Mit einem neuen Sicherheitsmodus reagiert WhatsApp auf die wachsenden Anforderungen an digitalen Schutz und Datenschutz. Gleichzeitig kommen von der EU umfassende Regulierungsinitiativen auf Messenger-Dienste zu, die Grundsatzfragen der Kommunikation betreffen. Was bedeutet das für Nutzer – privat wie geschäftlich?
Neuer WhatsApp-Sicherheitsmodus: Schutz vor unbekannten Absendern
WhatsApp hat Anfang 2026 ein Update vorgestellt, das eine zusätzliche Sicherheitsfunktion beinhaltet: Anhänge von unbekannten Absendern werden nun standardmäßig blockiert. Nutzer erhalten lediglich eine Benachrichtigung mit der Option, die Datei manuell freizugeben. Ziel ist es, vor Malware, Phishing-Versuchen oder gezielten Spionage-Angriffen zu schützen, die häufig über Direktnachrichten initiiert werden.
Meta begründet den Schritt mit dem kontinuierlich wachsenden Bedrohungspotenzial über Chatplattformen. Laut dem jüngsten „Cyber Threat Report“ der Europäischen Agentur für Cybersicherheit (ENISA) aus dem Jahr 2025 verzeichneten Messenger-Dienste einen Anstieg von 67 % bei schadhaften Dateianhängen im Vergleich zum Vorjahr.
Die neue Funktion wurde zunächst für Android und iOS in der EU ausgerollt und soll bis März 2026 weltweit ausgerollt werden. Neben der Blockade von Anhängen erhalten Nutzer Tooltips und Empfehlungen zur vorsichtigen Interaktion mit unbekannten Kontakten. Unternehmen, die WhatsApp Business nutzen, können diese Funktion zentral deaktivieren, wenn sie aktiv mit Neukunden außerhalb ihrer Kontaktlisten arbeiten.
EU-Regulierung in Sicht: Chatkontrolle, E2E-Verschlüsselung und staatliches Scannen
Parallel zu den technischen Sicherheitsfunktionen von Meta steht WhatsApp – wie auch andere Messenger – unter erhöhtem regulatorischem Druck. Die von der EU-Kommission seit 2023 verfolgte Initiative zur Bekämpfung von Kindesmissbrauch im Netz, oft als „Chatkontrolle“ bezeichnet, erlebt derzeit eine Neuauflage. Der überarbeitete Entwurf der Verordnung „EU-Gesetz zur Prävention und Bekämpfung sexuellen Missbrauchs von Kindern“ (COM/2022/209) enthält weiterhin die Möglichkeit, Anbieter zum Durchsuchen verschlüsselter Inhalte zu verpflichten.
Datenschützer wie der Chaos Computer Club, Digitalcourage und auch die Europäische Datenschutzbeauftragte (EDSB) Hannah Neumann warnen hingegen vor einem faktischen Verbot sicherer Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und dessen tiefgreifender Wirkung auf Grundrechte. Einem gemeinsamen Statement von über 80 zivilgesellschaftlichen Organisationen zufolge würde eine verpflichtende Client-Side-Scanning-Funktion die Integrität digitaler Kommunikation massiv gefährden.
Im Dezember 2025 kündigte die EU-Ratspräsidentschaft unter Leitung Schwedens an, dass Kompromissvorschläge in Vorbereitung seien, die „eine Balance zwischen Kinderschutz und Kommunikationssicherheit gewährleisten sollen“. Allerdings bleibt unklar, wie diese technisch umgesetzt werden könnten, ohne den Kern moderner Verschlüsselungstechnologien auszuhöhlen. WhatsApp selbst reagiert mit Skepsis: „Wir glauben nicht, dass ein Modell, in dem Chat-Apps nach potenziellen Straftaten scannen, ohne massenhafte Falschpositivmeldungen auskommt oder dabei Rechte wahrt“, so ein Meta-Sprecher gegenüber der dpa.
Zwischen Regulierung und Innovation: Wie Unternehmen reagieren sollten
Für Unternehmen ist der regulatorische Wandel ein zweischneidiges Schwert. Einerseits stärkt ein besserer Schutz gegen Schadsoftware und Phishing-Angriffe die Integrität ihrer Kommunikationsprozesse. Andererseits bringt die drohende Chatkontrolle rechtliche Unsicherheiten mit sich – insbesondere für Branchen, die auf Vertraulichkeit und verschlüsselte Kommunikation angewiesen sind, wie Rechtsberatung, Journalismus oder das Gesundheitswesen.
Viele Messaging-Dienste reagieren mit strukturellen Änderungen. Signal etwa prüft laut eigenen Angaben die Implementierung alternativer Infrastrukturen im Fall gesetzlicher Eingriffe. Threema und Element (Matrix-Protokoll) haben bereits erklärt, keine Technologien zu integrieren, die mit ihrer offenen Architektur unvereinbar sind.
Ein Bericht von Statista (2025) zeigt zudem eine steigende Zahl von Unternehmen, die auf selbstgehostete Messenger-Lösungen zurückgreifen: 42 % der mittelständischen Betriebe in Deutschland nutzen 2025 interne Chatlösungen, 12 Prozentpunkte mehr als im Jahr zuvor.
Expertenmeinungen zur Zukunft sicherer Messenger-Kommunikation
Dr. Linus Neumann, IT-Sicherheitsberater und Mitglied des Chaos Computer Clubs, hält die aktuelle WhatsApp-Funktion für einen „überfälligen und sinnvollen Schritt Richtung Nutzerprotektion im Alltag“. Allerdings zeige er auch, wie labil die Situation sei: „Ohne rechtliche Rückendeckung der Verschlüsselung könnten solche Schutzmaßnahmen langfristig nicht bestehen.“
Rechtsanwältin und Datenschutzexpertin Katrin Horn aus München warnt zudem vor juristischen Grauzonen: „Sobald Anbieter wie WhatsApp gezwungen werden könnten, Inhalte systematisch zu analysieren, verändert sich die rechtliche Natur der Kommunikation – weg von privat zu überwacht.“
Gleichzeitig betont Bitkom-Sprecher Alexander Rabe, dass Datenschutz auch unter dem Eindruck gesellschaftlicher Verantwortung stehe: „Eine differenzierte Regulierung ist notwendig, aber nicht jede Maßnahme darf den technologischen Fortschritt behindern. Innovation muss mit Rechtssicherheit vereinbar sein.“
Empfehlungen für Nutzer und Unternehmen
Angesichts wachsender Bedrohungen und unklarer Regulierung eröffnen sich konkrete Handlungsmöglichkeiten, den digitalen Austausch sicherer zu gestalten:
- Aktivieren Sie die neuesten Sicherheitsfunktionen in WhatsApp, einschließlich Prüfung unbekannter Absender und Zwei-Faktor-Authentifizierung.
- Überprüfen Sie regelmäßig Ihre Messenger-Nutzung: Welche Kommunikationskanäle sind verschlüsselt, welche Anbieter geben Ihnen Kontrolle über Ihre Daten?
- Für Unternehmen empfiehlt sich die Evaluierung alternativer, datenschutzkonformer Messenger-Dienste mit Auditierbarkeit und Hosting unter eigener Kontrolle.
Der Balanceakt zwischen Sicherheit und Freiheit
Ob technologische Schutzmaßnahmen wie der neue WhatsApp-Sicherheitsmodus oder politische Vorstöße wie die EU-Regulierung – Digitalisierung bleibt ein Spannungsfeld zwischen Fortschritt, Sicherheit und Grundrechten. Gerade in Zeiten zunehmender Cybergefahren und wachsender regulatorischer Eingriffe ist es umso wichtiger, den Schutz der digitalen Vertraulichkeit nicht leichtfertig preiszugeben.
Diskutieren Sie mit: Wie schützen Sie Ihre Kommunikation im digitalen Alltag? Welche Messenger-Dienste vertrauen Sie – und warum? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in den Kommentaren oder tauschen Sie sich mit der Community aus.



