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Software als Werkzeug: Fachlichkeit im Mittelpunkt

Ein hell erleuchteter, moderner Arbeitsraum voller engagierter Entwickler:innen und Fachleute, die bei natürlichem Tageslicht gemeinsam an einem digitalen Whiteboard komplexe Fachmodelle und Softwarelösungen besprechen, während warme Holzakzente und freundliche Mimik eine vertraute Atmosphäre des echten Verständnisses und kreativen Austauschs schaffen.

Funktion vor Framework: In einer Branche, die sich von Hype zu Hype bewegt, geraten fachliche Anforderungen – das eigentliche „Warum“ der Software – oft in den Hintergrund. Doch wer nachhaltige, wartbare und wirksame Systeme bauen will, muss die Fachlichkeit wieder konsequent ins Zentrum rücken.

Hinter dem Technologierauschen: Warum wir Software überhaupt bauen

Ob Kubernetes, React, AI-generierte Codevorschläge oder neue Orchestrierungsplattformen – technologische Diskussionen dominieren seit Jahren die IT-Welt. Fachkonferenzen, Onlineforen und soziale Medien sind voll von Debatten über Toolchains, Deployment-Strategien oder neue Programmiersprachen. Dabei wird oft vergessen: Software ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Werkzeug, das dazu dienen soll, fachliche Probleme auf bestmögliche Weise zu lösen.

Laut einer Studie von McKinsey (2022) verbringen Entwickler:innen im Schnitt weniger als 30 % ihrer Zeit mit echter Problemlösung und Domänenverständnis – den Rest verschlingen technische Infrastruktur, Meetings und Tool-Instandhaltung. Diese Schieflage kostet Produktivität und Innovationskraft. Der deutsche Software-Architekt Dr. Eberhard Wolff bringt es auf den Punkt: „Technologie folgt der Fachlichkeit – nicht umgekehrt.“

Nachhaltige Digitalisierung bedeutet daher: statt Tool-Fetischismus braucht es mehr Augenmerk auf Geschäftslogik, Nutzerbedürfnisse und korrekte Modellierung.

Vom Requirements-Stau zur Fachdomain: Ursachen des Tech-Fokus

Doch warum ist Technologie in der Praxis oft wichtiger als die fachlichen Anforderungen? Hier spielen mehrere Faktoren eine Rolle:

  • Schnelle technologische Zyklen: Frameworks und Tools veralten rasant, Teams reagieren mit „Technologie-refreshes“, um relevant zu bleiben.
  • Komplexität und Überforderung: Softwareentwicklung umfasst heute Infrastruktur, Sicherheit, DevOps und Testautomatisierung. Dieser technologische Overhead lässt wenig Raum für tiefes Verständnis der Fachdomänen.
  • Karrieren und Prestige: Entwickler:innen profilieren sich häufig über Technologiekenntnisse – nicht über fachliches Problemlösungsvermögen.
  • Verlust der Kundennähe: Agile Praktiken wie Scrum adressieren zwar Prozesse, stärken aber nicht automatisch die Verbindung zur realen Nutzungssituation.

Das führt dazu, dass ganze Teams technische Perfektion zur Norm erklären, während Fachlichkeit zur Nebensache wird. Doch eine auf technischen Glanz getrimmte Architektur nützt wenig, wenn sie das eigentliche Problem nicht oder nur unzureichend löst.

Domain-Driven Design: Fachlichkeit im Code verankern

Ein bewährter Ansatz, die Fachdomäne ins Zentrum zu stellen, ist Domain-Driven Design (DDD), maßgeblich geprägt von Eric Evans. Ziel des DDD-Prinzips ist es, das Wissen und die Sprache der Fachdomäne – das sogenannte Ubiquitous Language – direkt in den Code zu integrieren. Technische und fachliche Teams arbeiten dabei eng zusammen.

Das DDD-Konzept wurde bereits 2004 beschrieben, erlebt aber im Kontext komplexer Systeme (z. B. Microservices oder Event-driven Architekturen) eine Renaissance. Warum? Weil es hilft, Software entlang echter fachlicher Grenzen zu organisieren – nicht entlang technologischer Schichten, die häufig willkürlich sind.

Ein Beispiel: Während klassische Architekturmodelle oft zwischen Controller, Service und Repository unterscheiden, denkt DDD in sogenannten Bounded Contexts. Diese stellen abgegrenzte Fachbereiche dar, in denen Begriffe klar definiert und konsistent umgesetzt werden. So entsteht strukturelle Klarheit – auch in großen Projekten.

Statistik: Fachlichkeit schafft geschäftlichen Mehrwert

Eine Umfrage von ThoughtWorks (2023) zeigt: 68 % der befragten Unternehmen, die Domain-Driven Design im großen Stil einsetzen, berichten von deutlich gesteigerter fachlicher Kohärenz und reduziertem Umbauaufwand. Zudem ergab eine Capgemini-Analyse von 2024, dass IT-Projekte mit hohem Fokus auf Business-Domain-Verständnis eine um 31 % höhere Erfolgsquote aufweisen.

Diese Zahlen verdeutlichen: Wer den Aufwand investiert, echte Fachlichkeit ins Zentrum zu rücken, erhält robustere, leistungsfähigere und nachhaltigere Lösungen. Auch regulatorische Anforderungen – etwa in Banken oder im Gesundheitswesen – lassen sich durch modelldurchdrungene Software einfacher umsetzen.

Balance statt Entweder-Oder: Technologie gezielt einsetzen

Das bedeutet nicht, Technologie sei unwichtig – im Gegenteil. Die Kunst liegt im bewussten, differenzierten Einsatz. Die besten Resultate erzielt, wer Technologie nicht als Selbstzweck begreift, sondern als Mittel zum Zweck. Dazu gehört auch, neue Tools und Methoden kritisch auf ihre Wirkung für das Fachproblem zu hinterfragen.

  • Fragen Sie bei Technologieentscheidungen immer zuerst: „Welches Problem möchten wir damit besser lösen?“
  • Stellen Sie sicher, dass neue Architekturen (z. B. Microservices) fachlich gerechtfertigt sind – nicht nur technisch.
  • Nutzen Sie technische Innovation gezielt, um Fachprozesse verständlicher und robuster zu modellieren.

Best Practices: So kehren Sie zur Fachlichkeit zurück

Um fachliche Anforderungen konsequent in den Mittelpunkt zu stellen, braucht es mehr als nur gute Absichten. Folgende Maßnahmen haben sich in Projekten bewährt:

  • Interdisziplinäre Modellierungs-Workshops: Binden Sie Fachanwender:innen, Entwickler:innen und Architekt:innen frühzeitig gemeinsam in die Erarbeitung der Domänenmodelle ein.
  • Fachliche Verantwortung fördern: Ermutigen Sie Entwickler:innen, sich als Übersetzer fachlicher Anforderungen zu verstehen – nicht nur als technologische Umsetzer.
  • Ubiquitous Language pflegen: Benennen Sie Objekte, Prozesse und Daten genau so, wie es in der Fachdomäne üblich ist – und halten Sie diese Sprache konsistent in Code, Dokumentation und UI.

Viele Unternehmen setzen zudem auf sogenannte EventStorming-Workshops, bei denen Prozesse und Entscheidungen visuell abgebildet werden – eine effektive Methode, um Hidden Complexity früh sichtbar zu machen.

Fazit: Mehr Wirkung durch weniger Technikzentrierung

In einer Welt, in der technologische Innovation oft zum Selbstzweck wird, brauchen wir eine mentale Kehrtwende in der Softwareentwicklung. Statt von Technologie losgelöst zu denken, sollten wir sie wieder als das begreifen, was sie im Kern ist: ein Werkzeug zur Lösung konkreter Probleme.

Wer die Fachlichkeit konsequent ins Zentrum rückt, schafft bessere Systeme – für Anwender:innen, Unternehmen und die Gesellschaft. Die Herausforderung liegt nicht nur im Code, sondern im echten Verständnis dessen, was gebraucht wird.

Diskutieren Sie mit: Wie sorgen Sie in Ihrem Team dafür, dass Fachlichkeit den Vorrang hat? Welche Methoden, Tools oder Denkansätze haben sich für Sie bewährt?

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