewusste, verantwortliche Vision.
Die Spieleindustrie – und darüber hinaus die gesamte Kultur- und Kreativbranche – steht vor grundlegenden Weichenstellungen. Wie diese aussehen, hängt auch davon ab, wie wir heute über die Grenzen von Künstlicher Intelligenz sprechen. Diskutieren Sie mit: Wie sollte Ihrer Meinung nach ethischer KI-Einsatz in der Kreativbranche aussehen?




