Künstliche Intelligenz

KI als Finanzberater: Ein Risiko für Investitionen?

In einem hell erleuchteten, modernen Büro sitzt eine junge Frau entspannt vor einem Laptop, umgeben von warmem Tageslicht und grünen Pflanzen, während sie konzentriert Finanzdiagramme und Zahlen analysiert – ein einladendes Symbol für die Verbindung von menschlicher Entscheidungskraft und künstlicher Intelligenz in der Finanzberatung.

Ob Aktienkauf, ETF-Portfolio oder Altersvorsorge: Immer mehr Menschen wenden sich an ChatGPT und andere KI-Systeme, um bei Geldanlagen Orientierung zu finden. Doch wie zuverlässig ist künstliche Intelligenz in der Rolle eines Finanzberaters – und welche Risiken bringt das mit sich?

Von Empfehlung zu Entscheidung – Die neue Rolle der KI

Die Finanzberatung erlebt einen Paradigmenwechsel. Mit der steigenden Verfügbarkeit von generativer KI wie ChatGPT, Claude oder Gemini experimentieren immer mehr Nutzer:innen mit der Möglichkeit, Finanzwissen automatisiert zu generieren. Allein OpenAI verzeichnete 2025 über 180 Millionen aktive Nutzer:innen weltweit – ein signifikanter Teil davon nutzt die KI auch zur Orientierung in Geldfragen, wie eine KPMG-Studie von September 2025 bestätigt.

Bausteine sind generative Sprachmodelle, die über maschinelles Lernen auf Milliarden von Textquellen trainiert wurden und promptbasiert Antworten generieren. Damit kann ChatGPT beispielsweise Strategien zum Vermögensaufbau erklären, Vor- und Nachteile verschiedener Assetklassen skizzieren oder einfache ETF-Sparpläne erläutern. Das wirkt auf den ersten Blick transparent und hilfreich – täuscht jedoch oft über die Schwächen der KI hinweg.

Technologische Grundlagen: Was kann die KI wirklich?

Sprachmodelle wie GPT-4 von OpenAI, Googles Gemini 2.0 oder Anthropic Claude 3 können durch natural language processing (NLP) strukturierte Informationen verarbeiten und auch komplexe Sachverhalte beschreiben. Sie sind in der Lage, Marktdaten zusammenzufassen, Zinsentwicklungen historisch einzuordnen und einfache Risiko-Profile zu entwerfen.

Doch es fehlt an echter finanzieller Intelligenz im regulatorischen Sinne: Weder ist ein Sprachmodell per se aktuell (ChatGPT hat z. B. einen Cut-Off seines Trainingsstandes), noch ist es autorisiert oder lizenziert, individuelle Finanzberatung nach §34f GewO zu leisten.

„KI ist ein Werkzeug, kein Finanzberater“, warnt Dr. Cordula Schneider, Professorin für Digital Finance an der Universität Mannheim. „Sie liefert bestenfalls Anhaltspunkte, aber keine validen Entscheidungen basierend auf persönlichen Lebenssituationen oder dynamischem Börsengeschehen.“

Nutzenpotenzial: Wo generative KI glänzt

Dennoch sind KI-Systeme bei bestimmten Aufgaben eine wertvolle Ergänzung zur klassischen Beratung. Gerade für Einsteiger:innen bietet KI eine niederschwellige Möglichkeit, komplexe Begriffe wie TER, Rebalancing oder Diversifikation besser zu verstehen – ohne einen Termin bei der Hausbank.

  • Schnelligkeit: In Sekunden liefert die KI zusammengefasste Informationen zu Aktienmärkten, Fondssparplänen oder Anlagestrategien.
  • Verfügbarkeit: Beratung jederzeit, weltweit und unabhängig von Öffnungszeiten oder Wartelisten.
  • Kosteneffizienz: Kein finanzieller Aufwand im Vergleich zu traditionellen Honorarberatern oder Vermögensverwaltern.

Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) aus 2025 geben bereits 41 % der 25- bis 40-Jährigen an, regelmäßig KI-Tools zur finanziellen Orientierung zu nutzen. Viele setszen sie ergänzend zu Podcasts und Finanzblogs ein, etwa zur Recherche von Begriffen und Strategien.

Die Schattenseiten: Risiken und Fehlannahmen

So groß das Potenzial – so real sind auch die Gefahren. ChatGPT kann zwar Finanzwissen reproduzieren, aber keine persönliche Haftung übernehmen. Die Modelle können auf veralteten oder fehlerhaften Trainingsdaten basieren und unterliegen dem sogenannten „Halluzinationsrisiko“ – also der Erfindung falscher Informationen.

Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Nutzer fragte GPT-4 nach Empfehlungen für renditestarke Emerging-Markets-ETFs. Die KI nannte drei Fonds mit ISIN-Angabe und Performance-Daten – die jedoch nicht existierten oder falsch waren. Die Quelle war unklar, die Angaben veraltet. Eine Entscheidung auf dieser Basis wäre risikobehaftet.

Zudem manipulieren manche Nutzer:innen bewusst Prompts oder nutzen Jailbreak-Anfragen, um KI dazu zu bringen, gezielte Empfehlungen auszusprechen – entgegen allen Richtlinien. Das öffnet Spielraum für gefährlichen Missbrauch, insbesondere unter emotionalen oder finanziell unter Druck stehenden Anleger:innen.

Hinzu kommt ein regulatorisches Graufeld: Weder BaFin noch ESMA haben bislang eine abschließende Regulierung für KI-Finanzberatung formuliert. „Hier drohen Fehlnutzungen im rechtsfreien Raum“, warnt Thomas Wulff, KI-beauftragter bei der Deutschen Kreditwirtschaft.

Expertenblick: Wenn Algorithmen zu Vertrauensinstanzen werden

Im Interview mit dem TechMagazin betont Dr. Sarah Beyer, Risikomanagerin bei Allianz Global Investors: „Grundsätzlich glaube ich an die ergänzende Stärke der KI. Aber sie braucht Kuratierung, Qualitätskontrolle und menschliche Korrektive.“

Ihr Team untersucht derzeit Korrelationen zwischen Anlegerverhalten und KI-Empfehlungen. Eine Vorstudie zeigt: Bei 27 % der befragten Privatinvestor:innen führte eine Interaktion mit einer KI zu einer konkreten Veränderung im Anlageverhalten – trotz fehlender Validierung.

„Das zeigt, dass wir es weniger mit einem Tool als mit einer Entscheidungshilfe zu tun haben, die Einfluss nimmt“, so Beyer. Diese Tendenz – künstliche Autorität statt menschlichem Urteil – sei besonders bei finanziell unerfahrenen Nutzer:innen gefährlich.

Praxis im Einsatz: Robo-Advisor, Finfluencer und digitale Assistenten

Bereits heute integrieren zahlreiche Finanz-Plattformen KI-basierte Assistenten zur Anlagestrategie. Dienste wie Scalable Capital, Quirion oder Oskar nutzen algorithmische Entscheidungsmodelle, basierend auf Risikoprofilen, Marktdaten und Anlagezielen. Die Schnittstelle zu ChatGPT ist hier jedoch nicht direkt. Während Plattformen wie Betterment oder Wealthfront in den USA zunehmend generative KI in ihre UX einbauen, bleibt der Markt in Europa vorsichtiger.

Ein weiteres Phänomen: sogenannte Finfluencer-Prompts. TikTok- und YouTube-Kanäle geben fertige Prompts für ChatGPT an die Hand, mit denen ETF-Portfolios, Kryptostrategien oder Immobilienrenditen analysiert werden. Doch diese Prompt-Vorlagen sind oft falsch konzipiert oder veraltet. Die Qualität der Antworten hängt stark vom Prompt-Design ab – ein Problem, das viele unterschätzen.

Empfehlungen für einen sicheren Umgang mit KI in Finanzfragen

Wie also umgehen mit einer Technologie, die Orientierung verspricht – aber keine Verantwortung trägt? Drei Empfehlungen aus der Praxis:

  • Nur zur Erstinformation nutzen: Verwenden Sie KI-Systeme ausschließlich zur Vorabrecherche. Für konkrete Strategien oder Produkte immer eine lizensierte Finanzberatung einbeziehen.
  • Informationen gegenprüfen: Validieren Sie wichtige Angaben (z. B. Fonds-ISIN, Gebührenstruktur, Produktanbieter) über offizielle Quellen wie die BaFin, Morningstar oder Anbieterwebsites.
  • Kritischer Prompt-Einsatz: Nutzen Sie präzise Formulierungen bei Prompts, vermeiden Sie suggestive Fragen wie „Welcher ETF gibt die höchste Rendite?“ und hinterfragen Sie stets die Quelle und Aktualität der Antwort.

Fazit: KI kann hilfreich sein – aber sie ersetzt keine Verantwortung

Der Einsatz von ChatGPT und anderen KI-Plattformen in finanziellen Kontexten bringt zweifellos Komfort, Zeitersparnis und Wissenstransfer. Doch dem gegenüber stehen Risiken wie Unvollständigkeit, Fehlinformationen und täuschend echte Pseudogenauigkeit.

Finanzberatung bleibt ein personalisierter, regulierter und zukunftsgestaltender Prozess – und sollte es auch bleiben. KI kann Teil dieses Prozesses sein, aber nicht seine Basis. Die Verantwortung liegt weiterhin beim Menschen.

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