WinRAR steht seit Jahrzehnten auf Millionen Windows-Rechnern weltweit – und genau das macht das beliebte Packprogramm zu einem lohnenden Ziel für Cyberangreifer. Eine kürzlich offenbarte Sicherheitslücke hat das Programm wieder in den Fokus der globalen IT-Sicherheitsgemeinschaft gerückt. Obwohl ein offizieller Patch längst verfügbar ist, zeigen sich neue Angriffsmethoden, die selbst gepatchte Systeme betreffen könnten. Was steckt dahinter – und wie können sich Nutzer:innen und Unternehmen effektiv schützen?
WinRAR-Sicherheitslücke: Komprimiertes Einfallstor für Schadcode
Im Sommer 2023 veröffentlichte das Threat Analysis Group (TAG) von Google eine Analyse zu einer Sicherheitslücke in WinRAR (CVE-2023-38831), die es Angreifern ermöglichte, speziell präparierte ZIP-Archive zu erstellen. Die Lücke nutzte Schwächen in der Art aus, wie WinRAR Batch-Dateien in Archiven interpretiert, insbesondere im Kommandokontext beim Öffnen über das Windows Kontextmenü.
Laut Google wurden diese Exploits aktiv ausgenutzt, unter anderem durch staatlich unterstützte Hackergruppen, die Phishing-Archive über Online-Foren und Krypto-Trading-Plattformen verteilten. Besonders perfide: Ein Opfer klickt gutgläubig auf eine scheinbare PDF-Datei im ZIP-Archiv – tatsächlich führt der Klick jedoch eine BAT-Datei mit Schadcode aus, welche im Hintergrund unbemerkt Malware nachlädt oder Informationen absaugt.
Für CVE-2023-38831 stellte der WinRAR-Hersteller RARLAB im August 2023 ein Update zur Verfügung (Version 6.23), das die Schwachstelle behebt. Doch wie sich schnell herausstellte, war damit lediglich das direkte Exploit-Muster blockiert – neue kreative Missbrauchsformen ließen sich davon jedoch nicht vollständig aufhalten.
Reaktive Patches versus ausweichende Angriffspfade
Sicherheitsforscher von Google und anderen Institutionen stellten bereits kurze Zeit nach Veröffentlichung des Patches fest, dass Angreifer neue Wege fanden, ähnliche Archive zu konstruieren, die den neuen Schutzmechanismus umgingen. Die grundlegende Verwundbarkeit liegt nämlich nicht nur im Dateitypenhandling, sondern in der unsicheren Interaktion zwischen WinRAR und der Windows-Shell.
Besonders problematisch ist dabei, dass auch gepatchte Systeme weiterhin ein Risiko tragen, wenn sie auf bestimmte alte Verhaltensmuster hereinfallen – etwa bei manipulierten Dateinamen mit Leerräumen, Unicode-Tricks oder wechselnden Dateierweiterungen (z. B. „report.pdf .bat“). Diese Umgehungstechniken basieren auf sogenanntem „Filename Masquerading“, das auch andere Anwendungen betrifft, doch bei WinRAR besonders effektiv eingesetzt wurde.
Ein Report von Group-IB aus dem Jahr 2023 zeigt, dass allein im dritten Quartal über 130 relevante WinRAR-Malware-Kampagnen dokumentiert wurden – darunter Gruppen wie DarkPink (APT37), die sich mutmaßlich durch staatliche Akteure unterstützt sehen. Opfer stammten dabei laut Google TAG-Analyse aus Europa, Südostasien und den USA, häufig im Finanz- und Regierungssektor.
Warum WinRAR? Die angreifbare Architektur eines alten Bekannten
Die weit verbreitete Nutzung von WinRAR ist einer der Hauptgründe, warum es zum Ziel professioneller Cyberkampagnen wird. Laut Statista nutzten im Jahr 2025 rund 38 % der weltweiten Windows-Nutzer:innen regelmäßig WinRAR oder verwandte Tools zum Entpacken von Archiven (Quelle: Statista, 2025).
Ein weiteres Problem ist die Architektur: WinRAR ist als klassische Win32-Anwendung tief mit dem Windows-Dateisystem und Kontextmenüs verknüpft. Diese Interaktionen – insbesondere wenn benutzerdefinierte Dateiverknüpfungen oder Archivoptionen aktiviert sind – öffnen viele potenzielle Einfallstore für Attacken.
Besonders riskant wird es, wenn Organisationen veraltete Versionen verwenden. Laut UpGuard war allein 2024 bei immerhin noch 21 % der gescannten Enterprise-Systeme eine WinRAR-Version älter als 6.20 im Einsatz (Quelle: UpGuard Threat Intelligence Report, Q4 2024). Viele davon in verwalteten Windows-Netzwerken ohne automatische Patchauslieferung.
Empfehlungen von Google TAG: Prävention vor Schadarchiven
Die Google Threat Analysis Group empfiehlt in ihrer Veröffentlichung zur WinRAR-Sicherheitslücke nicht nur die Installation aktueller Versionen (mindestens 6.23 oder höher), sondern rät auch zu einem grundsätzlichen Umdenken im Umgang mit Dateianhängen. Dazu gehören insbesondere folgende Maßnahmen:
- WinRAR-Alternativen prüfen: In sicherheitskritischen Umgebungen sollte über alternative Archivierungssoftware nachgedacht werden, die mit restriktiveren Sandbox-Mechanismen arbeitet oder klarere MIME-/Dateitypenkontrollen integriert.
- Eingeschränkte Benutzerrechte: Nutzer sollten keine Administratorrechte besitzen, wenn sie mit Archiven und ausführbaren Inhalten arbeiten. Dies reduziert das Schadenspotenzial bei Exploits erheblich.
- Deaktivierung von Kontextmenü-Quickaktionen: Viele der Angriffspfade funktionieren nur beim Öffnen über das Rechtsklickmenü. Eine bewusste Deaktivierung dieser Funktionen kann das Risiko erheblich reduzieren.
Google hebt zudem hervor, dass Threat-Actor-Gruppen zunehmend auf sogenannte „Living off the Land“-Techniken setzen – also vorhandene Windows-Komponenten wie PowerShell, WMI oder certutil.exe zur Ausführung schädlicher Prozesse zu nutzen. Dies macht es insbesondere für Endpoint-Protection-Systeme schwieriger, adäquate Erkennungssignaturen zu definieren.
Verhaltensbasierte Malware-Erkennung gewinnt an Bedeutung
Angesichts der Umgehungsmöglichkeiten klassischer signaturbasierter Schutzsysteme raten Experten wie die Analyst:innen von Mandiant oder Kaspersky zunehmend zur Nutzung verhaltensbasierter Sicherheitstools. Diese setzen auf heuristische Analysen, Machine Learning und Kontextprüfungen, um verdächtige Muster auch in vermeintlich legitimen Prozessen zu identifizieren.
Microsoft Defender etwa bietet mittlerweile standardmäßig „Attack Surface Reduction (ASR)“-Regeln, die typische Verhaltensmuster von Archivexploits blockieren – z. B. wenn ein Archiv entpackt wird und sofort eine ausführbare Datei startet. Solche Mechanismen sollten in Unternehmen zwingend aktiviert und geprüft sein.
Drei praktische Schutzmaßnahmen für Alltag und Unternehmen
- Updates konsequent einspielen: Organisationen sollten sicherstellen, dass aktuelle Versionen von WinRAR (ab 6.23) im gesamten Netzwerk ausgerollt sind. Veraltete Installer sollten zentral gelöscht werden.
- Archivanhänge blockieren oder isolieren: Mailserver-Filtern sollte so konfiguriert sein, dass Archive mit eingebetteten ausführbaren Dateien blockiert oder zumindest in isolierten Analyseumgebungen geöffnet werden.
- Dateierweiterungen bewusst anzeigen: Windows-Nutzer:innen sollten die Anzeige von bekannten Erweiterungen aktivieren – so lassen sich Täuschungsversuche wie „.pdf.exe“ leichter entlarven.
Zusätzlich empfiehlt das BSI, Inhaltsanalysen von eingehenden ZIP-/RAR-Dateien durch automatisierte Systeme wie Cuckoo Sandbox oder Falcon Sandbox durchzuführen – mindestens jedoch als ergänzende Schutzschicht neben E-Mail-Filtern.
Fazit: Alte Technologien, neue Gefahren
Die anhaltende Relevanz von WinRAR-basierten Angriffen offenbart ein strukturelles Problem im Umgang mit Altsoftware: Selbst wenn Schwachstellen bekannt sind und Patches existieren, bleibt eine Latenz in der Umsetzung und eine kreative Persistenz der Angreifergruppen. Der Schutz beginnt daher weniger bei der konkreten WinRAR-Version als beim Gesamtkonzept aus Umgang, Rechten, Systemhärtung und Sensibilisierung.
Unternehmen müssen Archive-Anhänge neu bewerten und technisch wie organisatorisch auf solide Sicherheitsgrundlagen stellen. Für Nutzer:innen kann ein bewusster Umgang mit Dateien aus unbekannten Quellen bereits entscheidend sein. Denn auch 2026 gilt: Ein Klick auf das falsche Archiv kann ganze Netzwerke kompromittieren.
Welche Strategien habt ihr bereits in euren Unternehmen oder privat umgesetzt, um euch vor Archiv-Angriffen zu schützen? Teilt eure Erfahrungen und Fragen gerne in den Kommentaren!



