Wirtschaft und Digitalisierung sind längst über nationale Grenzen hinausgewachsen. Für viele Unternehmen bedeuten internationale Datentransfers tägliches Geschäft – aber auch ein wachsendes Spannungsfeld zwischen Effizienz, Rechtssicherheit und Datenschutz. Eine aktuelle Bitkom-Studie zeigt: Kaum ein deutsches Unternehmen kommt ohne den grenzüberschreitenden Austausch digitaler Informationen aus. Doch regulatorische Hürden, geopolitische Risiken und DSGVO-Vorgaben fordern zunehmend neue Antworten.
Globale Datenströme als Rückgrat der digitalen Ökonomie
Die Digitalisierung wirtschaftlicher Prozesse schreitet global voran – der länderübergreifende Austausch von Daten ist unverzichtbar für moderne Wertschöpfungsketten, Cloud-Dienste, Machine-Learning-Anwendungen und das Customer Relationship Management internationaler Konzerne. Eine im Oktober 2023 veröffentlichte Bitkom-Studie unterstreicht diese Entwicklung: 87 % der befragten deutschen Unternehmen übertragen personenbezogene oder unternehmensbezogene Daten regelmäßig in Drittstaaten außerhalb des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR).
Die Gründe für diese hohe Abhängigkeit sind vielfältig: Viele Schlüsseltechnologien, darunter Cloud-Infrastrukturen, Hosting-Dienste oder Analyseplattformen, stammen aus den USA oder Asien. Auch internationale Lieferketten, Remote-Arbeit in multinationalen Teams und das Outsourcing von Geschäftsprozessen wie Support oder Buchhaltung führen dazu, dass sensible Daten jenseits der europäischen Grenzen verarbeitet werden.
Herausforderungen durch DSGVO und Schrems-II-Urteil
Während der Bedarf an internationalen Datenflüssen wächst, verschärft sich zugleich das regulatorische Umfeld. Vor allem die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs im sogenannten „Schrems-II“-Urteil (C‑311/18) vom Juli 2020 hat die Unsicherheiten massiv erhöht: Der EuGH kippte das Privacy Shield-Abkommen zwischen der EU und den USA und erklärte, dass US-Recht keine ausreichenden Garantien für den Schutz personenbezogener Daten nach EU-Standards bietet.
Seitdem stehen Unternehmen vor der Herausforderung, internationale Datenübermittlungen rechtssicher auf Grundlage der EU-Standardvertragsklauseln (SCC) oder anderer Mechanismen abzusichern. Zusätzlich sind Transfer Impact Assessments (TIA) verpflichtend, die eine sorgfältige Risikobewertung der jeweiligen Datenverarbeitung im Drittland verlangen. Diese Anforderungen stellen gerade mittelständische Unternehmen häufig vor erhebliche organisatorische und juristische Hürden.
Wirtschaftliche Risiken beim Verzicht auf internationale Datentransfers
Laut Bitkom sehen sich über zwei Drittel der deutschen Unternehmen durch regulatorische Hürden bei internationalen Datenflüssen eindeutig beeinträchtigt. Besonders problematisch: Ein Verzicht auf globale Cloud-Services und Datentransfers kann die Wettbewerbsfähigkeit erheblich schwächen. 59 % der Unternehmen berichten laut Bitkom von steigenden Betriebskosten, wenn keine internationalen Datenflüsse möglich sind. Weitere 42 % sehen Innovationshemmnisse, etwa bei KI-gestützten Prozessen, die auf globale Trainingsdatensätze angewiesen sind.
Eine zusätzliche Studie des Digitalverbandes eco bestätigt: Der Standortnachteil könnte sich verschärfen, wenn der regulatorische Aufwand in der EU nicht durch praxistaugliche Instrumente und internationale Abkommen kompensiert wird. Immerhin speisen sich viele digitale Geschäftsmodelle – von SaaS-Providern bis hin zu E-Commerce-Plattformen – aus der globalen Konnektivität. Eine Datenlokalisierungspflicht, wie sie gelegentlich politisch diskutiert wird, könnte hier kontraproduktive Wirkungen entfalten.
Datenräume und rechtliche Innovationen: Wege zu mehr Sicherheit
Für Unternehmen ergibt sich die Notwendigkeit, internationale Transfers nicht zu vermeiden, sondern technisch und rechtlich resilient abzusichern. Neben den bestehenden SCC und TIA-Verfahren gewinnen zwei Lösungsansätze an Bedeutung: einerseits „souveräne“ Cloud-Angebote wie GAIA-X, andererseits der Datenschutzrahmen „EU-US Data Privacy Framework“ (DPF), der im Juli 2023 von der EU-Kommission verabschiedet wurde.
Das DPF soll ein stabiles rechtliches Gerüst für Transatlantik-Datentransfers schaffen. Es verpflichtet US-Unternehmen, sich einem verbindlichen Datenschutzregime mit besseren Rechtsbehelfen und unabhängiger Kontrolle zu unterwerfen. Der frühere US-Präsident Joe Biden hatte dazu im Oktober 2022 mit Executive Order 14086 einen ersten politischen Rahmen geschaffen. Laut Aussage der EU-Kommission entspricht dieser neue Mechanismus den Anforderungen des EuGH, wenngleich zivilgesellschaftliche Gruppen wie NOYB bereits neue Klagen angekündigt haben.
Technologischer Ausblick: Privacy Enhancing Technologies gewinnen an Relevanz
Neben regulatorischen Antworten entwickeln sich auch technische Lösungen für sichere Datenverarbeitung über Grenzen hinweg. So setzen immer mehr Unternehmen auf sogenannte Privacy Enhancing Technologies (PET), darunter Verfahren wie Datenminimierung, Anonymisierung, Homomorphe Verschlüsselung und Secure Multi-Party Computation (SMPC). Diese Technologien ermöglichen es, Analyseprozesse auch auf sensiblen Datensätzen durchzuführen, ohne dass diese Daten zentral oder vollständig übertragen werden.
Ein aktueller Bericht der OECD zu PETs betont deren wachsende Bedeutung für die internationale Datenökonomie: Sie bieten nicht nur höheren Datenschutz, sondern auch Potenzial für neue Datentreuhandmodelle und sektorübergreifende Innovationsnetzwerke.
Praxisbeispiele aus der Industrie
Schon heute zeigen Unternehmen, wie internationale Datentransfers DSGVO-konform umgesetzt werden können:
Der deutsche Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen nutzt beim Austausch sensibler Telematikdaten mit globalen Tochtergesellschaften ein mehrstufiges Modell: Standardvertragsklauseln, detaillierte TIAs und technische Schutzmaßnahmen wie End-to-End-Verschlüsselung und rollenbasierter Zugriff kommen parallel zum Einsatz.
Auch SAP verfolgt mit seiner Data Custodian-Lösung einen souveränen Cloud-Ansatz: Kunden können entscheiden, in welcher Region ihre Daten physisch gespeichert werden, während Prüfbarkeit und Compliance zentral gesteuert werden.
Empfehlungen für Unternehmen
Um internationale Datentransfers sowohl rechtskonform als auch wirtschaftlich tragfähig zu gestalten, sollten Unternehmen folgende Punkte beachten:
- Risikobasierte Analyse implementieren: Führen Sie verpflichtende Transfer Impact Assessments konsequent durch – idealerweise mit systematischer Bewertung der Rechtssysteme und IT-Sicherheitsarchitektur im Empfängerland.
- SCCs aktualisieren und technisch absichern: Nutzen Sie die aktuellen Standardvertragsklauseln der EU-Kommission (2021/914 vom 4. Juni 2021) und kombinieren Sie diese mit Verschlüsselung, Pseudonymisierung oder Tokenisierung.
- Privacy-by-Design umsetzen: Integrieren Sie Datenschutzmechanismen bereits in der Software- und Prozessentwicklung, etwa durch Zero-Trust-Architekturen, lokale Verarbeitung und strikte Zugriffskontrollen.
Regulierungsblick 2026: Harmonisierung oder Fragmentierung?
Die kommenden Jahre werden entscheidend dafür sein, ob es gelingt, einen global tragfähigen Rahmen für den Datenschutz zu schaffen. Die EU arbeitet parallel zum DPF an weiteren bilateralen Vereinbarungen z. B. mit Japan, Südkorea und Kanada. Gleichzeitig entstehen mit Regelwerken wie dem Digital Services Act (DSA) und dem AI Act neue Rechtskomplexe, die auch internationale Datenverarbeitung berühren.
Internationale Standardisierungsinitiativen – von der ISO über GAIA-X bis zur G7-Digitalministerkonferenz – zielen darauf ab, konkurrenzfähige und zugleich datenschutzfreundliche Architekturen für globale digitale Dienste zu etablieren. Ob dies gelingt, hängt jedoch auch von politischen Entwicklungen in China, den USA und anderen Großmächten ab, die ihre nationale Souveränität über Datenschutz verstärkt zur strategischen Ressource machen.
Fazit: Globale Datenflüsse mit Verantwortung gestalten
Internationale Datentransfers bleiben ein unverzichtbarer Bestandteil moderner digitaler Wertschöpfung – sowohl technisch als auch ökonomisch. Die Herausforderung liegt darin, sie so zu gestalten, dass Innovationsfähigkeit nicht auf Kosten des Datenschutzes geht. Unternehmen sind daher gefordert, technische, rechtliche und organisatorische Maßnahmen zu integrieren, um Vertrauen und regulatorische Sicherheit gleichermaßen zu schaffen.
Ob transatlantischer Datenaustausch, asiatische Rechenzentren oder globale KI-Infrastruktur – Unternehmen und Politik befinden sich in einem Balanceakt zwischen Öffnung und Schutz. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um in zukunftsweisende Strukturen zu investieren. Haben auch Sie bereits Strategien für internationale Datentransfers implementiert oder Herausforderungen erlebt? Diskutieren Sie mit uns in den Kommentaren!




